Allgemein

„Sterben und Tod wurden ausgelagert“

31.10.2021 • 09:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Wilfried Blum war viele Jahre als Pfarrer in Göfis und Rankweil tätig.              <span class="copyright">Hartinger     </span>
Wilfried Blum war viele Jahre als Pfarrer in Göfis und Rankweil tätig. Hartinger

Caritas-Seelsorger Wilfried Blum über Allerheiligen und Feiertage als Sensoren.

Seit wann wird eigentlich Anfang November der Toten gedacht?
Wilfried Blum: Papst Gregor IV. hat 865 entschieden, dass das Allerheiligen-Gedenken für die Gläubigen der Westkirche gemeinsam und jährlich am 1. November stattfindet. Heute ist dieser Feiertag nicht nur ein kirchlicher, sondern in vielen europäisch-katholisch geprägten Ländern ein gesetzlicher Feiertag. Liturgisch hat Allerseelen nie jene Bedeutung erlangt wie Allerheiligen – wohl aber in der Seele des Volkes.

Gab es immer schon den Brauch, am Allerheiligentag die Gräber der Verstorbenen zu besuchen?
Blum: Seit wann dies der Brauch ist, kann ich nicht sagen. Aber es stimmt, dass es eine lange Tradition hat, am Nachmittag des Allerheiligenfestes Totengedenkfeiern mit anschließendem Gräberbesuch zu verbinden. Der 1. November ist ein arbeitsfreier Feiertag. Deshalb verbindet man wohl beides in unseren Breitengraden miteinander. Viele Rituale und Bräuche wurzeln meistens in ganz pragmatischen Gründen. So ist das Leben.

Rituale können heilsam seien.  <span class="copyright">Hartinger</span>
Rituale können heilsam seien. Hartinger

Braucht es Allerheiligen/Allerseelen, um der Toten zu gedenken?
Blum: Sicher nicht. Gemeinsam sich zu freuen, zu trauern und zu gedenken hat meiner Meinung nach eine starke soziale Wirkung. Es stärkt und hilft, den Verlust eines lieben Menschen und die damit verbundene Trauer besser zu bewältigen. Mich hat es immer beeindruckt, wenn nach der Totengedenkfeier die Menschen auf dem Friedhof still an ihren Gräbern gestanden sind und ihrer lieben Verstorbenen gedacht haben. Das kann schon heilsam sein. Manche hingegen brauchen solche gemeinsamen Rituale nicht.

Es gibt immer mehr Beerdigungen, die nicht von einem Priester, sondern von pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einer Pfarre geleitet werden. Warum?
Blum:
Vordergründig ist es eine Folge des Priestermangels. Gott sei Dank ergibt sich damit eine große Chance, die Verantwortung füreinander und die verschiedenen Dienste in einer Gemeinde auf mehrere Schultern zu legen. In manchen Pfarren geschieht dies erfreulicherweise schon seit vielen Jahren. Künftig werden auch andere Dienste von beauftragten Frauen und Männern übernommen wie Taufen, Trauungen, Segnungen und anderes. Alte klerikale Muster werden damit überwunden. Die gemeinsame Verantwortung Getaufter für eine Pfarrgemeinde wird so glaubwürdiger sichtbar.

Aber auch freie Ritualleiterinnen und -leiter erfahren verstärkt Zuspruch, oder?
Blum:
Diese Entwicklung zeigt sich auch. Alle diese Leute engagieren sich sehr. Mein Eindruck ist, dass in Pfarren mit einer guten und würdevollen Trauerkultur der Bedarf nach anderen Ritualen gering ist. Leider sind manchmal trauernde Menschen in ihren Pfarren nicht wertschätzend und gefühlvoll aufgehoben. Sie sind dann mit Recht für diese anderen Möglichkeiten dankbar.

Zur Person

Wilfried Blum

Geboren am 14. Oktober 1949 in Bregenz, Theologiestudium in Innsbruck, 1975 zum Priester geweiht. Zunächst Kaplan in Götzis. 1982 bis 1987 Jugendseelsorger, 1990 bis 2004 Pfarrer in Göfis. Bis 2019 Pfarrer in Rankweil. Seit Oktober 2019 Caritas-Seelsorger.

Wie hat sich das Gedenken an die Toten in den vergangenen Jahrzehnten Ihrer Erfahrung nach geändert beziehungsweise hat es sich überhaupt verändert?
Blum: Jetzt kann ich doch schon auf viele Jahre zurückblicken und verspüre schon eine schrittweise Veränderung des Umgangs mit Trauer und Totengedenken. Früher war es viel stärker von der religiös-kirchlichen Seite geprägt. In vielen Familien wie auch bei uns zu Hause wurde an Allerheiligen in der Stube zusammen mit Verwandten der Rosenkranz gebetet. Für mich als Kind damals eine unendlich lange „Geschichte“. Und doch hatte es etwas Besonderes an sich. Die verstorbenen Angehörigen sind durch das Gebet in die Mitte des Alltags gerückt. Dieses Empfinden „hängt“ nach. Das wird heute weitgehend anders empfunden.

Ist das Verhältnis der Menschen zum Tod heute ein anderes als früher?
Blum: Das würde ich schon bestätigen. Früher wurde vor allem zu Hause gestorben und weniger in den Krankenhäusern oder Sozialeinrichtungen. Der Tod war einfach ein fixer Teil des Lebens. Er konnte nicht verdrängt werden. Dann wurde das Sterben und der Tod „ausgelagert“. Meiner Meinung nach veränderte sich damit auch der Umgang der Gesellschaft mit der Thematik Tod. Mit unangenehmen Dingen und Themen will man sich nicht belasten. Ein „steriler“ Umgang scheint besser zu schützen. In den letzten Jahren stelle ich wiederum einen kleinen Wandel fest. Dank des Engagements von Caritas und einzelner Ärzte wurde das Thema Palliativ und Hospiz zum Glück segensreich in die Mitte gerückt.

Besonders an Allerheiligen wird der Toten gedacht.  <span class="copyright"> APA</span>
Besonders an Allerheiligen wird der Toten gedacht. APA

Hat die Coronapandemie Ihrer Meinung nach die Einstellung zum Tod verändert?
Blum: Ich nehme eine Veränderung wahr. Einerseits sind noch Wunden bei denen spürbar, die beim ersten Lockdown aufgrund der Schutzmaßnahmen von ihren schwerkranken und sterbenden Angehörigen ferngehalten wurden. Andererseits ist der Tod doch mehr ins tägliche Leben getreten. Die Medien berichten immer noch, wie viele Menschen an oder durch Corona gestorben sind beziehungsweise sterben. Ob Informationen, die wie der Wetterbericht permanent verbreitet werden, abstumpfen oder mehr Veränderung bewirken, lässt sich bis jetzt noch schwer abschätzen. Meine Vermutung ist, dass es eher gegenteilig wirkt, im Sinne von Abstumpfung.

Wie voll sind die Kirchen heutzutage zu Allerheiligen?
Blum: Früher waren die Gottesdienste zu Allerheiligen so voll wie zu den Christmetten. Man musste früh genug in die Kirche kommen, um einen Platz zu „ergattern“. Das ist aber schon vor Corona nicht mehr so dramatisch gewesen. Kirchliche Feiertage sind feine Sensoren, die den Wandel in der kirchlichen Landschaft anzeigen. Die Wertigkeit, das heißt, welchen Stellenwert man einem kirchlichen Fest gibt, äußert sich sicher am Teilnehmen an den Feiern. Letztlich bewerte ich es aber nicht als eine Frage der Quantität. Vielmehr freut es mich, dass es trotz aller Entwicklungen Christinnen und Christen gibt, die das Gedenken an Allerheiligen und Allerseelen hochhalten. Es wird so zu einer guten frommen Gegenveranstaltung.

Der Umgang mit dem Tod hat sich verändert, sagt Caritas-Seelsorger Wilfried Blum.   <span class="copyright">Hartinger</span>
Der Umgang mit dem Tod hat sich verändert, sagt Caritas-Seelsorger Wilfried Blum. Hartinger

Was bedeutet für Sie persönlich der Allerheiligentag?
Blum: Persönlich trenne ich das frohe Fest Allerheiligen sehr vom Totengedenken. Ich erinnere mich gerne jener unzähligen Frauen und Männern, die in der Nachfolge Jesu ihr Bestes gegeben haben. Sie alle waren nie perfekt, also Sünderinnen und Sünder. Sie hatten ihre Ecken und Kanten. Dennoch haben sie ein Zeichen ihres Glaubens gesetzt. Spannende Biografien! Das feiert die Kirche. Mich ermutigt es, in diesen Spuren mein Bestes als Christ zu versuchen.