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Das Playbook hinter dem Austria-Erfolg

27.11.2021 • 22:55 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Hinter dem Erfolg steckt ein Plan. <span class="copyright">Gepa</span>
Hinter dem Erfolg steckt ein Plan. Gepa

Austria Lustenau wandert von Rang 13 auf Rang 1 in nur 5 Monaten.

Besser hätte es für Austria Lustenau in den ersten 16 Runden der 2. Liga kaum laufen können. Nach vielen Jahren des Favoritendaseins mit anschließend enttäuschenden Auftritten ist es den Grün-Weißen dieses Mal gelungen, den Spieß umzudrehen.
Als Außenseiter angetreten, hat das Team von Trainer Markus Mader zunächst einen neuen Startrekord aufgestellt, anschließend die Herbstmeis­terschaft geholt und führt nun in der Winterpause mit drei Punkten Vorsprung vor dem FC Liefering. Die vermutlich bestplatzierten aufstiegswilligen Teams hinter den Lustenauern sind der GAK und Wacker Innsbruck auf den Rängen sieben und acht – 14 Punkte hinter der Austria. Doch wie konnte es dazu kommen, dass Lustenau nach der Katastrophensaison des Vorjahrs, als man punktegleich (!) mit dem Tabellenletzten den 13. Platz belegt hatte, inzwischen allen Konkurrenten enteilt ist?

Das Netzwerk

Ginge es einzig nach dem Marktwert der Spieler, liegen die Lustenauer in der Tabelle nur auf Rang acht (Quelle Transfermarkt). In der Sommerpause kamen sieben Neuzugänge – deutlich weniger als in den meisten anderen Jahren. Vier Akteure sind vom Kooperationspartner Clermont Foot ausgeliehen, darunter mit Muhammed Cham und Brandon Baiye zwei der besten Spieler der Liga. Zwei weitere Neuzugänge, die in Österreich völlig unbekannt waren und einen großen Anteil am Erfolgslauf der Austria haben – Jean Hugonet und Hakim Guenouche –, kamen ebenfalls über das CSC-Scouting-Netzwerk nach Lustenau. Die Kooperation hat damit zwei Jahre nach Bekanntgabe zum ersten Mal sportliche Früchte getragen, und das obwohl der vermeintliche Königstransfer Cem Türkmen bisher nicht über die Rolle eines Ergänzungsspielers hinausgekommen ist.

Muhammed Cham
Muhammed Cham

Der Trainer

Vor fünf Jahren war Markus Mader noch Trainer beim FC Schwarzach in der Landesliga. Der ehemalige Torjäger war mit den Hofsteigern erfolgreich, aber dass der heute 53-Jährige mit aller Gewalt in Richtung Profifußball gedrängt hätte, daran kann sich niemand erinnern. Nach dem Aufstieg mit dem FC Dornbirn setzte sich Mader neue Ziele, bei der Austria hätte er gerne schon früher angeheuert. Allerdings suchte man bei den Grün-Weißen im Sommer 2020 noch einen auswärtigen Trainer – nach dem missglückten Engagement von Alexander Kiene war die Zeit schließlich bereit für den Vorarl­berger Mader, der sich mit Co-Trainer Martin Schneider einen alten Weggefährten an die Seite geholt hat. Das Vorarlberger Trio inklusive Tormanntrainer Mathias Nesler harmoniert ausgezeichnet und brachte den Spaß zurück auf die Trainingsplätze im Rheinvorland.
Doch Mader machte nicht nur Stimmung, er formte eine funktionierende Elf mit klar verteilten Rollen. Nach wenigen Runden hatte sich eine Startformation gebildet, die Mader nur geringfügig je nach Gegner adaptiert. Der Fokus liegt nun mehr auf den eigenen Stärken als auf der Gegneranalyse und der Anpassung auf den jeweiligen Kontrahenten. Anders als in Dornbirn arbeitet Mader nun hauptberuflich als Coach, er übernimmt viele Aufgaben, die nicht in das klassische Anforderungsprofil eines Bundesliga-Trainers gehören. In das Vereinsleben hat sich der neue Trainer schnell eingelebt, er ist im Gegensatz zu seinen Vorgängern nah- und greifbar.

Markus Mader hat den Spaß zurückgebraucht. <span class="copyright">Gepa</span>
Markus Mader hat den Spaß zurückgebraucht. Gepa

Die Mannschaft

In der Vorsaison gab es bei der Austria weder eine Einheit auf noch neben dem Platz. Das ist seit diesem Sommer anders. Mit den Abgängen von Michael Lageder und Christoph Freitag haben zwei Persönlichkeiten den Verein verlassen, deren Motivation und Ambition nicht mehr allzu groß war – anderen dienten sie damit als negatives Vorbild. Dazu ist auch Adriano Bertaccini weg, der Stürmer sorgte für schlechte Stimmung und war mit seiner Rolle latent unzufrieden.
Wallace, im Vorjahr noch absoluter Außenseiter im Team, ist inzwischen deutlich besser integriert. Der Brasilianer lernt deutsch und profitiert von den Sprachkenntnissen seines Landsmanns Adriel. Mit Jean Hugonet ist außerdem ein absoluter Leader zum Verein gestoßen. Der Franzose entspricht nicht dem Klischee eines Fußballprofis, dessen Interessen sich abseits des Platzes auf die Playstation begrenzen. In den vergangenen Monaten hat der 21-Jährige Vorarlberg auf eigene Faust erkundet und sich intensiv mit seiner neuen Umgebung befasst. Auf dem Platz setzt Hugonet Zeichen, wenn es nicht läuft – vielleicht ist genau er jenes entscheidende Puzzleteilchen, das dem Kader sonst gefehlt hätte.

Christoph Freitag und Michael Lageder haben den Verein verlassen. <span class="copyright">Gepa</span>
Christoph Freitag und Michael Lageder haben den Verein verlassen. Gepa

Das gemeinsame Ziel

Vom Meis­tertitel will nach außen kaum jemand sprechen. Als es Torhüter Domenik Schierl vor dem Derby gegen Dornbirn im TV-Interview getan hatte, musste er dafür intern harte Kritik einstecken. Und dennoch schweißt dieses große Ziel des Aufstiegs alle zusammen. Sollte dieses Vorhaben im Sommer 2022 nicht gelingen, würde sich die Mannschaft in der Sommerpause wieder grundlegend verändern. Ein Verbleib von Cham wäre lediglich in der Bundesliga vorstellbar, ansonsten geht es für den U-21-Teamspieler nach Frankreich zu Clermont Foot. Torjäger Haris Tabakovic hat vor der Saison lautstark mit einem Vereinswechsel geliebäugelt, diesen Sommer darf er ablösefrei gehen. Nach einem Aufstieg könnte es sich der 27-Jährige, der mit genügend Selbstvertrauen ausgestattet ist, noch einmal überlegen, ob er Lustenau nicht noch länger seine Heimat nennen wird.
Sportlich ist die Austria jedenfalls bereit für die Frühjahrsrunde – bleibt die große Frage nach der Infrastruktur.