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“Der Angstgegner war der Mann im Spiegel”

27.10.2021 • 12:54 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Tennis-Legende Boris Becker
Tennis-Legende Boris Becker Kleine Zeitung/Weichselbraun

Tennislegende Boris Becker spricht über Spaltung der Tenniswelt durch Corona.

Herr Becker, Sie waren bei der Premiere des Franz-Klammer-Films „Chasing the Line“ zu Gast. Was verbindet Sie und den Kärntner „Kaiser Franz“?
Boris Becker: Eine lange Freundschaft. Ich war selbst Bewunderer seiner Kunst. Als kleiner Junge kann ich mich an seinen gelben Rennanzug erinnern und wie er den Berg runtergeschossen ist. Da war wohl jeder kleine Junge Franz-Klammer-Fan. Und jetzt sind wir seit über 20 Jahren Laureus-Gründungsmitglieder und haben uns oft gesehen und miteinander gegolft und viele schöne Stunden verbracht. Ich mag ihn sehr.

Haben Sie seinen Lauf zu Olympiagold damals erlebt?
Becker: Das war 1976. Da war ich neun Jahre alt. Im Hinterkopf hab ich ihn. Der gelbe Rennanzug und der waghalsige Stil sind mir in Erinnerung geblieben, aber es ist natürlich schon eine Weile her.

Wann wird es einen Kinofilm über Ihr Leben geben?
Becker: Da gab es schon einige Versuche. Meines Erachtens waren die Ideen nie zu 100 Prozent richtig getroffen. Es lag im Auge des Produzenten, wie er mich gesehen hat und was ihm wichtig war. Aber ich bin ja noch jung. Vielleicht kann sich das in den nächsten Jahren ändern.

Wer sollte die Hauptrolle spielen?
Becker: Ich weiß nicht, ob der Schauspieler Tennis spielen muss. Da gibt’s dann nur noch wenige. Ich würde sagen, dass Leonardo di Caprio vieles hat, was auch ich habe. Der könnte das sehr gut spielen.

Kein deutscher Schauspieler?
Becker: Ich bin nicht so Deutsch, wie ich vielleicht aussehe. Ich verbringe den größten Teil meines Lebens im Ausland. Insofern ziehe ich mehr auf internationale Schauspieler ab.

Kommen wir zum Sportlichen. Das Trio Federer/Nadal/Djokovic sucht nach einem Nachfolger. Wer wird in diese Fußstapfen treten?
Becker: Das ist die große Frage. Ich bin kein Hellseher, sonst könnte ich Ihnen einen Namen garantieren. Noch ist Novak Djokovic die Eins. Das wird sich in naher Zukunft nicht verändern. Wenn man die US Open gesehen hat, sind Alexander Zverev, Daniil Medwedew oder Stefanos Tsitsipas die nächste Gruppe von Spielern. Dann ist die Frage, wie schnell sich Dominic Thiem erholt. Er war vor seiner Verletzung die Nummer zwei. Dann gibt es wirklich jüngere wie einen Jannik Sinner oder Carlos Alcaraz. Die kann ich mir durchaus einmal auf der Nummer eins vorstellen.

Österreichs Nummer 1 Dominic Thiem wird von einer Handgelenksverletzung gestoppt. Was zeichnet ihn aus?
Becker: Sein Siegeswille. Er ist der Erste, der sagen wird, dass er nicht mit unglaublich großem Tennistalent gesegnet ist. Nur ganz wenige arbeiten härter und disziplinierter und haben diesen unbedingten Willen. Das ist der Grund, warum er die US Open gewonnen hat und warum er lange Jahre absolute Weltspitze war. Er arbeitet Tennis und das ist nichts Verwerfliches.

Sie haben Ihre Karriere 1999 beendet. Wie hat sich der Tenniszirkus seither verändert?
Becker: Schon. Natürlich auch das Schlägermaterial. Die Regeln sind noch die gleichen. Die Faktoren, um ein Match zu gewinnen, sind immer noch identisch. Man braucht Konzentrationsfähigkeit, die mentale Stärke und die Klasse auf dem Platz. Man muss strategisch und taktisch gut geschult sein. All das gab es früher schon. Nachdem Djokovic, Federer und Nadal so lange schon führend sind, kann man sagen, dass Tennis hat sich nicht groß verändert.

Wenn wir an Ihre Erfolge in Wimbledon zurückdenken. Wo würde ein Boris Becker in Hochform im heutigen Tennis stehen?
Becker: Das ist eine Frage, die man nicht beantworten kann. Ich hätte gerne als 18-Jähriger gegen jeden von heute in Wimbledon gespielt. Ich hätte mich da auch über meine Chancen gefreut. Herausfinden kann man das aber nie.

Wer ist der Beste aller Zeiten?
Becker: Ich tue mir schwer mit dem Wort „Beste“. Da tut man den anderen Generationen unrecht. Ich weiß nicht, ob ein Rod Laver schlechter war als Roger Federer oder ob ein John McEnroe schlechter war als Novak Djokovic. Jede Generation war außergewöhnlich gut. Man kann sagen, es gibt die drei erfolgreichsten Spieler und die heißen Djokovic, Nadal und Federer mit jeweils 20 Grand Slams.

Hatten Sie einen Angstgegner?
Becker: Oh ja. Den Mann, den ich jeden Morgen im Spiegel im Badezimmer gesehen habe.

Und einen Lieblingsgegner?
Becker: Das waren die, gegen die ich gewonnen habe.

Derzeit scheinen die Coronaregeln und vor allem die Impfung, die Tenniswelt zu entzweien. Sind die Australian Open in Gefahr?
Becker: Nein, aber ich glaube, es ist offen, wer spielen darf. Ich respektiere jede Entscheidung, nicht öffentlich bekannt zu geben, ob man sich geimpft hat oder nicht. Das muss man respektieren, egal ob der Mensch ein Tennisspieler oder ein Fußballer ist. Ich bin zweimal geimpft und stehe dazu, aber ich kann einen anderen Menschen nicht dazu zwingen. Wenn man in einem Sport spielt, in dem es Regeln gibt und wo es rechtliche Voraussetzungen von den Regierungen gibt, dann muss man sich unterordnen und kann nicht spielen. Insofern gibt es keine Alternative. Es ist ein heikles Thema. Es geht um Menschenrechte und das ist heilig, und insofern muss man aufpassen, wie man medial und politisch damit umgeht.

Ihr Ex-Schützling Novak Djokovic will seinen Impfstatus nicht bekannt geben.
Becker: Was man respektieren soll.

Gibt es nicht eine Vorbildwirkung, die er hat?
Becker: Das meine ich. Zuerst ist er ein Mensch und nicht Tennisspieler, und wenn er das in einer Pandemie, wo Hunderttausende gestorben sind, für sich behalten will, dann muss man das respektieren. Es ist eine schwierige Diskussion, weil es gibt kein Richtig oder Falsch.

Langweilig ist Ihnen in Ihrem bewegten Leben wohl nie geworden. Welche Überraschungen haben Sie noch parat?
Becker: Ich hoffe, noch einiges. Ich werde nächsten Monat erst 54 und habe noch vor, einige gute Jahre zu leben. Sie haben vollkommen recht, es war nicht langweilig. Das lag teilweise an mir und teilweise an anderen. Es ist, wie es ist, ich möchte nichts verändern.