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Überlebender empfindet für den Täter gar nichts

02.11.2021 • 15:20 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Andreas Wiesinger erinnert sich, als ihm der Attentäter entgegen kam. Er wurde verletzt.
Andreas Wiesinger erinnert sich, als ihm der Attentäter entgegen kam. Er wurde verletzt. (c) Akos Burg

Erinnerungen an Terrornacht sitzen tief, von der Politik ist er enttäuscht.

Eigentlich ist der Schal an allem schuld“, sagt Andreas Wiesinger und deutet auf das Stück Stoff, das seinen Hals umarmt. Die Schneiderei war damit an jenem Nachmittag vor einem Jahr fertig geworden und Wiesinger nutzt die Besorgung in der Wiener Innenstadt für ein spontanes Treffen mit einer Freundin. Die lauen Temperaturen locken die beiden und Hunderte andere in die Schanigärten im Ausgehviertel nahe des Schwedenplatzes.

Im Gespräch vertieft hören sie Knaller in der Nähe, „wahrscheinlich Böller“, denkt sich Wiesinger. Bis er in den Lauf eines Sturmgewehres blickt, das ein heranlaufender Mann in den Händen hält. Wenig später fliegen Wiesinger Kugeln um die Ohren. Es ist kurz nach 20 Uhr, am Abend des 2. November 2020. Der Tag des Terroranschlages. Und die vermeintlichen „Böller“ waren Schüsse, mit denen der Attentäter auf der Stiege um die Ecke sein erstes Opfer getötet hatte.

Zu dieser Zeit geht bei der Polizei der erste Notruf ein, von einer „Schießerei“ ist die Rede. Dutzende Menschen laufen schreiend durch die Innenstadt, doch Wiesinger hat keine Zeit zu schreien. „Wir sind alle in das Lokals gelaufen“, erinnert er sich ein Jahr später vor besagter Bar. „Das Erstaunliche war, dass jeder zuerst auf den anderen geschaut und diesen in Sicherheit gebracht hat. Erst dann hat man an sich gedacht. Das war im Nachhinein betrachtet schön zu sehen.“

“Die Leute sind alle kollabiert”

Weniger schön sind die Bilder, die sich ihm daraufhin im Vorratskeller der Bar bieten, in die das Personal die panischen Menschen bringt. „Die Leute sind alle kollabiert, ich habe viel Blut gesehen.“ Auch sein Eigenes sieht der Luftfahrtexperte an diesem Abend. Eine Kugel streift ihn am Kopf, eine reißt ihm eine tiefe Fleischwunde ins Knie. Eine weitere durchlöchert seine Tasche, die er wie eine Art Talisman bis heute trägt. Eine von der Hausmauer abprallende Kugel wird durch seine dicke Lederjacke gebremst.

Wiesingers Tasche
Wiesingers TascheKleine Zeitung

Zwei Stunden lang harren er und die anderen Verletzten im Innenhof des Hauses aus, in den der Vorratskeller führt. Eine pensionierte Ärztin leistet Erste Hilfe, die Anrainer helfen mit Decke und Medikamenten aus ihren Hausapotheken. Erst dann werden Rettungswägen in die Stadt gelassen, da man zuvor nach weiteren Tätern gesucht hatte.

Was Wiesinger zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Der Angreifer, ein 20-jähriger IS-Sympathisant, der in dieser Nacht vier Menschen tötet und Dutzende weitere verletzt, ist bereits tot. Erschossen durch die Polizei, neun Minuten nach dem ersten Notruf.

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Wut gegenüber der Politik

Von einem großen Erfolg für die Beamten wird Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) kurz nach dem Attentat sprechen. Der Täter hätte sonst noch deutlich mehr Schaden angerichtet. Erst später stellt sich heraus, dass das Großaufgebot an Beamten wegen einer geplanten Großrazzia bereits in der Nähe war. Was kurz nach der Tat folgt, sind Schuldzuweisungen an die Justiz für die frühzeitige Entlassung des späteren Attentäters, der aber auch nach regulärem Ende seiner Haft zum Tatzeitpunkt auf freiem Fuß gewesen wäre. Die türkis-grüne Regierung verabschiedet wenige Monate später ein Anti-Terror-Paket, die ÖVP schießt sich auf den „politischen Islam“ ein.

Es sind Vorgänge, die bei Angehörigen, Anrainern und Überlebenden für Kopfschütteln gesorgt haben, sagt Wiesinger, als er den Weg des Täters abgeht. Wo vor ein paar Monaten noch hunderte Kerzen und Einschusslöcher an die Tat erinnerten, sind heute nur noch vereinzelte Fassaden nicht ausgebessert worden. Einige wenige Kerzen stehen beim von der Stadt Wien errichtete Mahnmal.

Überlebender empfindet für den Täter gar nichts
Kleine Zeitung

„Eigentlich haben wir Wut empfunden. Nachdem das passiert ist, haben wir einen Brief vom Bundespräsidenten bekommen. Von der Regierung hat sich aber kein einziger bei uns gemeldet.“ Dafür hat Wiesinger noch heute kein Verständnis. „Wir wollen ja kein Geld, wir wollen schlicht, dass man mit uns redet. Und anerkennt, was uns passiert ist.“ Auch psychologische Hilfe und andere Unterstützung haben sich die Betroffenen selbst suchen müssen, erzählt er. „Das kann es doch nicht sein.“

“Ich muss auch mit dem Wissen leben, dass jene Kugeln, die mich verfehlt haben, jemand anderen getroffen haben”

Mit anderen Überlebenden, Angehörigen von Opfern und Anrainer ist Wiesinger bis heute in losem Kontakt. „Wenn wir uns sehen, sprechen wir über alles, aber interessanterweise nie über den Anschlag.“

Eine Einladung für die Gedenkveranstaltung, die heute Nachmittag in der Ruprechtskirche stattfinden wird, hat keiner von ihnen bekommen. Aus Datenschutzgründen, wie es heißt. „Wir wären da ohnehin nicht hingegangen“, sagt Wiesinger und schüttelt den Kopf, als er an der Kirche vorbei geht. Die Betroffenen haben inzwischen selbst eine Art Gegenveranstaltung organisiert. „Sollen die Politiker doch reden, wir werden uns trösten.“

Für den Angreifer empfinde er heute gar nichts, sagt Wiesinger, als er auf dem Kopfsteinpflaster unweit der Bar steht, auf dem der Attentäter gestorben ist. „Ich wollte – im Gegensatz zu anderen – auch kein Bild seiner Leiche sehen.“ Er wolle nun nach vorn schauen. „Ich bin immer noch hier und bin wahnsinnig dankbar dafür. Aber ich muss auch mit dem Wissen leben, dass jene Kugeln, die mich verfehlt haben, jemand anderen getroffen haben.“

Wiesinger am Ort, wo der Attentäter erschossen wurde
Wiesinger am Ort, wo der Attentäter erschossen wurdeKleine Zeitung