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Einfluss der Pandemie aufs Immunsystem

22.10.2021 • 16:27 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Mehr als ein Jahr Maske tragen und Abstand halten hat unserem Immunsystem einen Trainingsrückstand eingebracht
Mehr als ein Jahr Maske tragen und Abstand halten hat unserem Immunsystem einen Trainingsrückstand eingebracht realstock1 – stock.adobe.com (Viacheslav Peretiatko)

Früher als sonst breiten sich die saisonalen Viren aus.

Die Pandemie verdrängt so manches aus der Aufmerksamkeit. Etwa den Blick auf andere Krankheiten. Oder andere Viren. Und denen gibt es unzählige. Vor dieser Pandemie grassierten bestimmte von ihnen sehr zuverlässig im Herbst und Winter in unseren Breiten. Doch im letzten Jahr, dem ersten Corona-Winter, hat die Pandemie auch die Influenza zurückgedrängt. „Um die Anzahl der Coronatoten so niedrig wie möglich zu halten, haben wir im letzten Jahr auf Abstandsregeln und Maskentragen gesetzt“, sagt Virologin Monika Redlberger-Fritz, Leiterin des Nationalen Referenzlabors für die Erfassung und Überwachung von Influenza-Virusinfektionen. Die Folge: In ganz Österreich wurden im landesweiten Überwachungssystem in der letzten Grippesaison zwei Fälle detektiert.

Im Normalfall infizieren sich fünf bis 15 Prozent der Bevölkerung. Laut Gesundheitsministerium sterben jährlich rund 1000 Personen in Österreich an einer Ansteckung mit Influenzaviren. Doch welche Auswirkung hatten die Pandemie, das Maskentragen und Abstandhalten auf unser Immunsystem? Immunologe Martin Stradner (Univ. Klinikum für Innere Medizin Graz/Med Uni Graz) zieht einen sportlichen Vergleich. „Stellen Sie sich vor, Sie sind Läufer: Sie trainieren regelmäßig, um ihre Ausdauer und Fitness zu erhalten. Trainieren Sie aber ein Jahr lang nicht, werden Sie auch leistungstechnisch abfallen.“

Eine Trainingslücke des Immunsystems

Und wie ein Sportler muss auch das Immunsystem trainieren. Das passiert durch Kontakt mit Viren – Tag für Tag. So bleibt die Immunabwehr beweglich und kann rasch auf Eindringlinge reagieren. „Während einer Influenza-Saison kommen zahlreiche Menschen mit dem Virus in Kontakt, ohne Symptome zu entwickeln“, erläutert Redlberger-Fritz. Dieses Update wird als „stille Feiung“ bezeichnet – und ist 2020/21 ausgeblieben.

Das muss nicht notwendigerweise heißen, dass sich im Winter 2021/22 nun in eine massive Grippewelle vor uns aufbauen wird, doch die Möglichkeit ist, dass nach dieser „Trainingspause“ mehr Menschen schwerer an der Grippe erkranken. Vor allem die letzten beiden Geburtenjahrgänge sind immunologisch naiv, hatten kaum Kontakt zu saisonalen Viren. Erstinfektionen können kritisch werden, da viele Viren über einen längeren Zeitraum ausgeschieden werden, als bei nachfolgenden Infektionen.

Auch Rhino- und RS-Viren auf dem Vormarsch

Um das untrainierte Immunsystem zu unterstützen, raten Redlberger-Fritz wie auch Stradner zur Grippe-Impfung (siehe Infobox). Und zwar ab Ende Oktober, Anfang November, weil der Höhepunkt einer Grippesaison im Normalfall in den ersten Wochen des neuen Jahres liegt. Angezeigt sei die Impfung für alle Menschen, besonders aber für ältere sowie immungeschwächte Personen bzw. für solche, die mit Risikopatienten in Kontakt stehen.

Wie stark die kommende Grippesaison ausfallen wird, wird sich erst zeigen. Was sich aber jetzt schon abzeichnet ist, dass andere saisonale Viren einen Frühstart hingelegt haben. Etwa die Rhinoviren, von denen es über 100 verschiedene Arten gibt, die hauptsächlich Schnupfen und Erkältungen hervorrufen. Übertragen werden sie durch Tröpfchen-, aber auch über Schmierinfektion, hier hat also auch das Maskentragen einen geringeren Effekt.

Zehn bis zwölf Wochen früher als normal macht sich das Respiratorische Synzytial Virus (RSV) bemerkbar. „Wir haben jetzt schon so viele Fälle wie sonst in einer gesamten Saison“, schildert Redlberger-Fritz. Dieses verursacht Entzündungen der oberen aber auch der tieferen Atemwege. Setzt sich die Infektion in den Bronchiolen fest, kann es – vor allem bei Kleinkindern – zu Problemen mit der Sauerstoffversorgung kommen. Zahlreiche Kinder müssen mit einer RSV-Infektion aktuell auch im Krankenhaus behandelt werden. Eine Impfung gibt es in diesem Fall nicht, behandelt wird symptomatisch. Es bleibt also abzuwarten, welche Viren in dieser Saison die Oberhand behalten werden.

Die Grippeimpfung

Empfohlen ist die Influenza-Impfung vom Nationalen Impfgremium prinzipiell für alle, besonders aber für Menschen mit Risiko für einen schweren Grippe-Verlauf, wie Kinder, Schwangere, Senioren und chronisch Kranke.

Auch Personen mit erhöhtem Ansteckungsrisiko, wie Gesundheitspersonal, Personal in der Kinderbetreuung, Personen mit viel Kundenkontakt und Reisenden, wird zu einer Grippe-Immunisierung geraten.

Verabreicht sollte die Impfung ab Ende Oktober/Anfang November werden, denn der Höhepunkt einer Grippesaison liegt in den ersten Wochen des neuen Jahres.

Für Kinder zwischen sechs Monaten und 15 Jahren ist die Grippe-Impfung kostenlos. In Alters- und Pflegeheimen werden 100.000 Dosen kostenlos zur Verfügung gestellt.

Die Grippe-Impfung wird im Normalfall von Haus- und Kinderärzten durchgeführt. Auch bei Impfstellen ist sie erhältlich. Nähere Informationen unter:

www.gesundheit.gv.at/service/beratungsstellen/impfen

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