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„Der Torhüter ist heute ein Risikomanager“

17.10.2021 • 09:00 Uhr / 11 Minuten Lesezeit
„Der Torhüter ist heute ein Risikomanager“
Michael Gspurning im Gespräch. Klaus Hartinger

Im Sport-Talk sprach Michael Gspurning (40) über das moderne Torhüterspiel.

Was ist für einen Torhüter eigentlich leichter erlernbar: das klassische Torhüterspiel, also die sogenannte Zielverteidigung, oder der moderne Part, der des Spieleröffners?
Michael Gspurning:
Ich möchte die Frage um einen Aspekt erweitern: Ich unterscheide beim klassischen Torhüterspiel nämlich zwischen, wie ich es nenne, 2D- und 3D-Spiel. 2D inkludiert alle Bälle, die aufs Tor kommen, unter 3D verstehe ich das Verhalten bei Flanken. Und dann gibt es eben noch Offensivspiel nach Rückpass samt dem Agieren als letzter Mann. Was alle im Fußball verstehen müssen, ist, dass Torhüter von Kindesbeinen an ein intensives Training brauchen. Der eine Nachwuchstorhüter hat seine Stärken eher im klassischen Spiel, zum Beispiel beim Absprung, der andere hat ein bisschen mehr Begabung mit dem Fuß am Ball. Als Kind und Jugendlicher steckt jeder Torhüter mitten in der Entwicklung, dabei kristallisieren sich nach und nach Stärken und Schwächen heraus, das liegt in der Natur der Sache. Bis zu einem gewissen Alter lassen sich diese Schwächen in allen drei Bereichen korrigieren. Da würde ich gar keine Unterschiede machen.

Das heißt konkret?
Gspurning:
Lernbar sind alle drei Spielkomponenten, je älter ein Torhüter wird, desto schwieriger wird das Gegensteuern bei Schwächen. In den ersten Jahren im Tor hilft wahrscheinlich eine gewisse körperliche Robustheit am meisten. In der deutschen Bundesliga haben wir sehr viele Torhüter, die auf der Linie sehr stark sind; ich würde sogar behaupten, das trifft auf fast alle zu. Ein Manuel Neuer ist dagegen ein kompletter Torhüter, er beherrscht alle Facetten des Spiels und hat das fußballerische Element im Torwartspiel auf ein zuvor nicht vorstellbares Niveau gehoben. Deshalb war er für viele Jahre hinweg der mit Abstand beste Torhüter der Welt.

Würde Oliver Kahn in der heutigen Bayern-Mannschaft besser funktionieren oder Manuel Neuer in der Bayern-Mannschaft, die 2001 die Champions League holte?
Gspurning:
Das ist eine spannende Frage, weil sie neben dem Vergleich zweier Torhüter-Legenden den Aspekt berücksichtigt, dass jeder Torhüter zur Mannschaft passen muss. Wir bei Union Berlin brauchen im Kampf um den Klassenerhalt eine Nummer eins, die auf der Linie stark ist und die Flanken herunterpflückt; unsere Torhüter haben diese Qualitäten. Eine Mannschaft, die sich vor allem über ihr Offensivspiel definiert, bei der also das Spielerische im Vordergrund steht, für die ist sicherlich noch wichtiger als für uns, dass der Torhüter auch Stärken mit dem Fuß am Ball hat. Kahn hat auf der Linie in einer anderen Welt gespielt, Neuer wird als der mitspielende Torhüter in die Geschichte eingehen. Beide sind die besten Torhüter ihrer Epoche, ich glaube aber, dass Kahn es in der heutigen Bayern-Mannschaft schwieriger hätte als Neuer in der 2001er-Mannschaft. Weil sich das Torhüterspiel enorm weiterentwickelt hat und Kahn mit seiner Spielweise nicht die taktische Aufgabe übernehmen könnte, die Neuer hat. Grundsätzlich verdeutlicht dieser Vergleich aber sehr gut, dass jede Zeit ihren eigenen Torwarttyp hat.

Ist es vorstellbar, dass das Torhüterspiel nochmals so einen Sprung macht wie durch die Spielinterpretation von Edwin van der Sar und dann vor allem Neuer? Gibt es Ihrer Meinung nach also noch eine Facette im Torhüterspiel, das völlig neu ausgelegt werden kann?
Gspurning:
Ich habe vor Kurzem einige Ausschnitte aus dem EM-Finale 1992 zwischen Dänemark und Deutschland gesehen. Die Dänen spielten Rückpass um Rückpass, in einer Szene passte Christiansen von der Mittellinie zurück zu Peter Schmeichel, der den Ball aufgenommen hat. Damals gab es die Rückpassregel noch nicht. Diese Szenen waren so ein seltsamer Anblick, obwohl ich zu dieser Zeit aufgewachsen bin. Doch heute kann man sich den Fußball ohne die Rückpassregel gar nicht mehr vorstellen. Entwicklungen im Torwartspiel wird es aber immer geben.

Früher hatte der Torhüter die Order, Fehler zu vermeiden.
Gspurning:
So ist es. Und mit früher ist auch die erste Zeit nach der Einführung der Rückpassregel gemeint. Es reichte aus, wenn der Torhüter den Ball ohne Zwischenfall nach vorne kicken konnte. Heute braucht ein Torhüter ein hohes taktisches Verständnis, er muss ein gutes Stellungsspiel haben und beim Spiel mit dem Ball mutig agieren. Der Torhüter hat dabei die Aufgabe des Risikomanagers. Er muss abwägen, ob er Risiko eingehen kann, und braucht dabei eine verlässliche Entscheidungsfindung. Denn wenn er die Situation falsch einschätzt, ist es ziemlich sicher ein Gegentor.

Neuer gilt in Deutschland als bester Libero seit Franz Beckenbauer.
Gspurning:
Bei Neuer gehe ich so weit, dass er der Quarterback der Bayern und der Nationalmannschaft ist. Er baut von hinten das Spiel auf, lenkt so die Angriffe, mit dem Ball am Fuß ist er der elfte Feldspieler. Aber bleiben wir bei Oliver Kahn. Sein Credo war, dass er 90 Minuten lang den Ball im Blick hatte. Jens Lehmann dagegen sagte, dass er auch wissen will, was abseits vom Ball passierte, und auch das Positionsspiel des Gegners im Auge hatte.

Wie viel spielt sich beim Torhüterspiel im Kopf ab?
Gspurning:
Der Torhüter braucht Selbstbewusstsein. Schon auch im Sinne von einem Vertrauen in sich, aber ebenso im Sinne von Bewusstsein über sich selbst. Also sich klar sein über die eigenen Stärken und Schwächen. Das ist sehr wichtig bei der Risikoeinschätzung. Ich war 17 Jahre Profi, habe drei Länderspiele gemacht, aber die Rolle des Trainers passt wahrscheinlich noch besser zu mir als die des Spielers. Weil ich als Torhüter zu wenig locker war, zu viel nachgedacht habe, nicht loslassen konnte. Ich habe mir zu viel Druck gemacht – statt mir auch in schwierigen Situationen zu vertrauen und mir meiner eigenen Qualitäten bewusst zu sein. Dadurch habe ich mich blockiert. Mir ist heute klar, wie wichtig der Spaß ist. Beim Training und im Spiel.

Worauf legen Sie im Training Wert?
Gspurning:
Die Länderspielpause habe ich verstärkt genutzt, um an Details zu arbeiten. Dabei sind wir genau auf diese Punkte zu sprechen gekommen, über die wir uns gerade unterhalten. Natürlich muss es im Sport immer das Ziel geben, sich zu verbessern, veränderte Kleinigkeiten können eine große Wirkung haben. Luthe ist mit 33 zur Union gekommen, damals habe ich zu ihm gesagt: Ich werde aus dir keinen Modellathleten mehr machen, aber wir können deine Effizienz steigern, dein Stellungsspiel verbessern, deine Passquote erhöhen. Er war gewillt, sein Spiel auch mit 33 noch weiterzuentwickeln, davor hat er den Block beim Eins-gegen-eins vermieden, jetzt macht es ihm Spaß, sich diesen Situationen zu stellen. Weil er das Selbstbewusstsein hat, bei seiner Entscheidungsfindung richtig zu liegen. Sehen Sie, so schließt sich der Kreis.

Inwieweit verändern die technischen Möglichkeiten den Trainingsalltag?
Gspurning:
Ich gehe davon aus, dass die Virtual-Reality-Brille den Trainingsalltag verändern wird. Zum einen dadurch, dass der Torhüter trainieren kann, ohne dafür physisch auf dem Platz zu stehen. Zum anderen wird die VR-Brille auch meinen Alltag als Trainer verändern, weil ich mir dadurch die Spielszenen ebenfalls aus der Ich-Perspektive anschauen kann. Dadurch erlebe ich die Situationen nach und bekomme ein Verständnis dafür, warum der Torhüter so reagiert hat, wie er eben reagiert hat. Wobei im Moment die Videoqualität bei diesen Brillen noch nicht sonderlich hoch ist. Je besser die Qualität wird, desto mehr werden diese Brillen zum Einsatz kommen.

Wie entscheidend ist für die Stimmung unter den Torhütern, dass auch der zweite Torhüter auf seine Einsatzminuten kommt?
Gspurning:
Vor allem zählt das Leistungsprinzip, und da haben wir eine hohe Qualität im Kader. Frederik Rönnow hat das Conference-League-Heimspiel gegen Maccabi Haifa gemacht und hat dabei zu null gespielt, wir gewannen 3:0. Das Spiel hatte er sich verdient. Weil er die Situation annimmt. Aber auch Luthe konnte die Entscheidung annehmen, dass er bei einem Europacupspiel auf der Bank sitzt. Er wusste, dass diese Belastungssteuerung gut für ihn war. Er hatte vor dem Haifa-Spiel bei unserem Heimsieg gegen Bielefeld stark gespielt und hat nach der Haifa-Partie bei unserem Auswärtssieg in Mainz überragend gehalten.

Zum Abschluss ein Schwenk nach Vorarlberg: Beim SCR Altach wurde in diesem Sommer die langjährige Nummer eins und Klublegende Martin Kobras im Alter von 35 Jahren vom Cheftrainer zur Nummer drei degradiert. Ist so ein harter Schnitt sinnvoll?
Gspurning:
Es wird Sie wahrscheinlich nicht überraschen, dass ich auf diesen konkreten Fall nicht eingehen kann. Es steht mir nicht zu, die Vorgänge in Altach zu beurteilen. Bei so einer Entscheidung stellt sich immer die Frage, welche ­Dynamik innerhalb einer Mannschaft entsteht, denn solche Rahmenbedingungen lösen natürlich etwas in einer Mannschaft aus, das weit über das Sportliche hinausgeht. Dessen muss man sich als Verantwortlicher bewusst sein.

Zur Person

Michael Gspurning

Geboren am: 2. Mai 1981 in Graz

Werdegang als Torhüter:

FC Union Berlin (2016–2017), FC Schalke 04 (2015/16), AO Platanias (2014), PAOK Thessaloniki (2014), Seattle Sounders (2011–13), Xanthi (2007–11), SV Pasching (2004–07), DSV Leoben (2001–04), Austria Wien (2000–01), ASK Voitsberg (bis 2000);

Nationalteam: 3 Länderspiele.

Werdegang als Torwarttrainer:

FC Union Berlin (seit 18.12.2017)