Allgemein

Neue Variante: Was wir wissen und was nicht

26.11.2021 • 21:15 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Die südafrikanische Regierung appeliert nach dem Auftauchen der neuen Variante an die Bevölkerung, sich impfen zu lassen
Die südafrikanische Regierung appeliert nach dem Auftauchen der neuen Variante an die Bevölkerung, sich impfen zu lassen (c) AP (Denis Farrell)

Im Südafrika ist eine neue Variante von Sars-CoV-2 aufgetaucht.

1 Was wissen wir über diese neue Variante?

Die neue Variante von Sars-CoV-2, die im südlichen Afrika erstmals entdeckt wurde, trägt die Bezeichnung B.1.1.529 oder Omikron. Hervorgegangen ist sie aus einem Vorläufer der Alpha-Variante (früher britische Variante). Gesichert ist, dass die Fallzahlen von einem eigentlich niedrigen Niveau in der südafrikanischen Provinz Gauteng im Verlauf des November sprunghaft angestiegen sind. Anfang November wurden in der Provinz, in der auch Johannesburg liegt, 22 Fälle pro Tag gemeldet. Am 25. November waren es 1950 Fälle. „Diese Steigerung ist jenseits von allem, was wir bislang kennen“, sagt Ulrich Elling, der in Österreich für den überwiegenden Anteil der Sequenzierungen verantwortlich zeichnet. Dass die Steigerung auf eine erhöhte Testrate zurückzuführen sei, verneint der Wissenschaftler vom Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Die Testrate sei über die letzten Wochen mit 30.000 bis 40.000 Tests relativ stabil gewesen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Omikron genannte Variante am Freitagabend als “besorgniserregend” eingestuft. Diese Klassifizierung ist laut WHO-Definition ein Signal, dass eine Variante ansteckender ist oder zu schwereren Krankheitsverläufen führt. Außerdem besteht bei “besorgniserregenden Varianten” die Gefahr, dass herkömmliche Impfungen, Medikamente oder Corona-Maßnahmen weniger wirksam sind. Vorläufige Hinweise deuteten auf ein erhöhtes Risiko einer Reinfektion bei dieser Variante im Vergleich zu anderen besorgniserregenden Varianten, zu denen auch die derzeit vorherrschende Delta-Variante zählt. Nach Angaben der WHO wird es jedoch noch Wochen dauern, bis klar wird, welche genauen Auswirkungen die Mutationen haben.

Besorgniserregende Varianten

Bisher hatte die internationale Gesundheitsbehörde vier “besorgniserregende Varianten” (“variants of concern”) identifiziert: Alpha, Beta, Gamma, sowie Delta, die wegen ihrer hohen Übertragbarkeit zur vierten Pandemie-Welle beigetragen hat. Zusätzlich sind zwei “Varianten unter Beobachtung” (“variants of interest”) gelistet, die um den vorigen Jahreswechsel in Südamerika aufgetreten waren.

2 Warum ist die Variante besorgniserregend?

Grundsätzlich weist die Variante 32 Mutationen am Spike-Protein auf, mehr als doppelt so viele wie bei der Delta-Variante gesehen wurden. Das Spike-Protein ist jener Teil des Virus, dass sich Einlass in die Zellen verschafft. Doch es ist nicht die Menge der Mutationen, die Sorgen bereitet. Denn eine Mutation muss nicht notwendigerweise einen Vorteil für das Virus bedeuten. Zig Mutationen sind im Verlauf der Pandemie auch wieder verschwunden, weil sie zum Beispiel dem Virus keinen Wettbewerbsvorteil gebracht haben. Aber: Viele der Mutationen, die nun B.1.1.529 aufweist, wurden auch schon für sich allein beobachtet – in Alpha, Beta, Gamma oder auch Delta. „Da hatten sie aber immer einen Selektionsvorteil“, sagt Elling.

Der Virologe Christian Drosten betonte, bei der Virusvariante B.1.1.529 gebe es noch viele offene Fragen. So sei unklar, ob die Variante tatsächlich ansteckender ist oder ob ein anderer Faktor Grund für die momentan beobachtete Ausbreitung ist. “Für eine veränderte Krankheitsschwere gibt es derzeit keine Hinweise”, teilte Drosten am Freitag mit. Die Genom-Veränderungen bei dem Erreger wiesen darauf hin, dass die Virusvariante sich der Immunabwehr entziehen könnte. “Veränderungen im Genom sind aber allein nicht ausreichend, um von einer besorgniserregenden Situation zu sprechen”, erklärte der Virologe von der Berliner Charité. Die Bewertung sei noch nicht abgeschlossen.

3 Was ist nun das Problem mit dieser Variante?

Vor allem jene Stellen, über die das Virus an die menschliche Zelle andockt (rezeptorbindende Domäne), sind „komplett mutiert“. Darüber hinaus zeigt B.1.1.529 einige Mutationen, die helfen könnten, dem Angriff von neutralisierenden Antikörpern, zumindest teilweise zu entkommen, ein sogenannter „Immune Escape“. Das bedeutet, es könnte sein, dass diese Variante den Impfschutz partiell oder ganz umgeht.

4 Wie häufig wurde sie bislang entdeckt?

In Österreich ist noch kein Fall nachgewiesen (Stand 26. November), am Freitagnachmittag wurde bekannt, dass in Belgien aber der erste Fall in Europa detektiert wurde. In Südafrika waren es mit Stand Donnerstag 77. Allerdings dürfte die Dunkelziffer höher liegen und mittlerweile auch andere südafrikanische Provinzen betreffen. Unter den wenigen sequenzierten Viren-Genomen aus der Region macht die Variante laut Berechnungen Ellings bereits rund zwei Drittel aus. Einige Fälle sind demnach auch in Botswana und Hongkong aufgetreten. In Israel wurde nach offiziellen Angaben eine Person identifiziert, zwei weitere Personen seien Verdachtsfälle.

Grundsätzlich gibt es bei dieser Variante Parameter, die es möglich machen, sie per PCR-Testverfahren zu detektieren. So lässt sich die Variante schneller nachweisen, was eine Eindämmung – bei raschem Handeln – vereinfachen würde.

5 Was wissen wir noch nicht über diese Variante? Was gehört noch erforscht?

Es ist noch unklar, inwieweit diese Variante die Schwere einer Covid-19-Erkrankung beeinflusst. Es ist ebenso noch nicht gesichert, ob diese wirklich infektiöser, also ansteckender, ist. „Die Vermutung liegt nahe, aber das müssen wir im Labor erst bestätigen“, sagt Elling. „Wir sehen, dass der Anstieg der Zahlen und das Auftauchen der Variante korrelieren. Nun müssen wir den kausalen Zusammenhang herstellen.“ Grundsätzlich weist die südafrikanische Gesellschaft eine hohe Durchseuchung auf, auch ist in dem Land gerade Frühling. Ein Ansteigen der Inzidenz ist also eher ungewöhnlich.

Und schließlich stellt sich die Frage nach dem Immunschutz, den Geimpfte wie Genesene aufgebaut haben. Auch diese kann noch nicht abschließend geklärt werden. Florian Krammer, Steirer, der in New York lebt und forscht: “Es könnte sein, dass das die erste Variante ist, auf die man den Impfstoff anpassen muss – vielleicht aber auch nicht.” Krammer wie Elling sind sich einig: Es braucht mehr Daten und Untersuchungen. Das allerdings äußerst rasch.

Virologe Andreas Bergthaler meinte dazu am Freitag, es sei noch unklar, ob die Variante den Impfschutz durchbrechen kann: Dazu brauche es “starke epidemiologische Daten und Resultate aus dem Labor. In der Petrischale wurde bisher gezeigt, dass an einigen Mutationen die Antikörper schlechter binden, weswegen diese Variante den Immunschutz unterlaufen könnte”. B.1.1.529 sei aber kein Argument gegen eine Impfung. “Grundsätzlich ist diese neue Variante umso mehr ein Grund, sich jetzt die Auffrischungsimpfung oder endlich die Erstimpfung zu holen”, so der Wissenschafter.

“Wir können die Besorgnis von Experten nachvollziehen und haben unverzüglich Untersuchungen zur Variante B.1.1.529 eingeleitet”, sagte ein Biontech-Sprecher am Freitag. In spätestens zwei Wochen seien weiterführende Daten aus den Labortests zu erwarten. “Diese Daten werden uns Aufschluss darüber geben, ob es sich bei B.1.1.529 um eine Escape-Variante handeln könnte, die eine Anpassung unseres Impfstoffs erforderlich macht, wenn sich diese Variante international ausbreitet.” Biontech gibt an, den mRNA-Impfstoff innerhalb von sechs Wochen anpassen zu können. Erste Chargen des angepassten Impfstoffs könnten nach Angaben des Unternehmens innerhalb von 100 Tagen ausgeliefert werden.

6 Was sollte nun passieren?

Rasch haben einige Länder schon reagiert – mit Reisewarnungen und Einreisestopps. Elling plädiert für diese schnelle Vorgehensweise. „Sobald wir mehr Daten haben, können die vorbeugenden Maßnahmen auch wieder aufgehoben werden.“ Aber jetzt gehe es darum, diese Variante an der weltweiten Ausbreitung zu hindern. Ja, es gebe noch Unklarheiten. „Aber alles, was wir bislang wissen, ist sehr besorgniserregend.“

EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen sagte dazu am Freitag: “Wir nehmen die Nachrichten über die neue, mehrfach mutierte Covid-Variante sehr ernst.” Sie appellierte auch an die Bürgerinnen und Bürger in der EU: “Bitte lassen Sie sich so schnell wie irgend möglich impfen, falls Sie dies nicht schon getan haben.” Auffrischimpfungen böten einen noch besseren Schutz. Auch das Befolgen von Hygieneregeln, Reisebeschränkungen oder Maßnahmen an den Grenzen helfe dabei, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. “Das ist wichtig, denn so gewinnen wir wertvolle Zeit. Wertvolle Zeit für weitere Impfungen und Auffrischimpfungen.”

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.