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Die Flucht auf Skiern aus der Gefangenschaft

30.10.2021 • 20:25 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Johann Georg Baldauf (2.v.r.) mit seinen Fluchtgefährten: die Brüder Xaver und Alfons Hörburger sowie sein Bruder Ignaz Baldauf (v.l.n.r.). <span class="copyright">Salmhofer</span>
Johann Georg Baldauf (2.v.r.) mit seinen Fluchtgefährten: die Brüder Xaver und Alfons Hörburger sowie sein Bruder Ignaz Baldauf (v.l.n.r.). Salmhofer

Mit 19 Jahren wurde Georg Baldauf in den Ersten Weltkrieg einberufen.

Am 10. April 1896 erblickte der Sulzberger Johann Georg Baldauf das Licht der Welt. Zur selben Zeit wurde in Griechenland der erste olympische Marathonlauf bestritten. So lieferte der Tag der Geburt von Baldauf schon ein verstecktes Omen auf seine Zukunft. Denn etwas mehr als 20 Jahre später soll der junge Georg in einer fast marathongleichen Flucht aus italienischer Gefangenschaft im Ersten Weltkrieg heim nach Sulzberg finden. Seine Zeit als Soldat und seine Flucht dokumentierte er in einem Tagebuch („Tagebuch des Georg Baldauf, von Krieg, Gefangenschaft, Flucht und Heimkehr 1915–1919“, Ingrid Baur).

Der Krieg beginnt

Nach dem Abschluss der Volksschule begann Johann Georg eine Schreinerlehre in Wolfurt. Diesen Beruf konnte er vorerst nur bis April 1915 ausüben. Denn am 28. Juli 1914 unterschrieb Kaiser Franz Joseph in Bad Ischl die Kriegserklärung der Österreichisch-Ungarischen Monarchie an das Königreich Serbien. Der Erste Weltkrieg begann, und ein Jahr später kam dieser auch mit voller Wucht in Sulzberg an. Zwar war Vorarlberg nicht direkter Kriegsschauplatz, doch die Männer mussten für Kaiser und Vaterland die Heimat verlassen, um in den Krieg zu ziehen. Unter ihnen, mit Tausenden anderen, der 19-jährige Georg Baldauf.

Ins italienische Hochgebirge

Fünf Tage nach seinem 19. Geburtstag, am 15. April 1915, wurde Georg Baldauf an die Front des Ersten Weltkrieges in das italienische Hochgebirge geholt. „Mit einigen Kollegen meines Heimatdorfes verließ ich das traute Bergdorf. Mit gefühlter hochherziger Begeisterung, gemischt mit bangen Blicken in die dunkle Zukunft, wanderte ich dem Bahnhof zu“, schreibt Baldauf über diesen Tag. Zwei Monate, nachdem Georg Bal­dauf seine Heimat verlassen hatte, wurde er der 32. Marschkompanie übergeben. „Mit uns ging es nun ins Feld, gemäß einem geflügelten Wort: „Wer seinem Feldherrn folgt, ihn ehrt, find’s Glück auf dieser Welt“, notiert er in sein Notizbüchlein. Viele junge Männer wurden damals mit der falschen Hoffnung auf schnelle und wohlbehaltene Heimkehr eingezogen. Die Propagandamaschinerie der Monarchie prophezeite ein baldiges und siegreiches Ende. Diese Fehleinschätzung bezahlten Tausende Männer mit dem Tod.

Kriegsnotizen

Immer wieder beschreibt Georg Baldauf, oft nur in ein bis zwei Sätzen, die Wirren des Krieges. Über Schlechtwetter und Hungersnot äußert er sich kurz und prägnant. Im Mai 1917 notierte er: „Infanterie- und Maschinengewehrgefecht am Massobach. Heute löste der Welsche seine hiesige Mannschaft ab. Die neuen Leute sind nicht mehr so freundlich wie die früheren, denn die schießen sofort her.“ Georg Baldauf selbst wurde während der Gefechte mehrmals verwundet. Einen Halsschuss, einen Bajonettstich und einen Granatsplitter am linken Fuß listete er als Verwundungen auf. Auch Auszeichnungen gab es für den jungen Baldauf. So bekam er die silberne Tapferkeitsmedaille für seine Leistungen und für die Instandhaltung der Telefonleitungen unter Lebensgefahr.

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In Gefangenschaft

Am 1. November 1918 traf der Rückzugsbefehl ein und die Truppe marschierte ab in Richtung Rovereto in Oberitalien. Dort versteckte sich Georg Baldauf mit seinen Kameraden in einem Keller. Als Baldauf die Lage erkunden sollte, lief er direkt in die Hände von in der Ortschaft lagernden Italienern. „Im Dunkeln konnte ich ihnen mit einem starken Seitensprung entgleiten. Sie schossen mir, ohne mich zu treffen, wacker nach. So kam ich glücklich zum Hauptmann und Leutnant in den Keller, wo sie alle mit Spannung auf mich warteten.“ Am nächsten Tag wurde Georg Baldauf wieder hinausgeschickt, diesmal, um zu verhandeln. Man kapitulierte und begab sich in Gefangenschaft. Die Männer kamen in ein italienisches Gefangengenlager. Dort traf Bal­d­auf auf seinen Bruder Nazel. 60.000 Mann befanden sich im Gefangenlager bei Villafranca di Castell, nahe Verona. Von dort ging es dann mit dem Zug nach Bassano und weiter zu Fuß nach Cismon. Inzwischen war es mitten im Winter. Am 21. Dezember marschierten die Gefangenen bis nach Ronchetta. Einem Ort, in dem Georg Baldauf noch ein Jahr zuvor als Soldat gegen die Italiener gekämpft hatte. „Es war aber doch auch Gottes Fügung, dass wir in die bekannten alten Stellungen kamen, denn sonst wäre vielleicht unser Fluchtplan nicht in die Tat umgesetzt worden, glaube ich.“

Flucht auf Skiern

Die Gefangenen sollten weiter hinein ins italienische Gebiet gebracht werden. Ein perfekter Zeitpunkt für einen Fluchtversuch. Mitte Jänner 1919 entschlossen sich Georg Baldauf, sein Bruder und noch zwei Vorarlberger Brüder, den Weg ins Ländle durch Feindesgebiet zu wagen. Georg zerlegte im Gefangenenlager eine leere Baracke. Auf Bretter nagelte er Fassdauben und Rucksackriemen hielten als Skibindung her. Mit kärglich Proviant schlichen sie sich gegen Mitternacht in einen 1000 Meter entfernten Unterstand, um den Abmarsch der Kompanie abzuwarten. Als diese aufgebrochen war, fuhren die vier jungen Männer mit ihren selbst gebastelten Skiern hinunter ins Suganatal. Von dort ging es weiter bis hinter Pergine. „Es war eine große Herausforderung, zwölf Stunden zu gehen und keinen Schritt des Lebens sicher zu sein. Alle zehn Stunden aßen wir einige Löffel von unserem geklopften Hafer – das war unsere Hotelküche“, beschreibt Georg Baldauf die Flucht. So wanderten die Vorarl­berger vorerst hauptsächlich in der Nacht Richtung Heimat, um auf keine Soldaten zu stoßen. Immer wieder wurde ihnen von Dorfbewohnern geholfen. Sie bekamen Unterschlupf, Proviant und wurden oft ausgiebig bewirtet. In der kleinen Ortschaft Graun bekamen sie sogar Mäntel und Schürzen für die Flucht. So konnten sie als Arbeiter getarnt weiterziehen. Mit Hilfe eines Schmugglers überquerten sie die Grenze und erreichten Nauders. Zehn Tage Flucht zu Fuß hatten sie hinter sich.

Auf nach Hause

Von Nauders ließen sich die vier Helden mit einem Auto nach Landeck bringen. Am 25. Jänner 1919 kamen sie schließlich mit dem Zug in Bregenz an. „Um halb vier Uhr stiegen wir ins Wälderbähnle ein. Bald hörten wir den Kondukteur ‚Doren-Sulzberg‘ ausrufen. Das waren Worte, die noch lange in unseren Herzen, die sich schon lange nach dem Zuhause sehnten, widerhallten. Es ist unbeschreiblich, wie einem zumute ist, wenn es heißt, in zwei Stunden ist man daheim, daheim nach so langer Zeit, daheim und erlöst von den großen Strapazen und Entbehrungen jeder Art!“, erzählt Baldauf bewegt.

Die Zeit danach

Nachdem er 1919 aus dem Krieg zurückkehrte, richtete er im Gasthaus Adler seine erste Werkstätte ein. „Mein Vater war ein sehr geselliger und beliebter Mensch und ich habe nie ein lautes Wort von ihm gehört. Ich erinnere mich an arme Leute, die die Handwerkerrechnung nicht bezahlen konnten, zu denen sagte er: Betescht mir a Vaterunser“, erzählt seine Tochter Ingrid Baur, Herausgeberin seines Tagebuches.

Johann Georg Baldauf starb im September 1964.

Das Tagebuch von Johann Georg Baldauf wurde auch als Buch veröffentlicht.<span class="copyright">Salmhofer</span>
Das Tagebuch von Johann Georg Baldauf wurde auch als Buch veröffentlicht.Salmhofer