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Von Hirschen, Kuhfellen und Juppenkissen

30.10.2021 • 20:28 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Helga Holzer in ihrem kleinen Laden in Schwarzach.                   <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Helga Holzer in ihrem kleinen Laden in Schwarzach. Klaus Hartinger

Helga Holzer stellt Kissen, Taschen und Tischläufer aus Wollfilz her.

Helga Holzer – das ist kein Künstlername. Und Helga Holzer arbeitet auch nicht mit Holz. Sondern mit Wollfilz. Sie stellt Filzteppiche, Serviettenringe aus Filz, Untersetzer für Gläser, Taschen und Loden- und Juppenkissen her und näht Sitzpolster. Das Besondere an ihren Produkten ist die hohe Qualität. Die Wolle stammt aus Südtirol, zu Filz wird sie in Deutschland verarbeitet. „Trotzdem habe ich moderate Preise“, sagt die 56-Jährige. „Ich möchte, dass jeder und jede sich meine Sachen leisten kann.“

Ihren kleinen Laden in Schwarzach in der Gebhard-Schwärzler-Straße hat sie schließlich angemietet, als zu Hause, im Auto und in der ehemaligen Stickerei ihres Mannes überall Wollfilziges herumlag und sie den Überblick zu verlieren drohte. So wurde aus dem Hobby ein Beruf.

Edle Stickerei auf Filz.    <span class="copyright">Hartinger</span>
Edle Stickerei auf Filz. Hartinger

Angefangen hat alles ganz harmlos: Ein Kunde ihres Mannes hatte die falsche Filzqualität bestellt und schenkte ihm kurzerhand die fünf Rollen. „Was machen wir nur damit?“, fragte ihr Mann. „Ich lass mir was einfallen“, sagte sie – und das tat sie auch. Sie nähte Sitzpolster in fünf verschiedenen Farben, 40 mal 40 Zentimeter. Eine Bekannte wurde auf die Kissen aufmerksam und gab für ihr Gasthaus im Bregenzerwald eine Bestellung auf.

„Mein Mann hatte eine Stickerei, mit 15 Meter langen Großstickmaschinen. Da habe ich mir selber die Muster ausgedacht, und er hat sie für mich auf die Sitzkissen gestickt.“ Hirsche kamen am Ende heraus, stilisierte Blumen und Blätter. Muster, die zur Stickereitradition passten. Zum Material Filz und auch in den Bregenzerwald.

Eine Nähmaschine steht sowohl zu Hause als auch im Laden. <span class="copyright">Hartinger</span>
Eine Nähmaschine steht sowohl zu Hause als auch im Laden. Hartinger

„Von dort bekomme ich viele Bestellungen, auch für Privathäuser. Filz in Kombination mit Besticktem, das ist neu – und kommt gut an“, berichtet sie von ihren Erfahrungen. Alles wird von Hand hergestellt, wobei Holzer sowohl zu Hause als auch im Geschäft eine Nähmaschine stehen hat. „Während der Öffnungszeiten des Geschäfts nähe ich die Taschen von innen. Ich habe 14 Farben zur Auswahl und stelle zwei verschiedene Größen her. Die eine für den Alltag, die andere zum Ausgehen.“

Eigentlich ist das alles so viel Arbeit, dass sie gar nicht bepreist werden kann. Aber „eigentlich“ zählt für die Dornbirnerin nicht. Sie packt lieber an und freut sich, wenn anderen ihre Erzeugnisse gefallen. Inspirieren lässt sich die Kreative von allem, was ihr begegnet.

Auch Filzpantoffeln gibt es. <span class="copyright">Hartinger</span>
Auch Filzpantoffeln gibt es. Hartinger

„Ich habe gesehen, dass das Haus gegenüber ein ausgestanztes Blumenmotiv auf den Fensterläden hat“, sagt sie und zeigt nach draußen. Davon will sie sich für ein neues Stickereimuster inspirieren lassen. Und neulich hat sie auf einem Markt Kuhfelle erstanden. Daraus sind bereits Sitzpolster geworden. „Ein Fell ergibt bis zu neun Polster. Die Reste verwerte ich anderweitig. Weggeworfen wird bei mir nichts“, sagt sie.

Eine weitere Besonderheit bei Holzer ist ihr Service. Wenn jemand in seinem Esszimmer Sitzkissen oder in seinem Wohnzimmer Polster haben möchte, fährt sie schon mal mit Mustern vor Ort. „Oft haben die Leute nämlich eine falsche Vorstellung davon, wie die Farben bei ihnen wirken. Wer zum Beispiel viel Holz hat, kann ruhig auch mal mit einem kräftigen Pink dagegenhalten.“ Ein weiterer Vorteil, wenn sie vor Ort ist: Die ganze Familie kann schauen und mitentscheiden. Ins Geschäft kann aus zeitlichen Gründen oft nur die Frau kommen.

Schöne Sitzkissen aus Filz.   <span class="copyright">Hartinger</span>
Schöne Sitzkissen aus Filz. Hartinger

Manchmal machen scheinbare Kleinigkeiten den Unterschied: „Da haben manche eine wunderschöne Ofenbank aus Holz. Die vermessen sie dann im Ganzen und bestellen ein Sitzpolster. Ich frage dann nach, ob wir es nicht kleiner machen sollen, sodass das Sitzen nach wie vor bequem, aber das schöne Holz ebenfalls zu sehen ist“, erzählt Holzer. Überhaupt stellen ihr ihre Kunden manchmal Fragen zur Inneneinrichtung. „Zum Glück habe ich inzwischen viel Erfahrung“, schmunzelt sie. Aber Vorgaben machen möchte sie nicht, vielmehr ist das Aussuchen ein gemeinsamer Prozess. „Ab und zu bin ich dann äußerst überrascht und erfreut, wenn ich sehe, dass meine Kissen so einen guten Platz gefunden haben.“

Die Individualität beim Herstellen von Produkten auf Kundenwunsch kommt ihr entgegen. Denn ein- und dasselbe Erzeugnis mehrfach produzieren, am besten in Fließbandmanier, das wäre nichts für die kreative Einzelunternehmerin. Regelmäßig die Serviettenringe zusammennähen, das ist für sie das Äußerste der Gefühle.

Helga Holzer, Stickerei und Filz

Im November und Dezember Weihnachtsausstellung.

Im Dezember samstags offen.

Zusätzlich dienstags, mittwochs und freitags von 8.30 Uhr bis 11.30 Uhr geöffnet

Gebhard-Schwärzler-Straße 2, Schwarzach

Tel. 0664/73677245

Filz ist nicht mehr nur ein Dirndl- und Oktoberfest-Material. Es hat sich herumgesprochen, dass er im Winter wärmt und im Sommer kühlt. Dass hochwertiger Filz nicht fusselt und sich sogar als robuster Teppich gut eignet. Und dass damit eine Tradition in die Moderne geführt wird. Helga Holzers Großmutter war Juppenträgerin. Und die Familie ihres Mannes kommt aus der Stickereibranche. Da ist eine Zusammenarbeit, an deren Ende golden bestickte schwarze Serviettenringe oder mit einem Hirsch bestickte rote Sitzkissen stehen, fast folgerichtig. Miriam Jaeneke

Weitere Infos unter:
www.epu.wko.at

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