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„Der Gewinner ist der heimische Nachwuchs“

06.11.2021 • 23:32 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
VSV-Präsident Walter Hlebayna freut sich auf die Weltcuprennen in Zürs/Lech. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
VSV-Präsident Walter Hlebayna freut sich auf die Weltcuprennen in Zürs/Lech. Klaus Hartinger

Kommendes Wochenende gastiert in Zürs/Lech der Skiweltcup für zwei Parallelrennen.

Im Vorjahr haben alle Beteilig­ten die Parallelrennen in Zürs/Lech sehr gelobt, gerade auch die Fairness der Rennen. Was war aus Ihrer Sicht das Erfolgsgeheimnis bei der Weltcup-Premiere in der Flexenarena?
Walter Hlebayna: Der Erfolg beruht darauf, dass die Strecke von Anfang an nicht nur als Trainingshang, sondern eben auch als Austragungsort für das Parallelrennen konzipiert war. Wenn ein Hang von Haus aus so gleichmäßig ist wie der bei der Flexenarena, kann man den Feinschliff mit dem Schnee modellieren. Unter diesem Aspekt erfolgte die Streckenauswahl, bei der wir vom Vorarlberger Skiverband und auch ich persönlich unser Know-how eingebracht haben. Wenn dagegen ein Hang ungleichmäßig ist, wird man selbst mit der raffiniertesten Pistenpräparierung nie annähernd gleiche Bedingungen schaffen. Ich sage annähernd gleiche Bedingungen, denn im Skirennsport ist absolute Gleichmäßigkeit einfach unmöglich.

Weil im Wintersport Faktoren wie Temperaturen, Lichteinfall und eben Schneebeschaffenheit eine große Rolle spielen und der Schnee unterschiedlich reagiert.
Hlebayna:
So ist es, was in Bezug auf ein Parallelrennen bedeutet, dass beim linken Kurs an manchen Toren andere Spuren entstehen als beim rechten Kurs. Aber darum gibt es ja jetzt wieder einen Hin- und Rücklauf beim Parallelrennen, dann sollte sich sehr vieles ausgleichen.

Das Parallelrennen bei der Weltmeisterschaft war nicht fair, danach kamen Diskussionen über die Zukunft des Bewerbs auf – und gleichzeitig auch etwas gar schnelle Spekulationen über die Rennen in Zürs/Lech. Gab es einen Zeitpunkt, an dem Sie eine Streichung aus dem Rennkalender befürchteten?
Hlebayna:
Was das diesjährige Rennen betrifft, habe ich mir nie groß Gedanken gemacht – und über einen längeren Zeitraum hinaus gibt es selten absolute Planungssicherheit. Es war mir klar, dass nach den WM-Parallelbewerben in Cortina eine Diskussion entstehen würde, denn was da passiert ist, war nicht gut für den Skisport. Danach konnte man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Andererseits bin ich lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass es immer zwei Lager gibt. Die einen denken so und die anderen ganz anders, was meistens mit dem sportlichen Erfolg und sportlichen Misserfolg zusammenhängt. Weil am Ende spielen da auch immer die Eigeninteressen eine große Rolle.

Zudem gilt es zu wissen, dass die FIS-Renndirektoren schon viele Ideen hatten, wie die Abschaffung des Super-G, Abfahrten fast ausschließlich nur mehr in zwei Durchgängen durchzuführen und und und. Doch über etwas diskutieren und etwas zu beschließen sind zwei völlig verschiedene Dinge.
Hlebayna:
Reformgedanken im Weltcup sind nichts Neues, die gibt es oft, die Frage ist vielmehr, was umgesetzt wird. Ich halte es für sehr wichtig, wenn kompetente Köpfe sich Gedanken über Formate und Entwicklungsmöglichkeiten machen, und diese Ideen so weit reifen, dass man wirklich eine Einführung abwägt. Denn nur Ideen zu produzieren ist zu wenig. Im Moment wird definitiv wieder mehr diskutiert als auch schon.

Liegt das am neuen FIS-Präsidenten Johan Eliasch?
Hlebayna:
Ich hatte zwar bisher noch keinen direkten Kontakt mit ihm, aber ich höre, dass er Neuerungen anstrebt und die Diskussionen vorantreibt.

Der Weltcup funktioniert zwar nach wie vor in allen Sparten, aber so wirklich im 21. Jahrhundert angekommen ist das Format noch nicht?
Hlebayna:
Es braucht definitiv eine Modernisierung, mir fehlt da schon auch eine Weiterentwicklung im Sinne des neuen Zeitgeistes. Ich bin ein Befürworter, den Weltcup mit Augenmaß zu reformieren.

Was trauen Sie Roswitha Stadlober als ÖSV-Präsidentin zu?
Hlebayna:
In meinem Büro hängt ein Bild, auf dem ich und Roswitha als Jugendliche abgebildet sind, ich bin schätzungsweise 14, sie 17. Wir sind damals beim selben Landesverband, in Salzburg, Skirennen gefahren, ich kenne sie also schon sehr lange und habe sie immer als sehr zielstrebige und korrekte Person erlebt. Ich bin deshalb überzeugt davon, dass sie den ÖSV sehr gut führen wird, und habe ihr als Vertreter des Vorarlberger Skiverbands deshalb auch bei der Wahl meine Zustimmung gegeben.

Was sagen Sie dazu, dass Patrick Ortlieb zu den Machern im ÖSV aufgestiegen ist?
Hlebayna:
Patrick hat in der Tat eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe übertragen bekommen. Er war ja schon im Frühjahr der Finanzreferent und somit der Finanzminister beim ÖSV. (lacht) Als Mitglied des Managementteams hat er weitere Agenden dazu bekommen. Patrick trägt weiterhin die Verantwortung im wirtschaftlichen Bereich. Zusätzlich wird er auf präsidialer Ebene im Alpin- und Skicross-Sektor sein sportliches Know-how einbringen – als eine sinnvolle Ergänzung und Unterstützung für Sportdirektor Toni Giger. Das ist also eine sehr umfangreiche Aufgabe, die Patrick da übernommen hat, die mit viel Einsatz verbunden ist; alles ehrenamtlich, und das, obwohl er ja eigentlich beruflich mit seinem Hotel ganz gut ausgelastet ist. (lacht) Ich ziehe meinen Hut vor Patrick.

Ganz plump gefragt: Kann es zu einem Vorteil für den Vorarlberger Skisport werden, dass Ortlieb jetzt so viel Einfluss beim ÖSV hat?
Hlebayna:
Nein, Sie müssen sich das so vorstellen, als wenn Roswitha Stadlober jetzt ihre Tochter Teresa protegieren würde. Das ist völlig undenkbar. Es wird sogar eher leider umgekehrt sein. Als Verantwortlicher achtet man sehr genau darauf, niemandem aus seinem näheren Umfeld einen Vorteil zu verschaffen, und ist sogar viel kritischer mit nahestehenden Personen, um bloß nicht den Anschein der Befangenheit zu erwecken. Ma­thias und Fredi Berthold könnten wahrscheinlich seitenfüllend davon erzählen. Für den Vorarlberger Skisport ist die neue Position von Patrick kein Vorteil, aber wir werden indirekt, wie alle im österreichischen Wintersport, davon profitieren, dass das Management beim ÖSV breiter aufgestellt ist und dadurch noch schlagkräftiger wird. Eines ist aber schon klar: Vorarlberg ist einer der neun Stakeholder beim ÖSV, und Patrick Ortlieb im Präsidium dabei zu haben, ist natürlich eine gute Sache.

Eine gute Sache für den Vorarlberger Skisport ist natürlich auch das anstehende Skiweltcup-Wochenende in Zürs/Lech. Welche Synergieeffekte bringt das Rennen?
Hlebayna:
Der große Gewinner ist der heimische Skirennsportnachwuchs. Und das längst nicht nur, weil wir jetzt eine Trainingsstrecke haben und ein Teil der weltbesten Athleten vor der Haustüre der heimischen Nachwuchsläufer um Weltcuppunkte kämpfen. Die Rennen in Zürs/Lech wirken noch viel breitflächiger. Unsere Mitglieder beim VSV sind beim Weltcuprennwochenende als Funktionäre und Helfer im Einsatz. Dabei lernen sie, was es auf höchster Stufe braucht, um so eine Veranstaltung durchzuführen, sie bekommen neue Methoden und sehr viel Wissen vermittelt. Dieses Wissen wenden sie dann auf Landes-, Bezirks- und Vereinsebene an.

Was den Weltcuprennen in Zürs/Lech eine ganz neue Dimension gibt?
Hlebayna:
Das meine ich auch. Die Rennen wirken dadurch bis in die kleinsten Vereine hinein. Weil dort schon die Kinder, die noch nicht mal Tore fahren, auf einem ganz anderen Level trainieren können.

Lassen sich schon die ersten Effekte der permanenten Trainingsstrecke Flexenarena abschätzen?
Hlebayna:
Als wir vor einem Jahr zusammen mit Hubert Strolz den Hang in Zürs besichtigten, habe ich gesagt: Die Trainingsstrecke wird in Zukunft den Alltag der heimischen Nachwuchsläufer verändern, sie wird die Anfahrtswege zum Training deutlich verringern, sie wird die Trainingsqualität erhöhen, sie wird ein großer Anreiz für den heimischen Nachwuchs sein, sie wird viel befahren sein. Jetzt kann ich sagen: Die Trainingstrecke hat all das bereits bewirkt. Im Winter 2020/21 gab es 140.000 Trainingsfahrten, auf einem Korridor von 40 Metern waren buchstäblich vom Kleinstkind bis zur Weltmeisterin alle vertreten auf dem Hang.

Was auf eine sehr positive Langzeitwirkung hoffen lässt?
Hlebayna:
In vielen Jahren, wenn ich schon längst in Pension bin, werden Sie bei Interviews mit Vorarlberger Skirennläufern ganz sicher immer wieder die Antwort bekommen, dass sie viele Schwünge auf der Flexenarena-Piste gemacht haben. Ich habe vergangenes Jahr an den Betriebstagen einige Male mitgefilmt, da waren Kinder dabei, die auf dem Skibob den Hang hinuntergerutscht sind und nicht älter als zwei, drei Jahre waren.

Kommen wir in die unmittelbare Gegenwart zurück: Was trauen Sie den Vorarlberger Sportlern am kommenden Wochenende zu?
Hlebayna:
Sehr viel, weil ich weiß, dass alle sehr sauber und konsequent arbeiten. Bei einem Parallelrennen kann natürlich immer sehr viel passieren, beginnend schon in der Qualifikation, bei der Hundertstel darüber entscheiden, ob man sich für das Finale qualifiziert oder nicht. Es entscheiden schon Klitzekleinigkeiten. Wer es nicht ins Finale schafft, wird natürlich enttäuscht sein, aber ich bin mir sehr sicher, dass alle Vorarlberger sehr seriös an den Start gehen und mit den besten Vorsätzen Österreich, Vorarl­berg, ihren Heimatverein und natürlich sich selbst vertreten.

Bleibt noch die Frage, wie Sie selbst das Rennwochenende in Zürs/Lech erleben werden?
Hlebayna:
Es wird ein intensives Wochenende, weil ich viele Unterstützer, Gönner und Sponsoren eingeladen habe und diese persönlich betreue.

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