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Auschwitz: Geschichte in Block 17 korrigiert

05.10.2021 • 13:05 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Parlamentspräsident Wolfgang Sobotka eröffneten den neuen Österreich-Pavillon in Auschwitz.
Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Parlamentspräsident Wolfgang Sobotka eröffneten den neuen Österreich-Pavillon in Auschwitz. PARLAMENTSDIREKTION/THOMAS TOPF

In Auschwitz-Birkenau wurde in aller Stille eine neue Ausstellung eröffnet.

Die Kinder wurden von ihren Müttern nicht getrennt. Die Lager-SS wollte keinen Aufruhr. Die Duschköpfe waren Attrappen. Das Zyklon B strömte von oben durch einen Schacht. Der Todeskampf dauerte eine halbe Stunde. An effizienten Tagen starben zehntausend Häftlinge am Tag. Mehr als eine Million, darunter Zehntausende aus Österreich, kehrten aus der Todesfabrik Auschwitz-Birkenau im polnischen Schlesien nicht mehr zurück. Überlebende berichteten, sie seien, ihrer Habseligkeiten und letzten Erinnerungsstücke beraubt, in Kreaturen verwandelt worden und keine Menschen mehr gewesen.

76 Jahre nach der Befreiung des größten deutschen Vernichtungslagers reisten gestern Österreichs ranghöchste Politiker, Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Parlamentspräsident Wolfgang Sobotka, nach Auschwitz, um den neuen Österreich-Pavillon auf dem Gelände des Lagerkomplexes zu eröffnen. Man fuhr aus ökologischen Gründen mit dem Zug, dem Transportmittel der Deportierten. Damals waren es Viehwaggons. Beklommenheit kam da und dort in der First Class auf. Polnisches Servierpersonal huschte mit Wiener Schnitzel vorbei. Berufsschüler durften mit, man hatte sie vorbereitet. Auch der Außen- und die EU-Ministerin begleiteten das Staatsoberhaupt. “Es ist uns ein nationales Anliegen”, sagte Sobotka. “Der Antisemitismus, in ganz Europa im Anschwellen, muss wieder auf den Bodensatz zurückgedrängt werden, auf dem er war.” Während der Zugfahrt erzählte er von seiner Konfrontation mit der Geschichte seiner belasteten Vorfahren. Er habe sich die Familiengeschichte als Teenager von der Seele geschrieben. Nicht im Zug saß Richard Finsches, der einzige Überlebende, der an der Eröffnung teilnahm. Der 95-jährige Wiener reiste mit einem Angehörigenbus an. Er ertrage den Rummel nicht. Auf Krücken gestützt starrte er auf die schwarz-weißen Fotos, die Projektoren im Durchlauf auf die Betonwand warfen.

Die alte Ausstellung aus den späten Siebzigern befand sich im Block 17, einer Barackenanlage, wo Häftlinge untergebracht waren, die die erste “Selektion” überstanden und auf die weitere Verwendung warteten. Die alte Schau war ein Kind ihrer Zeit, wie die Redner verschämt anmerkten. “Sie wurde im In- und Ausland zu Recht kritisiert”, räumte Van der Bellen ein. Opfer hatten die damalige Dokumentation wesentlich mitgestaltet, sie waren die ersten Opfer, aber ihr Opfertum wurde geweitet und verländert: “Österreich, das erste Opfer des Nationalsozialismus”. Die Teilwahrheit, als Selbstlüge vergemeinschaftet, war auf einer riesigen Plakatwand wortident und unreflektiert im Schauraum zu lesen. Sie zeigte deutsche Stiefel, die von Bayern über das annektierte Land marschieren. Erst spät, 2005, stellte man ein erklärendes Banner dazu und kontextualisierte das alte Geschichtsbild. Es trug dazu bei, dass sich Österreich in diese Länderausstellung hineinmogeln konnte: Sie war nur Opferländern vorbehalten. Deutschland darf bis heute daran nicht mitwirken. “Mir bereitet das ein Unbehagen”, gestand Kurator Hannes Sulzenbacher, “mit welchem Recht dürfen wir dabei sein und Deutschland nicht? Wir waren genauso ein Täter-Opfer-Land wie unsere Nachbarn.” Deutschland würde gern, sei aber zu demütig, um zu bitten.

Zehn Jahre dauert es, bis der Entschluss, einen inhaltlich und ästhetisch überarbeiteten Österreich-Pavillon zu errichten, der das gereifte Geschichtsbild widerspiegelt, Wirklichkeit wurde. Allein die baulichen Sanierungsarbeiten im denkmalgeschützten Komplex, seit 2007 Weltkulturerbe, dauerten drei Jahre. Jedes Objekt, jede virtuell an die Wand geworfene Silbe musste mit der staatlichen Museumsleitung in Auschwitz abgestimmt werden. “Es war ein hartes Ringen”, erzählt Sulzenbacher. Er hätte die alte acht Meter lange Tafel mit den Stiefeln gerne in die neue Dokumentation einbezogen und ihr eine gleich lange gegenübergestellt: eine Großaufnahme von den Massen, die den fremden Stiefeln zujubelte. Die Museumsleitung unterband es. Man wolle, hieß es, keinen Biennale-Effekt unter den Teilnehmern: die Länderausstellung als Wettstreit, wer das reifere Geschichtsbild, wer der bessere Geläuterte sei. So bleibt die Zeit nach 45 ausgeblendet und auch das eine oder andere unerbetene Faktum: Dass Wien von der Roten Armee befreit wurde, diese Information fiel ebenfalls dem staatlichen polnischen Filter zum Opfer.

Die Opfer der Folterstätte bekommen eine Identität und die Täter auch. 10.000 von ihnen kamen aus Österreich. Das ergab eine Täterstudie. Opfer- und Täterdateien finden sich benachbart hinter Glas. 25.000 polnisch beschriftete Karteikarten haben die Rechercheure des Ausstellerteams durchforstet, um Spuren und Belege österreichischer Beteiligung zu eruieren. Nur wenige Täter wurden verurteilt, in Österreich kein einziger, aber ihre Namen werden in der Darstellung nicht mehr abgedunkelt. Das ist neu und war Thema heftiger Debatten mit dem Beirat. Wolfgang Sobotka: “Die Auseinandersetzung mit der Geschichte kann nicht die Konfrontation mit der halben Geschichte sein.” Oft blieb von den Tätern freilich nur die Gesundheitskartei zurück, weil sie alle Zeugnisse ihrer Verstrickung in die Barbarei vernichtet hatten. Die Kartei wird dennoch gezeigt. Sobotka verwies in diesem Zusammenhang mit Zuversicht auf die dritte Generation, die offener mit der Geschichte der Vorfahren umgehe, auf Opfer- wie auf Täterseite.

Alexander Van der Bellen erinnerte daran, dass Auschwitz nicht vom Himmel gefallen sei. “Der Boden war bereitet, der Samen war gesät.” Antisemitismus und Rassismus seien schon früh eingesickert in die Gesellschaft und hätten nach dem Ende des Nationalsozialismus weitergewirkt. Deshalb sei Erinnerung nichts Rückwärtsgewandtes oder Abgeschlossenes, sondern mit einer gegenwärtigen Verpflichtung verbunden. Van der Bellen: “Dem Andenken an die Opfer werden wir nur gerecht, wenn wir dafür sorgen, dass Menschenverachtung, Sündenbockdenken und Gewalt niemals wieder als politisches Instrument eingesetzt werden.” Das “Niemals wieder” bedeute, sich jeglichen Versuchen, den Rechtsstaat zu zerstören und die liberale Demokratie und ihre Freiheitsrechte auszuhöhlen, entschieden entgegenzustellen. Wolfgang Sobotka bündelte den Aufruf: Es dürfe keinen Kompromiss mit dem Antisemitismus geben, egal, welches Kostüm er trage. Als den “größten Widersacher” in diesem Kampf bezeichnete der Parlamentspräsident das Internet und die anonyme Enthemmung. Karoline Edtstadler verurteilte in ihrer Rede die “abscheulichen Entgleisungen” von Impfgegnern, die auf der Straße “Judensterne aufklebten und in den sozialen Netzwerken den Impfstoff mit Zyklon B verglichen”.

Ein schwieriger Gang war die Reise für Hannah Lessing, Generalsekretärin des Nationalfonds für die Opfer des Nationalsozialismus. Sie moderierte den applausfreien Festakt und kam in doppelter Betroffenheit: als Funktionsträgerin und als Angehörige, die ihre Großmutter in Auschwitz verlor und in jedem Backstein noch spüre. Sie legte einen kleinen Stein für sie nieder, wie sie es immer tut. Der Ort verströme eine besondere Energie, die eine “Energie des Todes” sei, eine Angstenergie. Es sei ein Gefühl, als ob sich aus der Erde die Hände der Ermordeten hilfesuchend emporrecken würden. Lessing: “Dabei bin ich ein pragmatischer und völlig esoterikfreier Mensch.” Draußen legte sich mildes Herbstlicht über das weitläufige Areal. Schüler balancierten auf den Gleisen.