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Ein Ausstellung in Zürich schlägt Wellen

23.11.2021 • 22:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ein Ausstellung in Zürich schlägt Wellen
Emil Bührle in seiner Sammlung in der Zollikerstraße im Jahr 1954. Getty Images

Die Debatte um die Bührle-Sammlung wurde neu entfacht.

Mit der Eröffnung des Erweiterungsbaus des Kunsthaus Zürich im Oktober dieses Jahres ist die Diskussion um die Aufarbeitung der Sammlung Emil Bührle neu entflammt. Auf die Eröffnung der Präsentation der Sammlung des Schweizer Waffenherstellers und Kunstsammlers Emil Georg Bührle (1890 bis 1956) in dem Museum folgte eine substanzielle Debatte in den Schweizer Medien.

Ehemalige Mitglieder der Bergier-Kommission, welche die während des Zweiten Weltkriegs in die Schweiz gelangten Vermögenswerte aufarbeitete, kritisieren die Provenienzforschung der Bührle-Stiftung. Der Direktor der Stiftung widersprach den Vorwürfen, zuletzt haben sich Stadt und Kanton Zürich eingeschaltet: Die Dokumentation der Sammlung soll nun von unabhängigen Experten geprüft werden. Außerdem soll das Kunsthaus die Herkunft der Dauerleihgaben aus der Sammlung besser vermitteln.

Ein Ausstellung in Zürich schlägt Wellen
Die Sammlung in der Kunsthaus-Erweiterung. Kunsthaus Zürich/Franca Candrian

RuRund 170 Werke der Sammlung, die sich auf französische Malerei konzentriert, werden im Neubau des Museums gezeigt, darunter sind Werke von Claude Monet, Paul Cézanne und Paul Gauguin zu finden – nicht ganz unkommentiert: QR-Codes neben den Bildern würden den Besucher über die Ergebnisse der Provenienzforschung informieren, wie Lukas Gloor, der Direktor der Schweizer Bührle-Stiftung, in einem Bericht der „NZZ“ betonte. Außerdem hat das Kunsthaus Zürich auf ihrer Website ein „Digitorial“ mit Infos zur Sammlung und zur umstrittenen Figur Bührle errichtet.

Interesse

Ein scharfer Kritiker der Provenienzforschung der Bührle-Stiftung ist der His­toriker Jakob Tanner, der der Bergier-Kommission angehörte. „Es gab von dieser Stiftung her nie ein wirkliches Interesse an Aufklärung“, behauptete Tanner in einem Beitrag des SRF. Das Kunsthaus Zürich wiederum habe den Untersuchungen der Stiftung Bührle zu sehr vertraut, welche jedoch nicht auf dem neuesten Forschungsstand beruhen würden. Ein Knackpunkt der Diskussion ist die Frage, ob es überhaupt gesichert ist, dass sich unter den gezeigten Werken keine Raubkunst befinde – das Kunsthaus Zürich bestreitet die Möglichkeit, dass in der präsentierten Sammlung Raubkunst zu finden sei.

Ein Ausstellung in Zürich schlägt Wellen
Claude Monets „Mohnfeld bei Vétheuil“, um 1879. Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich

Als Waffenfabrikant machte Bührle mit Nazi-Deutschland lukrative Geschäfte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs musste er 13 Werke aus seiner Kunstsammlung, die als Raubkunst identifiziert worden waren, an die Alteigentümer zurückgeben. Einige davon kaufte er wieder zurück.

“Fluchtgut”

Neben der Raubkunst stellt sich allerdings noch die Frage, wie mit sogenanntem Neben der Raubkunst stellt sich allerdings noch die Frage, wie mit sogenanntem „Fluchtgut“ umzugehen ist – also mit Werken, die von Juden während der Nazi-Herrschaft aus einer existenziellen Not heraus verkauft wurden, um ihre Flucht zu finanzieren. Diese Käufe haben, selbst wenn sie rechtlich ordnungsgemäß sind, eine große moralische Dimension. Laut „NZZ“ wird konkret um Monets Werk „Mohnfeld bei Vétheuil“ debattiert. Die Erben des ehemaligen Besitzers, Max Emden, meinten demnach, ihr Vater habe das Bild 1940 weit unter dem Marktpreis verkauft, um auswandern zu können. Stiftungsdirektor Gloor widersprach: Der Besitzer habe das Werk nicht unter Druck, aber „im Rahmen einer geordneten Emigration“ verkauft, ließ er im „NZZ“-Bericht wissen. Das Bild ist in Zürich in der Sammlungspräsentation zugänglich.

Bührle und der Annenaltar

Auf den Namen Bührle stößt der Vorarlberger in der Wolf-Huber-Ausstellung im Palais Liechtenstein in Feldkirch, die bis zum 20. November 2022 verlängert wurde. Dabei geht es um den Annenaltar, der 1521 erstmals im heutigen Feldkircher Dom aufgestellt wurde. Nach zahllosen Irrwegen und Zerstreuungen wurden im Jahr 1953 in einer „Besenkammer“ im Kloster Riedenburg die vier Seitentafeln des Altars entdeckt. Landeskonservator Erwin Heinzle drängte darauf, das Land möge die Tafelbilder erwerben, wie in der Broschüre zur Schau zu lesen ist. Die Angebote des Landes wurden aber von privaten Interessenten überboten. Schließlich trat Bührle auf, der die Altarflügel für 1,1 Millionen Schilling erwarb, und anschließend dem Kunsthistorischen Museum in Wien zur Verfügung stellte.
Ob es nun der tatsächliche Grund für sein Einschreiten gewesen war, bleibt ungewiss, Bührle selbst meinte dazu in einem Brief: „Der Grund der Leihgabe liegt in der Wertschätzung, welche ich dem österreichischen Staate und Volk mit seiner alten Kultur entgegenbringe.“

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