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„Die Situation wird ernster“

01.11.2021 • 18:30 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
ADA-Geschäftsführer Friedrich Stift war unter anderem zur Unterzeichnung eines Kooperationsvertrages mit dem Land in Vorarlberg.<span class="copyright">hartinger</span>
ADA-Geschäftsführer Friedrich Stift war unter anderem zur Unterzeichnung eines Kooperationsvertrages mit dem Land in Vorarlberg.hartinger

Friedrich Stift ist Geschäftsführer der Austrian Development Agency.

Sie sind gelernter Diplomat, waren jahrelang Botschafter, zuletzt in China. Was hat Sie an der Entwicklungszusammenarbeit interessiert?
Friedrich Stift
: Mit Entwicklungszusammenarbeit bin ich erstmals als Schüler durch die Katholische Jugend und die Sternsingeraktion in Berührung gekommen. Ich habe das immer mit Interesse verfolgt und finde es eine ganz tolle Aufgabe, im Rahmen der ADA mit österreichischem Steuergeld in der Welt Gutes zu tun.

 Leitet seit heuer die österreichische Bundesagentur für Entwicklungszusammenarbeit ADA: Botschafter Friedrich Stift.  <span class="copyright">hartinger</span>
Leitet seit heuer die österreichische Bundesagentur für Entwicklungszusammenarbeit ADA: Botschafter Friedrich Stift. hartinger

ZUR PERSON

Friedrich Stift

Geboren am 30. Mai 1961. Studium der Rechtswissenschaften in Wien. Postgraduate Studium in Bologna und Washington.

Verschiedene Tätigkeiten im Außenministerium und in den Österreichischen Botschaften in Washington, Riyad und Peking. Botschafter im Königreich Saudi Arabien, in der Islamischen Republik Iran und bis 2021 in der Volksrepublik China. Seit Juni 2021 Geschäftsführer der Austrian Development Agency (ADA) mit Sitz in Wien.

Was genau macht die ADA, deren neuer Geschäftsführer Sie seit heuer sind?
Stift
: Die ADA ist die österreichische Bundesagentur für Entwicklungszusammenarbeit. Sie ist 2004 gegründet worden. Vorher war auch die Umsetzung der Entwicklungszusammenarbeit im Außenministerium angesiedelt. Wir sind eine Agentur, die dem Außenministerium untersteht. Dort gibt es eine eigene Sektion für Entwicklungspolitik. Diese gibt die Richtlinien vor, und wir als ADA setzen sie um. Wir bekommen auch unser Budget vom Außenministerium.

Die ADA arbeitet mit Dreijahresplänen. Heuer soll ein neuer erarbeitet werden. Gibt es den schon?
Stift
: Dieser wird federführend vom Außenministerium erstellt. Er ist gerade am Fertig-Werden und gilt für die Jahre 2022 bis 2024. Er wird heuer noch in den Ministerrat gehen.

Wie schaut er inhaltlich aus?
Stift
: Er baut natürlich auf den vorigen auf. Armut reduzieren, ist immer noch oberstes Prinzip. Frieden schaffen, Umwelt nachhaltig gestalten sowie Frauenförderung sind weitere wichtige Themen, wobei Umweltschutz und Klimawandel im neuen Plan noch stärkere Bedeutung haben.

Können Sie da noch konkreter was dazu sagen?
Stift
: Schwerpunkte sind die vorher genannten Themen. Der neue Dreijahresplan hat auch Covid-19 aufgenommen und die Gefahr von Pandemien. Covid-19 hat wieder mehr Leute in die Armut getrieben. Die Schwachstellen der öffentlichen Gesundheitsversorgung werden aufgezeigt, und wo wir auch helfen können. Migration ist auch ein Thema, das im Dreijahresplan abgebildet ist. Wir wollen in der Entwicklungszusammenarbeit bessere Perspektiven vor Ort schaffen, sodass sich die Leute nicht gezwungen sehen, ihre Heimat zu verlassen. Es geht unter anderem darum, Berufsausbildungen anzubieten.

Wie wirkt sich die Pandemie auf diese Arbeit aus?
Stift
: Vor der Pandemie hat die Weltbank bestätigt, dass die Zahl der von extremer Armut Betroffenen zurückgegangen ist. Mit Ausbruch der Pandemie, den Lockdowns hat sich dieser Trend wieder umgekehrt. Es sind wieder viele Menschen in die extreme Armut geschlittert, vor allem Frauen und Mädchen. Viele Frauen, die im informellen Sektor arbeiten, haben ihre Jobs verloren. Frauen sind auch die, die die größte Last tragen, weil sie erkrankte Familienmitglieder pflegen. Sie sind auch verstärkt in der Pflege in den Spitälern tätig. Frauen sind sicher am stärks­ten exponiert, und da müssen wir in der Entwicklungszusammenarbeit auch ansetzen. Wir müssen schauen, dass Frauen aus dieser Benachteiligung herausgeholt werden.

Die öffentliche Entwicklungshilfeleistungen sollten laut Vorgaben 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens betragen. Österreich liegt weit darunter, derzeit bei 0,3 Prozent. Warum?
Stift
: Es ist die Regierung, die entscheidet, wie viele Mittel wir bekommen – in unseren Fall das Außenministerium. Die Mittel sind in den letzten Jahren gestiegen. Wir haben im Vorjahr über 14 Millionen Euro mehr bekommen, und auch im Jahr zuvor gab es eine Steigerung. Insbesondere der Katastrophenfonds wurde deutlich aufgestockt, von 15 Millionen 2019 auf jetzt 52 Millionen, und bis 2024 werden es 60 Millionen sein. 2019 hatten wir 0,28 Prozent, im Vorjahr 0,29 Prozent, und heuer kommen wir auf 0,30 Prozent des Bruttonationaleinkommens, und ich bin optimistisch, dass wir nächstes Jahr weiter steigern werden. Aber wir sind nicht bei den 0,7, die wir uns gesetzt haben beziehungsweise die OECD em­pfiehlt. Aber es geht in die richtige Richtung.

Wenn es allerdings in dieser Geschwindigkeit weitergeht, dauert es noch lang bis zu den 0,7 Prozent
Stift
: Bis wir auf 0,7 kommen, wird es dauern.

Besteht die Möglichkeit, dass in den nächsten Jahren mehr Gel­der in die internationale Entwicklungszusammenarbeit fließen?
Stift
: Das hängt natürlich von der jeweiligen Regierung ab. Das Budget wird nicht von der ADA beschlossen, sondern von der Regierung. Wir setzen um, was wir bekommen. Es gab Steigerungen in den letzten Jahren, und ich bin zuversichtlich, dass es weitere Steigerungen geben wird, aber wir sind sicher nicht dort, wo wir sein wollen.

Wie hoch ist das jährliche Budget der ADA?
Stift
: Die ADA hat ein operatives Budget von etwas über 200 Millionen Euro. Das setzen wir im Bereich der Programme um.

Sie arbeiten aber auch mit den Bundesländern zusammen?
Stift
: Ja, da gibt es eine gute Kooperation auch mit dem Land Vorarlberg. Wir haben ein tolles Projekt in Burkina Faso, wo es um erneuerbare Energie und Berufsausbildung geht. Das wird vom Land Vorarlberg hauptdotiert und von uns mitfinanziert. Ich glaube, das ist ein Bereich, auch in Hinblick auf Klima- und Umweltschutz, der den Menschen in den Ländern des globalen Südens am meis­ten hilft. Erneuerbare Energien funktionieren relativ autonom und müssen nicht an ein großes nationales Stromnetzwerk angeschlossen werden. Es ist auch gut, dass das Land Vorarlberg im Berufsbildungswesen das Wissen weitergibt und Frauen und Mädchen besonders fördert.

Der Vertrag für dieses Projekt wurde ja vor wenigen Tagen unterzeichnet, oder?
Stift
: Ja. Dieser wurde mit Landesrätin Katharina Wiesflecker unterzeichnet. Es handelt sich dabei um eine Aufstockung des bereits laufenden Programms bis 2026.

In einem Evaluierungsbericht von 2019 wurde unter anderem mangelndes Personalmanagement bei der ADA kritisiert. Wie schaut da die Situation jetzt aus
Stift
: Die ADA hat sehr motivierte und engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich glaube, wir haben ein gutes Betriebsklima. Es ist eines meiner Vorhaben, zu einem guten und wertschätzenden Klima beizutragen.

Haben Sie zu wenig Leute?
Stift
: Ja, wir sind ziemlich am Limit, was die Umsetzung der Projekte anbelangt. Der Druck auf die Mitarbeiter ist groß, aber wir werden es schaffen. Wir hoffen, dass wir nächstes Jahr einige Mitarbeiter zusätzlich bekommen, damit wir alles, was wir vorhaben auch umsetzen können.

Wie viele Leute arbeiten bei der ADA?
Stift
: Wir haben in der Zentrale in Wien 96 Vollzeitäquivalente. Im Ausland haben wir 66 Personen in elf Koordinationsbüros.

Was sehen Sie als Ihre wichtigsten Aufgaben in den nächsten Jahren?
Stift
: Grundsätzlich geht es immer noch darum, extreme Armut zu beseitigen. Österreich ist im Wasserbereich sehr stark, wo wir sehr große Expertise haben. Brunnen graben, Wasser aufbereiten, da sind wir gut und stark. Wir wollen auch, dass Frauen in den Wasserkomitees sitzen, weil diese unter anderem über die Wasserverteilung entscheiden. Das Frauenthema ist sehr wichtig, auch im Zusammenhang mit Covid. Wir haben bei sehr vielen Projekten den sogenannte Gen­der Marker 2. Bei diesem geht es hauptsächlich um die Verbesserung der Situation von Frauen und Geschlechtergleichstellung. Klima und Umwelt sind weitere wichtige Themen, das spielt ja alles zusammen. Armut, Klima, Umwelt – wir sehen durch den Klimawandel viel mehr Dürrekatastrophen in der Welt. In vielen Ländern Afrikas, aber auch in der arabischen Welt gibt es vermehrt Dürrejahre. Die Sensibilisierung in diesem Bereich ist ein wichtiges Thema ebenso wie Migration. Da ist Gesamteuropa gefordert, um die Lebensbedingungen in den Ländern des globalen Südens zu verbessern.

Ist es nicht so, dass durch den Klimawandel die Gefahr besteht, dass die Armut weiter steigt?
Stift
: Unsere Tätigkeit besteht darin, Armut zu bekämpfen. Mit zunehmendem Klimawandel werden die Lebensverhältnisse für die Menschen in diesen Ländern schwieriger, vor allem wenn es mehr Dürreperioden, Heuschreckenplagen oder auch größere Taifune und Unwetter gibt. Die Situation wird ernster.