Allgemein

“Die Schlepper wittern wieder ihr Geschäft”

22.10.2021 • 11:43 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Im Burgenland wurden 29 Flüchtlinge in einem Transporter gefunden. Zwei davon sind tot, vom Schlepper fehlt jede Spur.
Im Burgenland wurden 29 Flüchtlinge in einem Transporter gefunden. Zwei davon sind tot, vom Schlepper fehlt jede Spur. APA/ROBERT JAEGER

Aufgriffe von Flüchtlingen in Transportern nehmen zu.

Als die Beamten am Dienstag im burgenländischen Siegendorf die Türen eines knallgelben Transporters öffnen, fällt Licht auf 29 in den Wagen gepferchte Flüchtlinge. Zwei von ihnen sind tot, die Obduktion der beiden Syrer wird später Erstickung als Todesursache feststellen. Einen Tag später finden Beamte im Kofferraum eines rumänischen Wagens drei Migranten, die dort zehn Stunden ohne Wasser gelegen sind.

Aufgriffe wie diese häufen sich in den letzten Monaten. Immer wieder werden kleine Transporter angehalten, in denen Menschen gefunden werden, die illegal einreisen. „Die Schlepper wittern derzeit wieder das große Geschäft“, sagt Gerald Tatzgern, der Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung der Schlepperkriminalität. „Früher stiegen Migranten oft vor der Grenze aus den Wägen, überquerten zu Fuß die Grenze und wurden dort wieder aufgesammelt. Nun bringen sie die Schlepper gleich über die Grenze.“ Für dieses „Service“ würden die Kriminellen dann noch mehr Geld verlangen, sagt Tatzgern. „Und dabei entstehen immer gefährlichere Verstecke.“

30.000 Aufgriffe seit Jahresbeginn

30.000 Aufgriffe haben die Behörden in diesem Jahr bereits verzeichnet. Damit sind die Zahlen auf dem Niveau von 2014 – ein Jahr vor Ausbruch der „Migrationskrise“ im Jahr 2015. Ein Grund für diesen Anstieg ist laut Tatzgern, dass sich der Großteil der aufgegriffenen Personen zuvor teils monatelang in den Westbalkanstaaten aufgehalten hat. „Viele berichten, dass sie sich jetzt auf den Weg gemacht haben, weil sie nicht noch einen Winter am Balkan verbringen wollen.“

Die verstärkten Grenzkontrollen während der Pandemie haben dafür gesorgt, dass viele auf ihrem Weg in beliebte Destinationen wie Deutschland, Schweden, Holland, Belgien und Österreich dort gestrandet sind. Im Innenministerium hatte man im Februar geschätzt, dass bis zu 100.000 Migrantinnen und Migranten auf ihre Weiterreise warten.

Steigerungen um 1.407 Prozent

Von Jänner bis September 2021 wurden an der EU-Außengrenze am Westbalkan 40.211 Aufgriffe verzeichnet. Um 148 Prozent mehr als im Vorjahr. Die deutlichste Steigerung wurde jedoch in Osteuropa verzeichnet – mit 6.179 waren es um 1.407 Prozent mehr Aufgriffe als noch 2020.

Vor allem an der Grenze zwischen Weißrussland und Litauen kam es zu ungewöhnlich vielen illegalen Grenzübertritten, die von den örtlichen Behörden kaum zu kontrollieren waren. Auch in Polen ist die Zahl der illegalen Aufgriffe zuletzt deutlich gestiegen. Im Oktober allein soll es laut Behörden bereits zu mehr als 10.500 versuchten Grenzübertretungen gekommen sein. 11 Monate zuvor waren es 120.

Als Grund für diesen Anstieg gilt Weißrusslands Machthaber Alexander Lukaschenko. Ihm wirft die Europäische Union seit Längerem vor, Migranten gezielt an die EU-Grenzen zu lotsen. Als Reaktion auf die strengen Sanktionen, die gegen sein Land verhängt worden waren.

Burgenländische Grenze zu Ungarn wieder Hotspot

Die aktuelle „Belastung“ an den heimischen Grenzen ist unterschiedlich verteilt. Während es an den Grenzen in der Steiermark und in Kärnten laut Ministerium nur zu vereinzelten Aufgriffen kommt, ist die burgenländische Grenze zu Ungarn erneut zum Hotspot geworden. Hier kommen vorrangig jene an, die von der Türkei über Bulgarien und Serbien in Richtung Ungarn unterwegs waren. Laut Tatzgerns Abteilung wird dort immer wieder der errichtete Grenzzaun mit Leitern oder Werkzeug überwunden. Auch der Brenner in Tirol wird wieder zunehmend von Schleppern genutzt. Hier kommen vor allem Menschen aus Griechenland und Italien an.

Was die Herkunft der in Österreich aufgegriffenen Personen betrifft, liegen laut Tatzgern weiterhin Länder wie Syrien, Afghanistan, Bangladesch und Pakistan vorne. Auch Ägypten, Irak und Somalia gehören inzwischen zu den Top-Nationen. Die 300 Schlepper, die allein in diesem Jahr von der Exekutive erwischt wurden, sind laut Ministerium entweder selbst Migranten aus Syrien, Afghanistan oder Pakistan, oder rumänische oder ungarische Staatsbürger. Nach jenem Schlepper, der den knallgelben Transporter gefahren hat, in dem die beiden Syrer den Tod gefunden haben, wird indes weiter gefahndet. Er hatte im Zuge der Kontrolle die Flucht ergriffen.

Kommt die nächste große Migrationsbewegung?

Die Frage, ob wir vor einer neuen großen Fluchtbewegung stehen, lässt sich laut Schlepperei-Experte Tatzgern nicht so einfach beantworten. „Derzeit würde ich eher mit Nein antworten. Es scheint, als hätten wir jetzt den Höhepunkt erreicht, aber was im Frühling passiert, kann niemand sagen.“ Vor allem die volatile Lage in Afghanistan stehe aktuell unter Beobachtung, ebenso wie Migration aus den Nachbarstaaten, in denen mehrere Millionen Afghanen leben. „Die Situation ist sehr dynamisch, innerhalb von zwei Wochen kann sich alles ändern.“

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Sonstige angezeigt.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.