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„Unser Umgang mit dem Tod ist verkorkst”

30.10.2021 • 17:51 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Christine Pernlochner-Kügler arbeitete zuerst als Psychologin, ehe sie als Quereinsteigerin zum Beruf der Bestatterin kam
Christine Pernlochner-Kügler arbeitete zuerst als Psychologin, ehe sie als Quereinsteigerin zum Beruf der Bestatterin kam (c) Thomas Boehm / TT

Bestatterin Christine Pernlochner-Kügler über Auswege aus der eigenen Todesangst.

Im Alltag sind wir sehr gut darin, den Tod zu verdrängen – weil er uns Angst macht. Das war bei Ihnen nicht anders, als sie vor mittlerweile 16 Jahren als Quereinsteigerin zum Beruf der Bestatterin gekommen sind. Sterbensängste und Leichenhorror waren Ihnen vertraut, wie Sie in Ihrem neuen Buch „Du stirbst nur einmal, leben kannst du jeden Tag“ schreiben. Heute sagen Sie zu diesem Beruf, er sei der schönste der Welt. Was ist da passiert?
Christine Pernlochner-Kügler: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Angst vor dem Tod und vor Leichen umso kleiner wird, je konkreter man sich mit dem Tod und den Verstorbenen beschäftigt. Und je kleiner die Ängste werden, die man im Leben mit sich trägt, umso mehr an Lebensqualität gewinnt man. Weil eine Angst, die einen als Schatten immer begleitet, natürlich sehr belastend ist.

Die Angst vor dem Tod verschwindet ganz?
Pernlochner-Kügler: Ich sage nicht, dass ich keine Angst mehr habe vor dem Tod. Das ist etwas Natürliches, weil wir ohne Angst viel zu wenig auf uns aufpassen würden – das wäre letztlich lebensgefährlich. Nur der ganze Wust an irrationalen Ängsten, die der Laie hat, weil er sich nicht konkret damit auseinandersetzt und nicht richtig informiert ist, fällt bei mir weg.

Ihrer Einschätzung nach haben die Österreicher generell einen verkorksten Umgang mit dem Tod. Was läuft hier falsch?
Pernlochner-Kügler: Verkorkst ist das Gefühl, das uns teilweise anerzogen wird, dass man nicht offen darüber sprechen darf und ohne Humor an die Sache herangehen muss. Dabei macht Humor auch im Umgang mit dem Tod vieles leichter. Diesen verkorksten Umgang mit dem Tod versuche ist seit mehr als 15 Jahren aufzubrechen.

Was ist dabei die Strategie?
Pernlochner-Kügler: Ich versuche, meine Arbeit transparent zu machen, die Leute in mein Institut hereinzuholen, idealerweise schon im Schulalter. Auf diese Weise kann man viel unbeschwerter und auch mit Humor an die Sache herangehen. Wenn sich die Menschen schon im Kindesalter damit auseinandersetzen, hoffe ich, dass der Umgang mit dem Thema zumindest in der künftigen Generation lockerer und besser wird. Ich ermutige Familien immer, Kinder mitzubringen und Kinder bei einem Sterbefall in der Familie in die Trauer- und Abschiedsrituale mit einzubinden und nicht aus einem falschen Verständnis von Schutz außen vor zu halten.

Jenseits aller Tabus, die zu hinterfragen sind: Was genau ist ein würdiger Abschied vom Sterbebett bis zum Friedhof?
Pernlochner-Kügler: Meiner Ansicht nach beginnt ein würdiger Abschied am offenen Sarg, wie wir ihn anbieten und damit, dass man sich dem Verstorbenen gegenüber normal verhält: Man muss weder den Raum verdunkeln, noch flüstern. Man kann mit dem Verstorbenen ganz normal umgehen, ihn berühren und wenn man feststellt, dass er kalte Füße hat, was er im Leben nie mochte, kann man ihm auch noch einmal Socken anziehen. Und ein Abschied ist immer ein großes Ereignis und eine Feierlichkeit: Man kann am Sarg mit den Angehörigen auf das Leben des Verstorbenen anstoßen, mit seinem Lieblingsgetränk – egal, ob mit Wein, Kakao oder Melissentee. Dadurch normalisiert sich einfach der Umgang. Es will doch, wie ich meine, auch kein Verstorbener, dass die Menschen, die zurückbleiben, nur in Trostlosigkeit verbleiben.

Der Sarg soll bei einer Verabschiedung Ihrer Meinung nach unbedingt offen sein?
Pernlochner-Kügler: Auf jeden Fall. Ich bin auch kein Fan von Särgen mit Glasfenstern, das macht das Ganze irgendwie unwirklich und man hat keinen – im wahrsten Sinne des Wortes – Zugriff auf den Verstorbenen. Auch beim Begräbnis meiner Verwandtschaft in Kärnten, die ich im Buch schildere, gab es so einen Sarg mit Glasdeckel. Sohn und Schwiegertochter hingen dann weinend über dem Glasdeckel und haben den Deckel gestreichelt, weil diese Barriere den natürlichen Kontakt behindert hat. Das ist doch absurd.

Zur Person

Christine Perlochner-Kügler (50) ist Psychologin, geprüfte Bestatterin und Thanatologin. Seit 2004 ist sie in der Bestattung tätig. Sie führt ein eigenes Bestattungsinstitut in Innsbruck.

Ihr neues Buch „Du stirbst nur einmal, leben kannst du jeden Tag“, ist im Goldegg-Verlag erschienen, 19,95 Euro.


Von Leichen haben wir allerdings auch so manche falsche Vorstellung, die Sie in Ihrem Buch beschreiben.
Pernlochner-Kügler: Ja: Eine Leiche oder ein Verstorbener ist zum Beispiel nicht giftig. Natürlich gibt es Infektionskrankheiten, bei denen kein Abschied mehr möglich ist, das ist traurig und dramatisch. Aber im Normalfall geht von einem Verstorbenen keine Gefahr aus, ich kann ihn wie einen Lebenden angreifen, umarmen, küssen. Dadurch begreife ich, dass die Person weg ist, dass nur noch diese Hülle von ihr da ist, weil sich der Körper einfach anders angreift. So kann mal leichter loslassen.

„Behalte jemanden so in Erinnerung, wie er im Leben war“ halten Sie für den Un-satz unserer Trauerkultur. Aber ist das Bild im Sarg wirklich besser, als das Bild von einem lieben Menschen, als er noch lebendig war?
Pernlochner-Kügler: Beide Bilder sind gut. Dieser Satz will uns schonen. Ohne ein letztes Bild von dem Verstorbenen ist es aber schwerer zu realisieren, was hier passiert ist, damit erschwere ich von Anfang an den Trauerprozess. Psychologisch verbleibe ich dadurch in einer Haltung der Vermeidung. Und Vermeidung macht immer mehr Angst. Ich hatte in den vergangen 16 Jahren noch niemanden, der nach einem Abschied am offenen Sarg gesagt hätte, dass das nicht gut war. Die meisten, die diese Hürde nehmen, sagen am Ende, sie hätten sich das nie gedacht, aber sie würden erleichtert und getröstet hinausgehen.

Hat die Pandemie unsere Trauer- und Bestattungskultur nachhaltig geändert?
Pernlochner-Kügler: Es hat sich bei der Verdrängung von Tod und Sterben nichts geändert. Was wir gelernt haben, oder was ich gelernt habe, ist aber, wie wichtig die Rituale bei der Verabschiedung sind. Wir brauchen Nähe und symbolische Handlungen, weil sie den Heilungsprozess unterstützen.

Auf welches Ritual bei einer Beerdigung würden Sie selbst nie verzichten, wenn es nicht gerade eine Pandemie unmöglich macht?
Pernlochner-Kügler: Zunächst einmal auf den persönlichen Abschied am offenen Sarg, wo auch immer er möglich ist. Außerdem mache ich immer einen Abschiedsgruß am Sarg oder an der Urne, bei dem ich alle, die da sind, einlade, gemeinsam die rechte Hand auf den Verstorbenen oder auf die Urne zu legen und die linke Hand auf die Schulter des Trauernden, der neben einem steht: Dann spreche ich für alle einen Abschiedsgruß an den Verstorbenen, bedanke mich für alles Gute, das er getan hat, lade die Angehörigen ein, ihn in guter Erinnerung zu behalten, und dann lassen wir los. Das ist ein ganz einfaches Ritual, aber extrem feierlich. Wenn man das hat, bracht man sonst nur wenig. Dann lässt man bewusst los.

Sie plädieren stark dafür, bei Trauerfeiern und Begräbnissen nicht alles dem Priester oder Trauerredner zu überlassen, sondern selbst etwas zu tun. Aus welchem Grund?
Pernlochner-Kügler: Je mehr man selber tut, desto weniger hilflos fühlt man sich und desto persönlicher wird die Trauerfeier. Bei mir als Bestatterin fängt das ja schon viel früher an: Wenn etwa ein kleines Kind stirbt, lade ich die Familie dazu ein, den Sarg selbst zu bauen oder wenn sie das nicht wollen, einen fertigen mit nach Hause zu nehmen und ihn gemeinsam mit den Geschwistern selbst zu gestalten. Mit den kleinen Dingen, die man selber tun kann, gewinnt man wieder etwas von seinem Kontrollgefühl zurück.

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