Allgemein

Intensivpatienten: Großteil ist ungeimpft

27.10.2021 • 19:31 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Die Zahl der Neuinfektionen steigt, jene der Hospitalisierungen bzw. der Intensivbettenbelegung wird wohl in einigen Tagen nachziehen, sagt Walter Hasibeder.
Die Zahl der Neuinfektionen steigt, jene der Hospitalisierungen bzw. der Intensivbettenbelegung wird wohl in einigen Tagen nachziehen, sagt Walter Hasibeder. APA/OÖG (OÖG)

Intensivmediziner Walter Hasibeder über die Situation in den Spitälern.

Wir sehen sehr hohe Zahlen an Neuinfektionen während der letzten Tage. Wie wird sich die Lage aus Ihrer Sicht entwickeln?
Walter Hasibeder: Man muss damit rechnen, dass sich die gestiegene Zahl der Neuinfektionen im Abstand von etwa zwei Wochen auch auf den Intensivstationen niederschlagen wird. Wenn die 3-G-Regel an den Arbeitsplätzen wirklich exekutiert wird, müsste sich das Infektionsgeschehen eigentlich etwas beruhigen.

Haben Ihrer Ansicht nach die zwei neuen Stufen, die am Wochenende von der Regierung präsentiert wurden – Stichwort Lockdown für Ungeimpfte – das Potenzial, die Situation auf den Intensivstationen zu entschärfen?
Hasibeder: Mein größtes Problem bei diesem Plan ist die Überprüfung in der Praxis. Wie soll man die Maskenpflicht bei Ungeimpften flächendeckend kontrollieren? Wie soll man die „Heimquarantäne“ konsequent umsetzten? Ich denke, eine generelle Maskenpflicht in geschlossenen öffentlichen Räumen in Kombination mit einer 2-G-Regel in der Gastronomie, bei Veranstaltungen und beim Sport wären adäquate Maßnahmen zur raschen Eindämmung der Infektionszahlen gewesen.

Wie viele Personen liegen auf Ihrer Intensiv-Station aktuell?
Hasibeder: Moment haben wir in Zams vier Personen auf Intensivstation und zwölf Patientinnen und Patienten im Krankenhaus auf Isolationszimmern (Stand 25.10.2021). Kein Patient auf unserer Intensivstation war geimpft.

Zur Person

Walter Hasibeder ist seit März Präsident der  Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI). Der Tiroler ist ärztlicher Leiter der Anästhesie und Operativen Intensivmedizin am Krankenhaus St. Vinzenz in Zams.

Sie sprechen den Impfstatus an. Wieso ist diese Diskussion um geimpft oder ungeimpft derart emotionalisiert? Wieso kommt man mit den Fakten, nämlich dass eine Covid-Impfung zu einem hohen Prozentsatz wirksam vor einem schweren Verlauf schützt, vielfach nicht durch?
Hasibeder:
Da müsste ich Psychiater sein, um das erklären zu können! Was ich aber sagen kann ist, dass es einen privaten Fernsehsender gibt, der wöchentlich Covid-19 als harmlose Erkrankung darstellt und immer wieder betont, wie unsicher die Impfung wäre und dass man durch eine hohe Durchimpfungsrate nichts verändern kann. Die Diskussionsteilnehmer sind dabei größtenteils unbekannt und keiner dieser Damen und Herren dürfte jemals einen schwer an Covid-19 Erkrankten gesehen haben, geschweige denn Verantwortung für die Therapie und das betreuende Team übernommen haben. Zusätzlich haben wir eine politische Partei, die im Prinzip kein echtes Parteiprogramm mehr hat, und daher in zunehmendem Maße mit Verschwörungstheoretikern und Impfgegnern unter dem Deckmäntelchen des Schutzes persönlicher Freiheitsrechte sympathisiert. Es ist ein Trauerspiel, dass es in unserem Land Institutionen und Politiker gibt, die bewusst Menschen gefährden und die mitverantwortlich sind an den Folgeschäden durch diese Erkrankung und auch am Tod von Menschen. Das ist zumindest meine persönliche Ansicht.

Verändert die Erkrankung die Sicht auf die Impfung mancher Patientinnen und Patienten?
Hasibeder: Da werden sie vom „Saulus zum Paulus“, das muss man ehrlich sagen. Wenn man einmal das Gefühl hat, man bekommt keine Luft mehr, wenn man Todesangst hat, wenn man weiß, dass man an dieser Erkrankung sterben kann, dann ändert man seine Einstellung. Wir hatten etwa einen Patienten, der sich nicht impfen lassen wollte, und diese Entscheidung bereut hat.

Wenn Covid-Patientinnen und Patienten auf Ihre Station verlegt werden, mit welchen medizinischen Problemen haben diese zu kämpfen?
Die Patientinnen und Patienten, die zu uns kommen, haben ein zunehmendes respiratorisches Versagen der Lunge durch eine zumeist schwere Lungenentzündung. Die Betroffenen haben das Gefühl, dass sie immer schlechter Luft bekommen, der Sauerstofftransport ist zunehmend beeinträchtigt. Auch Herzmuskelentzündungen sehen wir regelmäßig und 10 bis 15 Prozent der Betroffenen entwickeln ein akutes Nierenversagen.

Was hat man in der Behandlung dazugelernt?
Hasibeder: Jeder Patient, jede Patientin mit respiratorischen Symptomen bekommt eine Steroidtherapie – einmal täglich acht Milligramm Dexamethason für mindestens zehn Tage. Hinzugekommen sind spezielle Therapeutika, welche die „inflammatorische Suppe“, also die überschießende Reaktion des Immunsystems, „abkühlen“ sollen. Es scheint, dass diese die Mortalität etwas zu reduzieren, die großen Erfolge sind hier aber bisher ausgeblieben.

Hat sich im Patienten-Profil oder im Hinblick darauf, wie sich die Krankheit gestaltet, während der letzten Monate etwas verändert?
Hasibeder: Vor allem von meinen Kolleginnen und Kollegen aus dem Osten weiß ich, dass die Betroffenen zunehmend jünger werden. Wir sehen auch schwere Verläufe bei schwangeren Frauen und es sind bereits schwangere Frauen auf Intensivstationen verstorben. Wir im Tiroler Oberland haben hauptsächlich ältere Patienten. In der ersten Welle war das durchschnittliche Patientenalter um die 65 Jahre, in der zweiten waren wir bei 72 Jahren – ich habe keine wirkliche Erklärung für diese Diskrepanz. Während der ersten Welle haben sich die Lungenentzündungen mit der Zeit gebessert und sind ausgeheilt, auch bei den intubierten und invasiv beatmeten Patienten. Im Gegensatz dazu hatten wir in der zweiten Welle eine hohe Mortalität bei invasiv beatmeten Patienten. Innerhalb von nur zwei Wochen waren die Patientenlungen oft zerstört und mit Bindegewebe massiv umgebaut. Medizinisch sprechen wir dabei von einer schweren Lungenfibrose. So etwas habe ich selten zuvor gesehen. Wir glauben, dass in dieser zweiten Welle bereits eine andere, aggressivere Virusvariante (Alpha-Variante), das Infektionsgeschehen dominiert hat. Am Ende mussten wir oft, bei fehlenden Überlebenschancen, eine Therapiezieländerung in Richtung palliative Therapie vornehmen – diese Situation war für das gesamte Intensivteam extrem belastend.

Liegen auf „Intensiv“ nur Patienten mit Vorerkrankungen oder auch Übergewicht, also Risikopatienten, oder ist das Spektrum breit gefächert?
Hasibeder: Meistens sind es Patienten, die Vorerkrankungen haben. Wir haben auch schon Durchbruchsinfektionen bei geimpften Personen erlebt. Da war etwa ein Patient, der hatte als Grunderkrankung eine chronische Leukämie. Er war mit einem Vektorimpfstoff vollimmunisiert, hat sich infiziert, einen schweren Verlauf entwickelt und ist dann auch verstorben. Das Gros der Patienten, die auf österreichischen Intensivstationen liegen, sind nach wie vor ungeimpft.

Manche sagen, die Intensivstationen in Österreich waren im Laufe dieser Pandemie nie überlastet. Wie bewerten Sie diese Aussage?
Hasibeder: Das ist ein ziemlicher Schmarrn! In der ersten Welle hat es uns in Zams zum Beispiel ganz heftig erwischt. Wir waren praktisch die ersten, die die normale Intensivstation mit Covid-19-Patienten aufgefüllt hatten. Wir mussten auch unsere “Intermediate Care”-Betten in Intensivbetten umwandeln, um in der Lage zu sein, diese Patienten zu behandeln. Wir mussten alle Operationen abgesehen von den wirklich dringlichen absagen. Im Aufwachbereich haben wir die anderen Intensivpatienten betreut, so konnten wir dort die großen onkologischen Eingriffe oder Wirbelsäulen-Operationen durchführen. Das Personal von der Anästhesie haben wir auf die Intensivstation und in den Aufwachraum verlegt, um alles abdecken zu können. Genau dasselbe ist an vielen Stellen in ganz Österreich passiert.

Wie erleben Sie diese Situation persönlich, in der Fakten negiert werden, wo gesagt wird, die Intensivstationen sind nicht belastet?
Hasibeder: Das ärgert mich schon sehr. Aber ich bin seit einigen Wochen in eine der Corona-Kommissions-Sitzung als Intensivmediziner involviert. Da habe ich schon den Eindruck, dass die Vertreter, die hier entscheiden, sehr wohl wissen, dass die Intensivstationen mehr oder minder ausgebucht sind.

Die Arbeit auf einer Intensivstation ist fordernd – psychisch wie physisch – Covid hat dies verstärkt. Wie stark ist bei ihren Mitarbeiterinnen die Belastung? Wie hoch ist die Fluktuation?
Hasibeder: Bei uns ist die Fluktuationsrate noch gering. Aber in der zweiten Welle im letzten Herbst, die uns auch massiv erwischt hat, da waren einige, die sich die Frage nach dem Warum gestellt haben. Warum bleibe ich auf einer Intensivstation, wieso gehe ich nicht auf eine Normalstation? Wenn nun aber die Zahlen auch auf den Intensivstationen wieder steigen, wird man sehen, wie sich die Lage entwickelt. Diese Problematik kenne ich von vielen Seiten, dass eben Pflegepersonal auf Intensivstationen sagt, es reicht. Die Bedingungen auf Covid-Intensivstationen sind hart. Man arbeitet im Schutzanzug, es ist heiß, man muss immer Maske tragen, immer Brillen aufhaben, es ist auch eine enorme körperliche Belastung. Aufgrund der Schutzschichten muss man sich jede Klopause gut überlegen.

Corona Update-Podcast

Intensivmedizininer Arschang Valipour schildert im Podcast die Arbeit auf einer Covid-Intensivstation: 

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.