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Die Schweiz-Vorarlberg-Frage in Quellen

08.10.2021 • 20:06 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Studierenden mit ihren Dozenten Wolfgang Weber (5.v.l.) und Daniel Segesser (2.v.r.) im Sommer 2019 in Bregenz. <span class="copyright">Philipp Steurer</span>
Die Studierenden mit ihren Dozenten Wolfgang Weber (5.v.l.) und Daniel Segesser (2.v.r.) im Sommer 2019 in Bregenz. Philipp Steurer

Forschungsaufenthalt von Schweizern in Vorarlberg mündete in eine Publikation.

Im Juni 2019 war eine Gruppe von acht jungen Schweizern in Vorarlberg. Dabei handelte es sich um Studierende der Universität Bern, die damals ein Seminar besuchten, das sich mit der Volksabstimmung 1919 in Vorarlberg über einen Anschluss an die Schweiz befasste.

Leiter der Lehrveranstaltung waren der Schweizer Historiker Daniel Marc Segesser und sein Vorarlberger Kollege Wolfgang Weber. Im Land erarbeiteten sie dann verschiedene Aspekte der Thematik, wofür sie eine ganze Reihe an Archiven und Bibliotheken durchstöberten.

Landesgelder

Mit einiger Verspätung ist nun eine Publikation dazu erschienen, die auch das Land Vorarlberg mitfinanziert hat. Veröffentlicht wurde sie im Rahmen der Reihe „Quaderni di Dodis – fonti“, wobei es sich bei Dodis um die Berner Forschungsstelle Diplomatische Dokumente der Schweiz handelt, eine Kompetenzstelle für die Geschichte der internationalen Beziehungen und der Außenpolitik der Schweiz.

Der nun vorliegende Band „Sehr geteilte Meinungen“, dessen Titel sich auf einen Zeitungsartikel von 1918 bezieht, enthält neben einer längeren Einleitung eine Reihe an Dokumenten, die die Vorarlberg-Schweiz-Thematik unter verschiedensten Aspekten beleuchten. Rund 120 Dokumente wurden diesbezüglich von den Studierenden und ihren Dozenten aus Archiven und Bibliotheken ausgewählt, 55 davon ediert und mit einem weiterführenden wissenschaft­lichen Apparat versehen, wie es heißt.

Das Buch

Daniel Marc Segesser, Wolfgang Weber und Sacha Zala (Hg.): Sehr geteilte Meinungen. Dokumente zur Vorarlberger Frage 1918-1922. Quaderni di Dodis 17, Dodis 2021. 202 Seiten. www.dodis.ch/de/quaderni

In der Einleitung „Die Schweiz und die Vorarlberger Frage 1918–1922“ wird auf rund 50 Seiten die Geschichte der Anschlussbestrebungen erzählt, ausgehend von der Situation nach dem Ersten Weltkrieg. Dabei wird kurz auf den aktuellen Forschungsstand eingegangen, um dann auch Themen wie die kommunale Ebene, die Rolle der Frauen oder einzelne Akteure wie Paul Pirker, die bis dato eher am Rande vorkamen, zu thematisieren. Berichtet wird etwa von einer Initiative der drei Rheindelta-Gemeinden Höchst, Gaißau und Fußach, die schon recht früh eine Petition für den Anschluss an die Schweiz starteten, die an die Regierung im Kanton St. Gallen gerichtet war.

Die Abstimmung im Mai 1919 ging bekanntlich mit einer großen Mehrheit von über 80 Prozent für die Aufnahmen von Verhandlungen aus – in diesem Zusammenhang wird in der Publikation thematisiert, dass die Frauen in Vorarlberg im Gegensatz zu den Schweizerinnen damals schon mitabstimmen konnten. Allerdings hätten die Vorarlbergerinnen anfangs kaum Interesse am Wahlrecht gezeigt.

Netzwerker Paul Pirker

Der Vertrag von St. Germain vom September 1919 besiegelte de facto das Ende der Anschlussbestrebungen. Das hinderte Befürworter und Gegner allerdings nicht daran, ihre Aktivitäten noch zu verstärken. „Als zentraler Netzwerker fungierte in diesem Zusammenhang Paul Pirker“, heißt es im Buch. Der Bregenzer Lehrer Pirker, der 1945 noch eine zentrale Rolle beim Einmarsch der Franzosen in Vorarlberg spielen sollte, entfaltete in der Folge eine rege Reise- sowie Vortrags- und Publikationstätigkeit für einen Anschluss. Genützt hat es nichts.

1922 gab es dann noch in Mittelberg Überlegungen über eine Selbstständigkeit in Form einer Republik Mittelberg. Auch diese wurden verworfen und Vorarl­berg blieb als Ganzes Teil der neuen Republik – vorerst.

Auch in Mittelberg gab es vor hundert Jahren Überlegungen zu einer Selbstständigkeit.  <span class="copyright">Hartinger</span>
Auch in Mittelberg gab es vor hundert Jahren Überlegungen zu einer Selbstständigkeit. Hartinger

Im teils recht spannenden und informativen Quellenanhang, der teilweise auch französische Quellen umfasst, ist unter anderem die Petition der Rheindelta-Gemeinden an die St. Galler Regierung enthalten, in der sie um eine „Grenzregulierung“ ersuchen. Enthalten ist auch ein Brief von 1919 des Mittelberger Gemeindevorstehers an den Lustenauer Protagonisten der Anschlussbewegung, Ferdinand Riedmann, einem später verurteilten Vergewaltiger einer Minderjährigen und Antisemiten. Darin wird darauf hingewiesen, dass in der Gemeinde keine Unterschriftensammlung für den Anschluss durchgeführt werden könne, weil sonst die Lebensmittellieferungen aus Deutschland gefährdet wären.

In einem weiteren Dokument wenden sich die Vorarlberger Industriellen an den Bundesrat. Sie warnen vor einem Anschluss an die Schweiz, weil dadurch ein „ungesunder Konkurrenzkampf“ entstehen würde und plädieren für einen Anschluss an Deutschland. Einige Dokumente sind unter anderem auch noch zu den Überlegungen einer „unabhängigen Republik Mittelberg“ enthalten. Die Dokumente sind alle auch online abrufbar. QR-Codes dazu und zu weiterem Online-Material gibt es im Buch.