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Kostenexplosion am Bau belastet die Kommunen

23.10.2021 • 21:25 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die Konsequenzen spüren nicht nur die privaten Häuslbauer, sondern auch die Kommunen. <span class="copyright">Hartinger</span>
Die Konsequenzen spüren nicht nur die privaten Häuslbauer, sondern auch die Kommunen. Hartinger

Baubranche boomt, Auftragsbücher voll, Roh- und Baustoffe knapp.

Baukostenexplosion: Ursachen, Auswirkungen, Aussichten

NEUE-Serie – Teil 1/4: Heute: Wie sich der Bauboom auf die

Kommunen auswirkt.

Von Jörg Stadler

Die Coronapandemie hat viele Branchen hart getroffen, der Bauwirtschaft konnte sie allerdings nichts anhaben. Im Gegenteil. Allerorten wird – nicht zuletzt wegen der Investitionsprämien des Staates – kräftig in die Hände gespuckt. Aber auch die niedrigen Zinsen und die sogenannte Flucht ins Betongold haben zum aktuellen Bauboom beigetragen. Die Folge sind globale Materialengpässe und massive Kostensteigerungen. Über diese Entwicklung stöhnen nicht nur private Bauherren oder Hausbesitzer, auch Kommunen leiden darunter.
Der Lustenauer Bürgermeister Kurt Fischer kann ein Lied davon singen. Erst vor Kurzem hat er den Baustart für das größte Hochbauprojekt in der Geschichte der Marktgemeinde offiziell eingeläutet. Die Gesamtkosten für den sogenannten Campus Rotkreuz wurden mit 48 Millionen Euro beziffert. Doch schon das erste Vergabepaket (Pfahlgründungs- und Baumeisterarbeiten sowie Haustechnik) mit Kosten in der Höhe von 14 Millionen Euro lassen darauf schließen, dass das Mammutprojekt am Ende des Tages um einiges teurer werden könnte als erwartet. „Wir sind schon jetzt rund zwei Millionen Euro drüber“, verrät Fischer auf NEUE-Anfrage. Er hofft, dass sich die Situation im Baubereich bald wieder beruhigt und sich die Kosten wieder einpendeln. Vorteilhaft wirke sich jetzt die offensive und nachhaltige Bodenpolitik der letzten Jahre aus. „Wenigstens müssen wir nicht auch noch teure Grundstücke kaufen“, sagt Fischer.

Situation in Bregenz

Auch im Bregenzer Bauamt beobachtet man die Entwicklungen mit Sorge. „Dass der Markt nervös ist, wissen wir ja schon länger“, berichtet Stadtbaumeister Bernhard Fink. In den letzten drei, vier Monaten habe sich die Situation aber massiv zugespitzt. „Einzelne Gewerke sind aufgrund von Materialengpässen und der überhitzen Konjunktur weit weg von der Preisbasis, die bisher üblich war. Wir erhalten Angebote, die teilweise 50 Prozent über der Kostenberechnung liegen.“ Ein weiteres Problem sei die hohe Arbeitsauslastung der Firmen. „Es gibt Ausschreibungen, bei denen wir nur wenige bis keine Angebote erhalten.“

Dornbirn

Ebenfalls vor großen Herausforderungen steht die Stadt Dornbirn, die gerade einige größere Bauprojekte zu stemmen hat. Beim Wiederaufbau der Ausweichschule Fischbach kommt es zu Verzögerungen und wahrscheinlich auch zu einer Erhöhung der Kosten. „Das betrifft sowohl den Holzbau als auch die anderen Gewerke“, teilt Pressesprecher Ralf Hämmerle auf Anfrage mit.
Direkt spürbar sei die aktuelle Situation auch bei Sanierungen und Instandhaltungen, die nicht aufgeschoben werden können. „Hier müssen wir uns eher bemühen, Handwerksbetriebe zu finden. Bisher ist uns das glücklicherweise gut gelungen“, so Hämmerle.

Bludenz

Kostensteigerungen stehen auch der Stadt Bludenz ins Haus. Für den Neubau der Volksschule Mitte – hier läuft gerade das Bauverfahren, und die Vergabe ist in Arbeit – belief sich die ursprüngliche Kostenschätzung nach dem Planungswettbewerb auf rund 18,5 Millionen Euro. Mittlerweile rechne man mit 20,5 Millionen Euro. Dieses Plus entspricht beinahe den Gesamtkosten für den neuen Kindercampus Bings, der in der vergangenen Woche eröffnet wurde.
Ebenfalls als „problematisch“ bezeichnet man in der Alpenstadt die Suche nach Handwerkern und die langen Lieferzeiten. Die Planbarkeit im finanziellen Bereich und in der Baudurchführung werde deshalb zusehends schwieriger.
Feldkirch. Sehr bedeckt hält man sich in der Stadt Feldkirch, wo mit der Sanierung des über hundert Jahre alten Kanalnetzes in der Innenstadt, dem Neubau der Volksschule Altenstadt und den neuen Poly-Werkstätten im ehemaligen ÖBB-Areal ebenfalls größere Bauprojekte anstehen. Man befinde sich erst in der Planungsphase, heißt es kurz und knapp aus dem Bauamt.

Projekte verschoben

Dass die Kommunen immer stärker mit den Folgen der überhitzten Baukonjunktur zu kämpfen haben, weiß man auch im Gemeindeverband. „Aufgrund zu hoher Angebotspreise im Vergabeverfahren oder aufgrund mangelnder Angebote mussten bereits vereinzelte Projekte verschoben werden“, bestätigt Dietmar Lenz, Leiter der Abteilung „Beschaffung und Vergabe“. Er empfiehlt den Gemeinden generell, bei Vergabeverfahren eine lange Vorlaufzeit einzuplanen, um ausreichend Angebote und Wettbewerb sicherstellen zu können. Auch für das mit 150 Millionen Euro veranschlagte Straßen- und Hochbauprogramm des Landes Vorarlberg wird der Steuerzahler wohl mehr berappen müssen als ursprünglich erwartet. Landesrat Marco Tittler (ÖVP) hält dazu fest: „Die Kostensteigerungen können noch nicht abschließend evaluiert werden, da noch nicht alle Rechnungen vorliegen.“ Allerdings räumt er ein, dass sich beim Neubau der Rheinbrücke Hard-Fußach die Preisgleitung beim Stahlbau mit derzeit 80 Prozent besonders ungünstig auswirkt. Derzeit liege die Preisgleitung bei einer Abrechnungssumme von 29,1 Millionen bei etwa neun Prozent. Bei einer Auftragssumme von 53,6 Millionen Euro und der Annahme von 10 Prozent ergibt dies Mehrkosten von 5,36 Millionen Euro.

„Aufgrund zu hoher Angebotspreise im Vergabeverfahren oder mangelnder Angebote wurden bereits vereinzelte Projekte ver­schoben.“

Dietmar Lenz, Gemeindeverband
Bürgermeister Kurt Fischer stemmt gerade das größte Hochbauprojekt in der Geschichte der Marktgemeinde Lustenau. Auch er berichtet von teils massiven Kostensteigerungen.<br><span class="copyright">hartinger </span>
Bürgermeister Kurt Fischer stemmt gerade das größte Hochbauprojekt in der Geschichte der Marktgemeinde Lustenau. Auch er berichtet von teils massiven Kostensteigerungen.
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Höhenflug bei Baukosten setzt sich fort

Der Höhenflug bei den Baukosten hat sich auch im September fortgesetzt. Die stärksten Kostentreiber waren nach Angaben der Statistik Austria einmal mehr Holz, Polystyrol und Schaumstoffplatten. Auch die Kosten für Kunststoffwaren sind weiter erheblich gestiegen. Brancheninsider sprechen von Mehrkosten je nach Baustoff zwischen 50 und 80 Prozent. Im Tiefbau sind die Preise für Diesel und Treibstoff sowie für bituminöses Mischgut hauptverantwortlich für den Kostenanstieg.

Im September 2021 lag der Baukostenindex (Basis 2020) für den Wohnhaus- und Siedlungsbau bei 114,2 Indexpunkten. Verglichen mit September 2020 entspricht das einem Anstieg von 14 Prozent. Auch die Tiefbausparten verzeichneten ebenfalls allesamt ordentliche Kostenanstiege. Zum Vergleich: Normalerweise schwankt der Baukostenindex im Bereich der Inflation.