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Dritter Stich: Was wir wissen und was nicht

02.11.2021 • 16:56 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Daten aus Israel belegen die Wirksamkeit der Auffrischung, doch genauso wichtig ist es, die Impfrate unter Ungeimpften zu steigern
Daten aus Israel belegen die Wirksamkeit der Auffrischung.(c) imago images/SEPA.Media (Michael Indra via www.imago-images.de)

Daten aus Israel unterstreichen die Wirksamkeit einer dritten Impfung.

Die Zahl der Neuinfektionen steigt, ebenso mittlerweile auch die Zahl der belegten Betten in den Spitälern. Oder anders formuliert: Die vierte Welle nimmt Anlauf. Und sie dürfte höher werden, als erhofft worden war. Denn der Unterschied zu 2020 ist evident – es gibt die Impfung gegen Covid-19. Diese Formulierung – Impfung gegen Covid-19 – ist ein Hinweis darauf, was die Intention dieser pharmazeutischen Intervention ist und war: Die Impfungen schützen vor der schweren Erkrankung an Covid-19, vor Hospitalisierung, vor Tod. Dass die Vakzine auch die grundsätzliche Infektion mit Sars-CoV-2 verhindern, war nie das Ziel. Es ging darum, Todesfälle und Überlastungen des Gesundheitssystems zu verhindern.

Die Impfungen sind wirksam, dies zeigt die Inzidenz, wenn man sie nach Impfstatus aufschlüsselt. In der Altersgruppe der 18- bis 59-Jährigen liegt diese bei den vollständig Geimpften bei 166,7. Bei den nicht vollständig geimpften liegt sie bei 645,4 (Stand 28.10.2021).

Grundimmunisierung: Zwei Dosen oder drei Dosen?

Stellt sich also die Frage: Wieso braucht es dann doch einen Booster? Und wie wirksam kann dieser sein? Vorauszuschicken ist an dieser Stelle, dass, obwohl diese Pandemie schon gefühlt ewig dauert, gerade in Bezug auf Immunität bzw. deren anhaltende Dauer noch Gegenstand von wissenschaftlichen Untersuchungen ist. Wir wissen, wie oben erwähnt, dass die Impfung schützt. Wie lange dieser Schutz anhält, ist aber noch nicht abschließend geklärt. Unter diesen Vorzeichen ist auch der Start mit einem – bis auf Johnson & Johnson – Zwei-Dosen-Impfschema zu sehen. Es kristallisiert sich nun mehr und mehr heraus, dass wohl ein Drei-Dosen-Schema die Grundimmunisierung darstellen wird. Und damit wären die Covid-Impfstoffe nicht allein, auch die FSME-Impfung etwa funktioniert nach diesem Prinzip.

Die positive Wirkung eines Boosters wird von Daten aus Israel untermauert, die Ende Oktober im Fachjournal „The Lancet“ veröffentlicht wurden. Untersucht wurde die Daten von 728.000 Dreifach-Geimpften und ebenso vielen, die erst zwei Impfungen erhalten hatten. Diese zweite Impfung musste in der Kontrollgruppe mindestens fünf Monate zuvor erfolgt sein. Die Gruppen wurden in Bezug auf Alter, Vorerkrankungen, Geschlecht sowie Risikofaktoren gematcht. Eingeschlossen in die Studie wurde nur der Impfstoff von Biontech/Pfizer.

Daten aus Israel zeigen Wirksamkeit des Boosters

Analysiert wurden die Daten von den Fachleuten vor allem hinsichtlich dreier Punkte: Hospitalisierung, schwere Covid-19-Verläufe sowie Todesfälle. In der Gruppe der aufgefrischten Probanden mussten 29 wegen einer Covid-19-Erkrankung ins Spital, in der Kontrollgruppe (zweifach geimpft) waren es 231. Daraus ergibt sich eine Wirksamkeit von 93 Prozent des Boosters im Vergleich mit dem Zwei-Dosen-Schema.
In Bezug auf schwere Verläufe wurden in der Booster-Gruppe 17 verzeichnet, in der Kontrollgruppe waren es 157 – demnach ergibt sich eine Wirksamkeit von 92 Prozent. Verstorben sind in der Booster-Gruppe sieben Probanden, in der Kontrollgruppe gab es 44 Todesfälle, die Wirksamkeit wurde hier mit 81 Prozent berechnet.

Diese Untersuchung zeigt, dass die Booster-Impfung sinnvoll und auch wirksam ist. Worüber allerdings keine Aussage getroffen wurde, ist die Dauer dieser geboosteten Immunantwort. Markus Zeitlinger, der Vorstand der Universitätsklinik für klinische Pharmakologie der Medizin-Uni Wien, meint dazu: “Ich gehe davon aus, dass man nach der dritten Impfung eine viel längere Immunität hat als nach der zweiten Impfung.” Man wisse aktuell aber schlicht nicht, wie lange der Schutz nach dem Booster anhalten werde.

Was wir noch nicht wissen

Gegenstand weiterer Untersuchungen ist auch die Immunantwort im Gesamten. Wie gestaltet sich diese im Lauf der Zeit und mit vermehrtem Abstand zur Impfung? Dabei geht es nicht ausschließlich um die Anzahl der neutralisierenden Antikörper, sondern auch der zelluläre Teil der Immunantwort in Form der T-Gedächtniszellen. Hier stellt sich etwa die Frage: Wie schnell werden Antikörper produziert, wenn Viren erneut auf das Immunsystem treffen? In diesem Zusammenhang steht auch die Frage nach weiteren Auffrischungsimpfung. Auch hier ist noch unklar, wie häufig diese künftig erfolgen müssen und welche Zeiträume hier sinnvoll sein werden.

Bleibt noch das Infektionsgeschehen: Kann ein Booster die vierte Welle brechen? “Er wird einen Beitrag leisten, aber nicht reichen, um gut über den Winter zu kommen”, sagt Zeitlinger. Der Grund liegt in den unterschiedlichen Inzidenzen, die eingangs angesprochen wurden. Unter den Ungeimpften finde der bei weitem überwiegende Teil der Ansteckungen statt. Aus diesem Grund sei es essenziell, dass die Immunisierung der Ungeimpften weiter Priorität haben muss.