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“Ich fühlte mich wie ein Aussätziger”

16.10.2021 • 13:27 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Am Donnerstag startete die Impfauffrischung in der Justizanstalt Graz-Karlau
Am Donnerstag startete die Impfauffrischung in der Justizanstalt Graz-Karlau Jürgen Fuchs

Ein Häftling erzählt, was es bedeutet, im Gefängnis coronapositiv zu sein.

Er hebt sich langsam aus dem Bett und trottet die wenigen Schritte zum Fenster, dreht um, geht zur Tür und zurück. Zwischendurch nimmt er sein Rätselheft in die Hand und blättert darin. Es ist Anfang Mai und Heinz A. sitzt seit zehn Tagen in Isolationshaft der Justizanstalt Graz-Kralau. Der 57-Jährige ist kein auffälliger Häftling, er hat sich weder geschlagen noch ist die Einzelzelle Teil seines Resozialisierungsprozesses.

Die Bestrafung diente der Absonderung, um die Ausbreitung des Coronavirus zu vermeiden. Eine Quarantänemaßnahme also. Für Heinz A. blieb es eine Tortur: „Ich fühlte mich wie ein Aussätziger.“ Der Kontakt zu anderen war ihm untersagt, Essen bekam er durch die Luke der massiven Stahltür gereicht, waschen durfte er sich nur im Haftraum. Lediglich mit den Vollzugsbeamten war hin und wieder ein Wortwechsel drinnen. Und abends bot der hinter Plexiglasscheiben verschlossene Fernseher Unterhaltsprogramm.

Einzelzelle in der Karlau
Einzelzelle in der KarlauFotograf

Aggressionspotenzial nahm zu

Rund 450 Häftlinge sitzen derzeit in der Karlau ein, nur 30 Prozent der Hafträume sind Einzelzellen. „Wäre ein Cluster ausgebrochen, hätten die Kapazitäten niemals gereicht“, sagt Gefängnis-Impfkoordinator Gerhard Sampt. Bis dato konnte ein solches Szenario vermieden werden. Während der Lockdown-Monate draußen, wurde auch hinter Gittern der Betrieb heruntergefahren, die Maßnahmen zur Freiheitsbeschränkung strenger: „Es gab keine Spaziergänge in den Höfen und die Gefangenen mussten Masken tragen. Viele haben sich in dieser Zeit zurückgezogen und ihre Zellen nicht verlassen“, so Sampt.

Gefängnis-Impfkoordinator Gerhard Sampt in einem Haftraum der JA Graz-Karlau
Gefängnis-Impfkoordinator Gerhard Sampt in einem Haftraum der JA Graz-KarlauFotograf

Was auffiel: Die Auseinandersetzungen zwischen den Häftlingen sind in dieser Zeit deutlich zurückgegangen. Das Aggressionspotenzial nahm ab, und eine gewisse Ruhe kehrte ein, berichtet Gefängnis-Leiter Josef Mock. Gleichzeitig mussten Resozialisierungsprogramme gestoppt werden: „Unter den Pandemiebedingungen hatten wir kaum eine Möglichkeit, Therapien vor Ort anzubieten. Und das ist das eigentliche Ziel einer Haftstrafe.“

Impfrate über 70 Prozent

Einen Monat nach seiner Isolation wurde Heinz A. erstmals geimpft, in dieser Woche war die Zeit für eine Auffrischung gekommen. Insgesamt zählt die Karlau eine Impfrate von 73 Prozent. Zum Einsatz kam vorwiegend der Impfstoff von Johnson & Johnson und nun Moderna. Der Impf-Zeitplan richtete sich nach den Regierungsvorgaben: Risikogruppen im hohen Alter und mit Vorerkrankungen wurden priorisiert – das betraf rund 20 Prozent.

Österreichweit sind 5858 Insassen im Straf- und Maßnahmenvollzug geimpft, das entspricht einer ungefähren Impfquote von rund 77 Prozent. Drei Häftlinge sind coronapositiv und 428 genesen.
Gemeinsam mit anderen Insassen sprach Heinz A. oft über die Impfung. Es gab einige, die dagegen waren, und andere, die Angst hatten. Doch Trost suche man im Gefängnis vergeblich, so A. Der 57-Jährige habe nie wirklich Bedenken gehabt: „Ich würde mich zu jeder Zeit wieder impfen lassen. Wenn das alle machen, wäre die Lage in Österreich sicher besser.“

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