Kommentar

Jetzt geht es allen gleich schlecht

19.11.2021 • 20:26 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
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Reuters

Die Kompromissucht in der Pandemie hat Österreich in den vierten Lockdown getrieben.

Die österreichischste aller Entscheidungsformen ist der Kompromiss. Das hat unserer auf Konsens ausgerichteten Gesellschaft in der Zweiten Republik gute Dienste erwiesen, stellt sich in einer Krise wie der aktuellen Pandemie aber als nachteilig heraus. Wer alle einbeziehen will, kommt zu keiner, einer verwässerten oder einer verspäteten Entscheidung. Wer Liftbetreiber befragt, wenn Intensivstationen übergehen, hat es mit der Kompromisssucht zu weit getrieben.

Noch am Donnerstag trommelte die Vorarlberger Wirtschaftskammer gegen den Lockdown, ob für die Öffentlichkeit oder ihre Mitglieder, sei dahingestellt. Diesen Lockdown hätte man sich auch spraen können, wären die richtigen Entscheidungen frühzeitig getroffen worden. Aber im Sommer wäre die 3G-Regel am Arbeitsplatz für die Wirtschaft gewiss ebenso unerträglich gewesen, wie die 2-G-Regel für die Gastronomie. Aus ihrer Sicht muss man diese Haltung verstehen, aber sollte sich die Politik auch danach richten?
Die Clubnight Vorarlberg beispielsweise, war eine von guten Intentionen getragene Idee: Man wollte durch den Gratiseintritt für Geimpfte in Nachtclubs die Impfquote heben und der Nachtgastronomie unter die Arme greifen, die wie kaum eine Branche unter den Maßnahmen gelitten hat.
Als dann die Zahl der Infizierten rasant stieg, brachte man es nicht übers Herz, die Veranstaltung abzusagen. Dass man aber nicht mehr so ganz an deren Sinnhaftigkeit glaubte, zeigte schon das Ausbleiben der sonst nach jeder Imbisstanderöffnung üblichen Jubelaussendung aus dem Landhaus. Man hielt die Clubnight ab und schwieg sie medial tot – ein fauler Kompromiss. Die Landespressestelle, die einmal entrüstet erklärt hatte, man beantworte alle Medienanfragen, schwieg sich dann auch darüber aus, ob auf die Clubnight neue Infektionen zurückzuführen waren.

In Sachen Kompromisssucht haben sich auch die Medien an der Nase zu nehmen. Landauf, landab wird in Kommentaren tränenreich vor einer Spaltung der Gesellschaft gewarnt, als ob die Opposition zu einer Impfung ein weltanschaulich schützenswertes Identitätsmerkmal wäre. Dem verantwortungsbewussten Entschluss der Geimpften wird die Ignoranz der Ungeimpften als gleichwertig gegenübergestellt. Das erinnert an die Praxis in manchen US-Bundesstaaten, die Schöpfungslehre neben der Evolutionstheorie gleichberechtigt zu unterrichten. Es ist die traurige Konsequenz einer gesellschaftlichen Entwicklung, in der die Akzeptanz von Fakten zunehmend eine Frage der Gefühle wird. Für eine empfundene Wahrheit muss man kein Studium abgeschlossen haben, es reicht ein Kurs in angewandter Eingeschnapptheit. Mit dieser Strategie drängen sich die Schwurbler in die Mitte der Gesellschaft, wo sie auf immer weniger Gegenwehr und immer mehr Verständnis treffen. In Österreich ist man erst dann glücklich, wenn es allen gleich schlecht geht. Nun darf also die geimpfte Mehrheit die Suppe mitauslöffeln, die ihr die politische Kompromisssucht gegenüber einer faulen, feigen oder schlichtweg dummen Minderheit eingebrockt hat.