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Jugendpsychiatrie: Triage bereits Alltag

24.11.2021 • 14:01 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Psychische Erkrankungen nehmen bei Kindern drastisch zu
Psychische Erkrankungen nehmen bei Kindern drastisch zu Daniel Jędzura – stock.adobe.co

Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen häufen sich.

Wie steht es um die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Österreich? Um diese Frage zu beantworten, veröffentlicht die Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit jährlich einen Bericht. Seit dem letzten Jahr hat sich leider wenig verändert, wie Christoph Hackspiel, Präsident der Kinderliga und Psychologe, erklärt: „Wir dachten, dass wir zu diesem Zeitpunkt schon an einem anderen Punkt stehen werden. Aber es ist ähnlich wie im letzten Jahr.“

Triage ist bereits Alltag

So ist etwa nach wie vor die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen eine große Herausforderung. Kinderliga-Vizepräsidentin Hedwig Wölfl meint dazu: „Es geht jungen Menschen zunehmend psychisch schlecht. Viele Studien zeigen mittlerweile massive Raten an Depression und Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen.“ Diese können aber nicht immer adäquat behandelt werden: Für Therapieplätze gibt es lange Wartelisten, Kassenplätze sind stark begrenzt. Besonders zugespitzt hat sich die Lage in den Kinder- und Jugendpsychiatrien: „Dort muss Triage schon gelebt werden. Die Spitäler sind so voll, dass nur mehr jene jungen Menschen aufgenommen werden können, bei denen es zu Hause hohe Risiken gibt oder die schwer suizidal sind.“

Schon vor der Pandemie hatte die WHO gewarnt, dass psychische Erkrankungen wohl eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte werden dürften. Die letzten Monate haben diese Tendenz noch verschärft. „Kinder sind eine vulnerable Gruppe. Die Pandemie deutlich hat gezeigt, dass sie in ihrer Entwicklung stark von äußeren Umständen beeinträchtigt werden können. Kontaktbeschränkungen spielen dabei eine zentrale Rolle“, sagt Hackspiel. Die Gesellschaft habe dabei die Verantwortung, Kindern die bestmöglichen Entwicklungschancen zu bieten.

Mobbing und Gewalt

Doch die Zahlen sind erschrecken. 25 Prozent der jungen Menschen leiden an psychischen Erkrankungen. Ebenso viele sind Gewalt oder Mobbing ausgesetzt. „Wenn wir wollen, dass Kinder nicht nur gut aus der Krise kommen, sondern allgemein eine gute Zukunft haben, müssen wir hier viel mehr investieren“, sagt Hackspiel.

Dass die Schulen und Kindergärten nun in dieser Phase der Pandemie geöffnet bleiben, sei dabei ein wichtiger Schritt. Dieser bringe aber aufgrund der Beschaffenheit der Regelungen erneut Stress und Belastung in die Familien, erklärt Hedwig Wölfl: „Eltern, Kinder und Pädagogen werden in eine Situation gebracht, in der sie gemeinsam einen Konsens für die nächsten Wochen finden. Egal wie die Entscheidung ausfällt – sie ist oft schambehaftet.“ Besonders betroffen seien jene Kinder und Jugendliche, die schon in der ersten Phase der Pandemie durch die Kontaktbeschränkungen soziale Ängste entwickelt haben: „Diese jungen Menschen haben durch die Öffnungen der Schulen oft einen Schritt nach vorne gemacht. Die jetzige Situation birgt die Gefahr, in die alten Muster zurückzufallen, nämlich dann, wenn man sich denkt: ‚Aber ich muss ja nicht hingehen.‘“ Um sich gut zu entwickeln, sei soziale Gemeinschaft aber unumgänglich.

Zahnprobleme und Übergewicht

Doch nicht nur die psychische Gesundheit der Kinder bereitet den Expertinnen und Experten Sorgen. So erzählt Kassenkinderärztin Nicole Grois aus ihrem Berufsalltag: „Ich bin seit dreißig Jahren Kinderärztin. In dieser Zeit hat sich meine Arbeitswelt dramatisch verändert. Wir sehen zwar mittlerweile weniger Infektionserkrankungen, jedoch nehmen andere Krankheitsbilder dramatisch zu.“ Bewegungsmangel und industrialisierte Ernährung führen etwa zu Übergewicht bei vielen jungen Menschen. Auch Zahnprobleme nehmen zu.

Kinder adäquat zu helfen sei oft schwierig, da es an Kassenplätzen in allen Bereichen mangle: „Viele junge Menschen bräuchten Physio-, Psycho- oder Ergotherapeuten. Aber es gibt schlichtweg zu wenig Therapieplätze“, so die Kinderärztin. Das Problem sei auch ein politisches: Nur sechs Prozent der Gesundheitsbudgets in Österreich wird für Kinder ausgegeben. Sie machen aber 20 Prozent der Bevölkerung aus. Darunter leiden vor allem jene, die sich keine Wahlärztin oder Wahlarzt leisten können. Denn nur 40 Prozent der niedergelassenen Kinderärzte sind Kassenärzte. Und es dürften noch weniger werden: 26 Prozent dieser Kassenärzte sind bereits über 60 Jahre alt.

Sofort handeln

Um diesen Problemen entgegenzuwirken, ruft die Österreichische Kinderliga auf, sofort zu handeln. Kassenplätze und Präventionsangebote sollen ausgebaut werden. Außerdem wird die Forderung nach einem eigenen Kinderministerium wiederholt. Ein solches solle sich ressortübergreifend um das Wohl der jungen Menschen kümmern.

Anlaufstellen

Erste Anlaufstelle bei psychischen Problemen kann Hausärztin oder Hausarzt sein.

Beratungsstellen oder psychotherapeutische Praxen können weitere Anlaufstellen für Hilfe in akuten Fällen sein.

Eine Expertensuche für ganz Österreich findet man unter: www.gesundheit.gv.at/service/gesundheitssuche/

Die Telefonseelsorge ist unter der Nummer 142 erreichbar.

Notfallpsychologischer Dienst: Alle Kontaktdaten sind unter www.notfallpsychologie.at zu finden.

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