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Keine Homöopathie auf Krankenschein mehr

24.10.2021 • 09:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Homöopathie für Kinder ist beliebt, weil sie mangels Wirkstoff keine Nebenwirkungen hat. <span class="copyright">DPA</span>
Homöopathie für Kinder ist beliebt, weil sie mangels Wirkstoff keine Nebenwirkungen hat. DPA

ÖGK hat die Rückerstattung für Homöopathika beendet.

Obwohl bisher keine anerkannte wissenschaftliche Studie die Wirkung von Homöopathie belegen konnte, erfreut sie sich nach wie vor einer gewissen Beliebtheit. Dieser ist es wohl auch geschuldet, dass die Vorarlberger Gebietskrankenkasse (VGKK) über Jahre hinweg Gelder der Versicherten dafür verwendete, um Rechnungen für die pseudomedizinischen Mittelchen zu erstatten. Die Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage des Vorarlberger Nationalratsabgeordneten Gerald Loacker (Neos) brachte kürzlich ans Licht, dass die VGKK zuletzt mehr Homöopathika erstattete als jede andere Gebietskrankenkasse. Ein Grund dafür dürfte die generelle Bewilligungsfreiheit für Verschreibungen unter 10 Euro sein.
Insgesamt wurden von der Kasse in den Jahren 2017 bis 2019 über 172.000 Euro dafür ausgegeben. Jährlich gab die VGKK damit beinahe so viel für homöopathische Mittel aus wie die fusionierte Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) im Jahr 2020 insgesamt.

Keine Homöopathie auf Krankenschein mehr

Ende der Erstattung

Doch auch bei der ÖGK hat sich mittlerweile die Erkenntnis durchgesetzt, dass Homöopathie keine Medizin ist. Auf NEUE-Anfrage heißt es von der Kasse: „In der Vergangenheit gab es in einzelnen Bundesländern Vereinbarungen – die noch als eigenständige Krankenversicherungsträger getroffen wurden –, in bestimmten Fällen Kosten zu übernehmen. Mit der Fusion zur Österreichischen Gesundheitskasse wurde festgelegt, diese Vereinbarungen auslaufen zu lassen.“
In Zukunft werden ÖGK-Versicherte solche Mittel also aus der eigenen Tasche finanzieren müssen. Schon bisher war die Erstattung eigentlich nur in Ausnahmefällen vorgesehen, von denen es eben in Vorarlberg außergewöhnlich viele gab. Während im Burgenland 2019 55,16 Euro für Homöopathika erstattet wurden, waren es im Ländle über 57.000 Euro. Laut Gesundheitsministerium sei generell kein Höchstmaß vorgesehen, „bis zu dem die Kosten für Homöopathika übernommen werden“.

Loacker stört sich daran, dass jahrelang öffentliche Mittel in die Homöopathie flossen: „Eine gesetzliche Kasse darf nur das für die Heilung Notwendige erstatten. Dinge, die nur ,guttun‘, ohne nachweislich zu wirken, gehören in ein Wellnessprogramm, nicht in eine gesetzliche Krankenversicherung.“

„Der Medizinische Dienst der Österreichischen Gesundheitskasse ist beauftragt, keine Homöopathika zu bewilligen, da aufgrund mangelnder medizinischer Evidenz eine Verschreibung als Krankenbehandlung nicht zielführend ist.“

Österreichische Gesundheitskasse

Was ist Homöopathie?

Homöopathie gehört zu den verbreitetsten pseudomedizinischen Behandlungsmethoden. Sie geht davon aus, dass die Ursubstanz eines Mittels dieselben Symp­tome hervorrufen muss wie die Krankheit, die damit behandelt wird. Dazu werden Mittel in so hoher Verdünnung verabreicht, dass ein Wirkstoff nicht mehr nachweisbar ist. Die Behauptung, dadurch übertrügen sich Informationen, konnte nie bewiesen werden. Als Ursubstanzen, die verdünnt werden, dienen neben verschiedenen, zum Teil hochgiftigen Pflanzen auch Tiere, etwa auch Ameisen und Ratten. Samuel Hahnemann (1755-1843), der Erfinder der Homöopathie, behauptete auch, dass Kaffeekonsum zu schlaffen Brüsten und Masturbation führe. Seine Thesen gelten heute als wissenschaftlich widerlegt. Homöopathika können aufgrund der nicht nachweisbaren Wirkstoffe auch keine Nebenwirkungen entfalten und sind noch immer beliebt, auch weil körperliche Selbstheilungsfähigkeiten und der Placeboeffekt den eingenommenen Mitteln zugeschrieben werden.

Gutes Geschäft

An der Homöopathie verdienen neben Wahlärzten, die sich der Methode verschrieben haben, vor allem die Apotheker und Hersteller. Der Verkauf homöopathischer Globuli und Alkoholtinkturen ist auch in Österreich ein Millionengeschäft. Insbesondere bei Kindern werden sie gerne als sanfte Alternative verabreicht, weil sie mangels Wirkstoffen auch keine Nebenwirkungen entfalten.
Das mag auch der Grund dafür sein, dass das Arzneimittelgesetz Homöopathika berücksichtigt, allerdings mit einem markanten Unterschied zu echten Medikamenten: Ihre Wirkung muss nicht bewiesen werden, und es werden keine wissenschaftlichen Studien für die Zulassung durchgeführt.
Homöopathische Mittel sind meist so hoch verdünnt, dass kein Molekül der in ihnen aufgelösten Ursubstanz mehr nachweisbar ist. Die Mittel haben daher keine über den psychosomatischen Placeboeffekt – dieser entsteht, wenn man nur glaubt, ein helfendes Medikament einzunehmen – hinausgehenden Wirkkräfte.

„Die Homöopathie hat es in 200 Jahren nicht geschafft, einen Beweis für ihre Wirkung zu liefern.“

Gerald Loacker, Nationalratsabgeordneter (Neos)

Persönliches Gefühl

Die von Befürwortern immer wieder vorgebrachten persönlichen Heilungserfahrungen sind entweder auf diesen Effekt oder die Selbstheilungskraft des Körpers zurückzuführen.
Als Argument für eine Behandlung auf Krankenschein reicht ein positives Selbsterlebnis nicht. Medikamente werden in Studien mit vielen Teilnehmern getestet. Homöopathika fallen in sogenannten Doppelblindstudien regelmäßig durch. Kein einziges homöopathisches Mittel hat bisher weltweit eine Arzneimittelzulassung nach wissenschaftlichen Standards erhalten.
Da ihre Wirkung mittlerweile als widerlegt gilt, dreht nun auch die ÖGK der Pseudomedizin den Geldhahn ab: „Aus Sicht der Österreichischen Gesundheitskasse ist es entscheidend, eine Krankenbehandlung entsprechend der aktuellen medizinischen Evidenz, Leitlinien und wissenschaftlichen Erkenntnissen auszurichten.“

Negative Studien

Auch der Dachverband der Sozialversicherungsträger lehnt „aufgrund der mangelnden medizinischen Evidenz eine Verschreibung homöopathischer Arzneimittel auf Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung“ ab und verweist dafür unter anderem auf eine Metastudie im angesehenen Journal Lancet, in der mehrere Studien zur Wirkung homöopathischer Mittel zusammenfassend untersucht wurden. Diese ergab, dass Studien mit hohen wissenschaftlichen Standards zu deren Ungunsten ausgingen und die Hinweise auf die Wirksamkeit von Homöopathie insgesamt auf den Placeboeffekt zurückzuführen seien.

Eine ebenfalls großangelegte Untersuchung der australischen Gesundheitsbehörde kam zum selben vernichtenden Ergebnis: „Es gibt keine zuverlässigen Hinweise darauf, dass Homöopathie abseits des Placeboeffekts wirksam ist.“

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