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Mit SUV gegen Klimademonstranten

28.10.2021 • 18:52 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Der Moment, als die Frau im schwarzen Range Rover anfährt
Der Moment, als die Frau im schwarzen Range Rover anfährt Twitter/Insulate Britain

Video von SUV-Fahrerin ging viral. Sie schiebt Demonstranten zur Seite.

“Insulate Britain”: Seit Mitte September ist die Kampagnen-Organisation in Großbritannien aktiv und fordert ein nationales Programm, um sicherzustellen, dass Häuser im Land bis 2030 energiesparend isoliert sind. Menschen aller Altersgruppen beteiligen sich daran.

Der Hintergrund der Gruppe, die als Ableger der auch in Österreich bekannten Extinction Rebellion gilt, ist klimapolitisch und sozial: Niedrigenergiehäuser verbrauchen deutlich weniger Energie und nutzen erneuerbare Energie für Heizung und Strom. Vor allem Menschen aus niedrigen Einkommensschichten sitzen in miserabel wärmegedämmten Wohnungen und Häusern – gesundheitliche Folgen bleiben nicht aus. Die Regierung solle daher die Isolierung aller Sozialwohnungen bis 2025 staatlich finanzieren.

So weit, so nachvollziehbar.

Um auf ihre Agenda aufmerksam zu machen, greift Insulate Britain zu disruptiven und offenbar äußerst polarisierenden Methoden: Rund um London wurden wiederholt wichtige Straßen blockiert, darunter die neuralgisch wichtigen M1, M4 und M25. Die Polizei von Essex etwa hat kürzlich eine Reihe von Unterstützern der Gruppe festgenommen, nachdem sie eine Auffahrt blockiert hatten. Insulate Britain hat auch wichtige Routen in der britischen Hauptstadt ins Visier genommen – wo es zu wütenden Auseinandersetzungen mit Fahrern kam. Demonstranten wurden in London teilweise gewaltsam von Autofahrern von der Straße gezerrt, angespuckt oder mit Farbe bespritzt (siehe Interview).

"Es ist ein erschreckender Verrat!"

Verstehen Sie die Frustration jener Autofahrer, die wegen der Proteste auf den Straßen nicht mehr weiterkommen?
Insulate Britain: Wir verstehen die Wut und Frustration, die oft unmittelbare Reaktionen auf unsere Handlungen sind. Insulate Britain erkennt an, dass die Öffentlichkeit in der Lage sein sollte, ihrem täglichen Leben nachzugehen. In normalen Zeiten würden wir solche Maßnahmen auch nicht ergreifen, aber dies sind keine normalen Zeiten.

Wie lauten Ihre konkreten Vorwürfe?
Insulate Britain: Faktum ist, dass wir aufgrund der Untätigkeit unserer Regierung mit noch nie dagewesenen Störungen und Schäden in unserem Leben konfrontiert sind. London schafft es nicht einmal, den ersten Schritt der Investition in unsere Zukunft zu setzen, indem es anfängt, Gebäude zu isolieren. Es ist ein erschreckender Verrat!

Insulate-Britain-Demonstranten wurde mit Tinte ins Gesicht gespritzt, als sie Hauptstraßen blockierten, die mit der M25 verbunden waren: Eskaliert die Lage?
Insulate Britain: Was auch immer passiert – Insulate Britain wird gewaltfrei bleiben. Wir freuen uns über die enorme Unterstützung für die Mut, den die Menschen auf den Straßen gezeigt haben.

Wird es im Fall der Frau, die in Thurrock auf zwei Ihrer Aktivistinnen losfuhr, rechtliche Folgen geben?
Insulate Britain: Wir wissen noch nicht, ob die Polizei Anklage erheben wird oder nicht. 

Gibt es direkten Kontakt zur Regierung und Premierminister Boris Johnson?
Insulate Britatin: Nein.

Jüngst ging unter anderem auf Twitter ein Video viral, das einen neuen Grad der Eskalation in der Stadt Thurrock östlich von London abbildet: Eine Frau in einem riesigen SUV, wie sie heute die Straßen in aller Welt beherrschen, fährt in eine gewöhnlich stark befahrene, nun aber von Insulate Britain blockierte Kreuzung zu. Dann springt sie aus dem Fahrzeug, schleudert ein Transparent zur Seite und brüllt die drei Demonstranten dahinter an: “Ich mache keine Witze, mein Sohn muss in die Schule. Geht aus dem Weg! Aus dem Weg, sofort, Du dumme …….!”

Danach steigt sie wieder in ihren Range Rover und schiebt damit die am Boden sitzenden Personen weg. Eine der protestierenden Frauen schreit auf, von umstehenden Passanten wird die Fahrerin in Rage indes noch aufgestachelt: “So ist es gut! Schieb sie weg!”, wird skandiert. Ein neuer Grad der Verrohung, der auch User in sozialen Netzwerken nicht kalt lässt: Das Video wurde millionenfach angeschaut, unzählige Male kommentiert und sorgt weiter für Aufregung. Die SUV-Fahrerin konnte unterdessen identifiziert werden – ein juristisches Nachspiel scheint für sie nicht unwahrscheinlich.

Mit dem Gesetz hat aber auch Insulate Britain zu tun: 49 Mitglieder von Insulate Britain wurden am Mittwoch festgenommen, nachdem die Klimaaktivisten drei große Kreuzungen trotz einer Reihe von einstweiligen Verfügungen blockiert hatte, die es ihnen untersagten, auf strategischem Straßennetz zu protestieren. Die Bilanz seit dem 13. September: 146 Mitglieder wurden an 15 Protesttagen 690 Mal festgenommen.

Twitter-User Owen Jones etwa stellte die Frage in den Raum: “In all den Debatten über Insulate Britain und ihre Methoden ist doch eine grundlegende Frage zu stellen: In 30 Jahren, wenn die Menschheit unter weitaus schwerwiegenderen Folgen des Klimanotstands leidet, als wir es heute schon tun? Wie wird die Geschichte dann jene Demonstranten, die Autobahnen blockierten, beurteilen – und diejenigen, die sie angegriffen haben?”

Pfarrerin Sue Parfitt (79) aus Bristol lässt lässt anhaltenden Willen erkennen: “Wir müssen das tun. Es sind wenige Tage, bis der Klimagipfel in Glasgow beginnt. Wenn sie nicht besser abschneiden als die vorherigen 25, sind wir erledigt. Wenn wir so den Klima-Notfall verlangsamen, lohnt es sich. Wir werden es bis zu unserem letzten Atemzug tun – was bleibt uns sonst?”