Allgemein

Jeder Weg aus der Trauer ist ein anderer

31.10.2021 • 09:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Vor allem zu Allerheiligen leiden viele Menschen unter Verlust und Trauer geliebter Menschen.<br><span class="copyright">Hartinger</span>
Vor allem zu Allerheiligen leiden viele Menschen unter Verlust und Trauer geliebter Menschen.
Hartinger

Für Hinterbliebene ist es wichtig, Trauer zuzulassen.

1. Was kann helfen, den Tod eines Angehörigen zu verarbeiten?
Antwort: Trauer zeigt sich ganz unterschiedlich und in verschiedenen Facetten. Wichtig sei, sich Zeit zu nehmen, sagt Irene Christof, Koordinatorin für Trauer bei Hospiz Vorarlberg der Caritas. Trauer sei ein normaler Prozess. Gefühle wie Wut oder Verzweiflung können aufbrechen, aber auch Rückzug oder Verdrängung kommen vor. Unterstützend sei, so die Expertin, wenn das Umfeld – Familie, Freunde, Arbeitskollegen – Verständnis haben; wenn nahestehende Personen „da sind“ und zuhören. Auch gemeinsame Friedhofsbesuche, Spaziergänge, Austausch und Rituale empfiehlt Christof. Unterstützungsmöglichkeiten von Hospiz Vorarlberg sind beispielsweise Trauertreffs (Trauercafés) und Trauergruppen sowie Gespräche mit Trauerbegleitern.

Zur Person

Irene Christof

Wohnort: Batschuns

Beruf: Koordinatorin Trauer bei Hospiz der Caritas Vorarlberg

Familie: verheiratet mit Peter, drei Kinder

Hobbys: Spaziergänge im Wald, biken, kreativ sein, kochen

2. Wie wichtig ist das Gespräch?
Antwort:
Es muss nicht immer gesprochen werden, sagt Trauerbegleiterin Christof. „Hilfreich sind Personen, die wissen, was der trauernde Mensch gerade braucht – manchmal ist dies Stille, manchmal ein Gespräch.“ Ganz wichtig sei, das Gegenüber reden zu lassen. „Oft ist ein Gespräch mit jemand Außenstehenden, wie beispielsweise einer Trauerbegleiterin, passend. Wichtig ist es für uns, die passende Unterstützung für jeden Trauernden zu finden“, sagt die Expertin.

“Wir leben in einer Gesellschaft, in der schnell alles wieder gut sein sollte und Menschen binnen kürzester Zeit wieder leis­tungsfähig sein sollten”

Irene Christof, Koordinatorin für Trauer von der Caritas

3. Wie kann man den Alltag nach dem Verlust neu gestalten?
Antwort:
Wichtig ist das Annehmen der Trauer. Trauerkoordinatorin Christof: „Es ist eine ganz besondere Lebenssituation mit teils verändertem Verhalten. Es gilt, diese Veränderung im Leben zuzulassen, anzunehmen und neue Schritte zu wagen. Kleine veränderte Schritte sind Meilensteine.“

4. Was ist, wenn mich die Trauer im Alltag wegen einer scheinbaren Kleinigkeit überwältigt?
Antwort:
Trauer kommt und geht und ist beispielsweise bei kleinen Erinnerungen (Musik, Foto, Begebenheiten, Gespräche…) immer da. Christof hält es für wichtig, „diese Momente zuzulassen, sich Zeit zu nehmen, klar zu kommunizieren – immer mit der Gewissheit, dass es irgendwann leichter wird“.

5. Trauern Männer und Frauen unterschiedlich?
Antwort:
Männertrauer, so meint die Expertin, werde oft übersehen. „Männer meinen oft, die Starken sein zu müssen, nicht weinen zu dürfen oder flüchten sich ganz in ihre Arbeit.“ Christof empfiehlt Angebote speziell für Männer, wie etwa Wanderungen oder Treffen mit handwerklichem Schwerpunkt.

6. Wie trauern Kinder? Was ist hier zu tun?
Antwort:
Kinder sind sehr spontan in ihren Reaktionen. Sie brauchen Offenheit, Ehrlichkeit, eine kindgerechte Sprache, Rituale, Bücher. Hospiz für Kinder und Jugendliche bietet hier spezielle Unterstützungsmöglichkeiten an. Ganz wichtig im Umgang mit trauernden Kindern und Jugendlichen: „Die Wahrheit hat immer Vorrang. Kinder vermeintlich vor etwas schützen zu wollen, verunsichert sie“, weiß die Trauerkoordinatorin.

7. Viele Menschen scheuen den Umgang mit Trauernden. Warum sind wir in dieser Beziehung oft so hilflos?
Antwort:
Das Thema Tod und Trauer werde nach wie vor tabuisiert, sagt Christof. „Begegnungen mit Trauernden scheuen ganz viele. Sie haben Angst vor den falschen Worten, Angst vor Zusammenbruch oder Tränen.“ Tod und Trauer hätten in der Gesellschaft keinen Platz. Dabei brauche Begegnung mit Trauernden meist nicht viele Worte. „Umarmungen, zuhören, die Stille aushalten, gemeinsam weinen, ein Händedruck und vieles mehr – das ist Balsam für die Seele.“ Umgekehrt könne das Nichtbeachten aus Scham, das Falsche zu machen, beim Trauernden verletzend ankommen, so die Trauerexpertin.

Irene Christof, Koordinatorin Trauer bei Hospiz der Caritas Vorarlberg. <span class="copyright">Caritas</span>
Irene Christof, Koordinatorin Trauer bei Hospiz der Caritas Vorarlberg. Caritas

8. Kann Trauer auch krank machen?
Antwort:
Trauer ist in erster Linie ein normaler Prozess. Es kann zwar zu körperlichen Symptomen und auch zu depressiven Verstimmungen kommen, Trauerbegleiterin Christof hält das jedoch für normal. Oft sei eine professionelle Unterstützung, etwa durch Psychotherapie, heilsam.

9. Die „anhaltende Trauerstörung“ (ab sechs Monate) ist ab 2022 ein eigenständiges Krankheitsbild. Was ist davon zu halten?
Antwort:
Der Trauerprozess verlaufe normalerweise über mehrere Jahre, sagt Irene Christof, Koordinatorin für Trauer bei der Caritas. Sie sieht es einerseits kritisch, schon nach sechs Monaten von einer anhaltenden Trauerstörung zu sprechen. „Es bietet zwar einerseits Schutz und beispielsweise die Möglichkeit, Krankenstand in Anspruch zu nehmen, andererseits hilft oftmals gerade ein strukturierter Tageablauf, ein Stück weit über die Trauer hinwegzukommen.“ Auch hier gelte: Jeder Mensch trauert anders und jeder Weg aus der Trauer ist ein anderer.

10. Was war Ihr eindrücklichstes Erlebnis im Zusammenhang mit der Begleitung von trauernden Menschen?
Antwort:
Für Trauerbegleiterin Irene Christof ist jede Begegnung auf ihre Weise eindrücklich – wenn Menschen vom Verstorbenen erzählen, vor allem dann, wenn die Verbundenheit spürbar ist. Dazu berichtet sie von einem Gespräch: „Eine Frau, deren Mann mit nur 40 Jahren verstorben ist, hat mir kürzlich erzählt, dass ihre gemeinsame Zeit so wertvoll und wunderbar war und dass sie so viele Erlebnisse im Herzen hat, die ihr niemand nehmen kann. Ihr Leitsatz: Nicht die Tage im Leben zählen, sondern das Leben jedes einzelnen Tages.“ Gemeinsam haben wir einen Platz im Wald gefunden, der ihr Ruhe gibt und die Zeit für Gedanken, Tränen und Erinnerungen.

Hospiz Vorarlberg sucht Verstärkung

Im Jänner 2022 startet wieder ein Befähigungskurs für ehrenamtliche Hospizbegleiter. Im Vorfeld finden dazu zwei Informationsabende statt, und zwar am Donnerstag, 18. November um 18 Uhr im Hospiz am See (Mehrerauerstraße 72, Bregenz) sowie am Dienstag, 30. November um 19 Uhr im Bildungshaus St. Arbogast in Götzis.

Anmeldungen für die Info-Abende nimmt gerne Barbara Geiger (Tel. 05522/200-1100,

E-Mail: barbara.geiger@caritas.at) entgegen.