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„Würde mir wünschen, dass die Politik reagiert“

30.10.2021 • 20:22 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Alexander Stroppa arbeitet seit 40 Jahren in der Baubranche. <span class="copyright">hartinger </span>
Alexander Stroppa arbeitet seit 40 Jahren in der Baubranche. hartinger

Alexander Stroppa hat so einen Teuerungsschub in der Baubranche noch nicht erlebt.

Baukostenexplosion: Ursachen, Auswirkungen, Aussichten

NEUE-Serie – Teil 2/4

Heute: Wie sich ­steigende Materialpreise auf bauausführende Unternehmen auswirken.

Von Jörg Stadler

Herr Stroppa, wie lange sind Sie eigentlich schon im Baugeschäft?
Alexander Stroppa:
Ich arbeite schon 40 Jahre in der Branche, seit 25 Jahren bin ich Geschäftsführer bei Hilti & Jehle.

Haben Sie eine vergleichbare Situation schon einmal erlebt?
Stroppa:
So einen dramatischen Kostenanstieg wie in diesem Jahr habe ich noch nie erlebt. Das kannten wir bisher nicht.

Können Sie ein wenig konkretisieren? Um wieviel sind die Preise fürs Material gestiegen?
Stroppa:
Die Materialpreissteigerungen im Stahl belaufen sich etwa auf 60 Prozent, bei den Dämmstoffen ebenfalls. Wir sprechen grundsätzlich von Steigerungen zwischen 50 und 80 Prozent. Was sehr auffallend ist: Im Sog dieser Preissteigerungen wird alles teurer. Auch das Werkzeug, Bohrmaschinen beispielsweise. Alle Lieferanten haben die Chance genutzt, Preissteigerungen durchzusetzen.

Wird sich der Markt bald wieder beruhigen?
Stroppa:
Nein, das schaut nicht so aus. Wir rechnen erst im zweiten Halbjahr 2022 mit einer gewissen Entspannung.
Werden sich die Preise dann auf hohem Niveau einpendeln oder reduzieren?
Stroppa: Ich hoffe letzteres. Allerdings kommt nächstes Jahr die CO2-Steuer dazu. Ein sehr sinnvolles Lenkungsinstrument. Es ist höchste Zeit, dass dies kommt, da sind wir uns alle einig. Aber es überlagert die aktuelle Situation.

Im Frühjahr 2021 rechnete man damit, dass die Preise im Herbst dieses Jahres wieder sinken werden. Warum ist das nicht eingetreten?
Stroppa:
Da hat die Konjunktur nicht mitgespielt, denke ich. Ursächlich hängen diese Preissteigerungen zwar schon mit der Coronapandemie zusammen, aber dass das Ganze so lange andauert, ist dann schon eher auf die boomende Baukonjunktur zurückzuführen. Wir sind da auf einem sehr hohen Niveau und es ist kein Ende in Sicht. Die Kapazitäten von Hilti & Jehle beispielsweise sind bereits für ein Jahr voll ausgelastet.

Ihren Mitbewerbern wird es da ähnlich gehen, oder?
Stroppa:
Was ich so von Branchenkollegen höre, sind alle sehr gut ausgelastet.

Von den Kommunen hört man immer wieder, dass auf gewisse Ausschreibungen nur mehr wenige bis gar keine Angebote hereinkommen.
Stroppa:
Es gab in letzter Zeit einige größere öffentliche Ausschreibungen, bei denen wir nicht mitmachen konnten. Etwa die Kinderpsychiatrie in Rankweil, das Festspielhaus Bregenz, die Fachhochschule oder der Campus Rotkreuz in Lustenau. Von der Politik würde ich mir wünschen, dass Projekte, die jetzt nicht unbedingt notwendig sind, vielleicht um ein, zwei Jahre hinausgeschoben werden könnten. Ansonsten gibt es eben weniger Angebote und einen eingeschränkteren Wettbewerb. Zudem kommen jetzt vermehrt Baufirmen aus Restösterreich ins Land.

Der ressortzuständige Landesrat Marco Tittler teilte uns auf Anfrage mit, dass aufgrund der Preissteigerungen im Jahr 2021 kein Bauvorhaben zurückgestellt wurde, weder im Hoch- noch im Tiefbau.
Stroppa:
Ja, offensichtlich reagiert man nicht auf die Hochkonjunktur. Diese ist ja auch durch die Corona-Investitionsförderung entstanden. Die gesunden Betriebe, von denen es in Vorarlberg genügend gibt, haben diese Förderung zwischen 7 und 14 Prozent genutzt und Bauvorhaben vorgezogen. Diese vorgezogenen Projekte fehlen in der Zukunft. Deswegen wäre es gut, wenn im öffentlichen Bereich dann wieder verstärkt investiert wird.

Zurück zu den Preissteigerungen beim Material. Welche Gründe außer der Pandemie gibt es noch?
Stroppa:
Da gibt es vielerlei Gründe. Ich hätte mir beispielsweise nie gedacht, dass der im März im Suezkanal auf Grund gelaufene Frachter derartige Auswirkungen haben wird. Wie ich höre, haben sich die Transportkosten grundsätzlich enorm gesteigert, so ein Container kostet jetzt um ein Vielfaches mehr als noch vor einem Jahr.

Wer trägt nun die höheren Kos­ten infolge der Materialpreisexplosion?
Stroppa:
Bei Bauvorhaben, die nicht länger als ein Jahr gehen, haben wir in der Regel Festpreise. Bei Projekten, die aktuell laufen, können somit keine Preissteigerungen weitergegeben werden. Für Bauprojekte, die über ein Jahr hinaus gehen, haben wir variable Preise. Da gibt es eine sogenannte Preisgleitungsklausel. Die vollständige Preissteigerung wird aber nicht abgedeckt.

Kommt es im Zuge dieser Preissteigerungen vermehrt zu gerichtlichen Auseinandersetzungen mit Bauherren?
Stroppa:
Nein. Wenn es eklatante Preissteigerungen gibt, versuchen wir das einvernehmlich zu lösen. Es gibt Bauherren, die da durchaus einsichtig sind.

Das heißt, es gibt einerseits den Bauboom, welcher der Branche natürlich sehr zugute kommt, und andererseits die Rekordpreise, die man teilweise nicht weitergeben kann.
Stroppa:
Ja, die Margen sinken, obwohl wir eine sehr gute Auslastung haben. Was dazu kommt ist, dass wir unsere Organisation aufgrund des Zeit- und Kos­tendrucks auf den Baustellen ständig überlasten. Unsere Mitarbeiter sind am Anschlag. Da müssen wir sehr aufpassen.

Können Sie nicht einfach Personal aufstocken?
Stroppa:
Ich wüsste nicht wie. Es gibt einen eklatanten Facharbeitermangel. In dieser Hochphase der Konjunktur findet man sowieso niemanden. Wir müssen erst einmal darauf schauen, dass wir unsere Mitarbeiter im Unternehmen behalten. Wir haben in der Bauwirtschaft zudem das Problem, dass die Industriebetriebe das Mitarbeiterpotenzial vor uns abschöpfen. Wir müssen die Attraktivität der Bau­berufe steigern, sei es durch entsprechende Lohn- und Gehalts- oder Arbeitsmodelle.

Hilti & Jehle ist ja auch als Bauträger aktiv. Wurden Projekte zurückgestellt?
Stroppa:
Nein. Wir versuchen unser Bauprogramm durchzuziehen. Was wir feststellen ist, dass der soziale Wohnbau auf die Preissteigerungen reagiert und das eine oder andere Projekt zurückstellt.

Wie wirken sich die hohen Grundstückspreise aus?
Stroppa:
Die Grundstückspreise steigen ungebrochen. Deshalb wäre wichtig, auch die Baunutzung zu erhöhen. Je mehr Quadratmeter Wohnungsfläche wir haben, desto günstiger können wir bauen.

Haben die Preissteigerungen auch Einfluss auf die Projektplanung und Bauabläufe?
Stroppa:
Es wird anders kalkuliert. Wenn derzeit ein Investor eine Wohnanlage von uns möchte, können wir ihm keinen Festpreis anbieten. Das heißt: Es gibt entweder einen variablen Preis oder wir warten einfach so lange ab, bis wir wieder eine höhere Preissicherheit haben.

Wohin geht die Tendenz?
Stroppa:
Wir versuchen die Bauprojekte eher zu verschieben.

Gibt es auch Investoren, die ihr Projekt trotzdem jetzt angehen wollen?
Stroppa:
Natürlich. Auch das gibt es. Obwohl die Renditen sinken. Es gibt offenbar Geld im Land und man ist auch bereit, dieses zu investieren.

Und wie sieht es mit dem einfachen Häuslebauer aus? Sind die Aufträge weniger geworden durch die Preissteigerungen?
Stroppa:
Nein, im Gegenteil. Da gibt es relativ viele Anfragen. Vom klassischen ­Swimmingpool bis hin zum Einfamilienhaus. Heuer wollten gefühlt alle einen Swimmingpool haben.

Zur Person

Alexander Stroppa (62)

ist Technischer Geschäftsführer beim Feldkircher Bauunternehmen Hilti & Jehle und stellvertretender Innungsmeister des Baugewerbes in der Wirtschaftskammer Vorarlberg,