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„Früher wollte jeder gleich nach Hause“

27.11.2021 • 22:46 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Mit spektakulären Paraden zeichnet sich Ralf Patrick Häusle im Bregenzer Tor aus.    <span style="color: rgba(111, 111, 111, var(--text-opacity)); font-size: 0.75rem; text-transform: uppercase;">Gepa</span>
Mit spektakulären Paraden zeichnet sich Ralf Patrick Häusle im Bregenzer Tor aus. Gepa

Ralf Patrick Häusle ist einer der Faktoren für den Bregenzer Höhenflug.

Die Hinrunde der HLA ist absolviert und Bregenz Handball Tabellenführer. Hätten Sie damit vor der Saison gerechnet?
Ralf Patrick Häusle: Überhaupt nicht. Wenn man sich die vorangegangenen Spielzeiten anschaut, sind wir immer schlecht oder mittelmäßig gestartet. Außerdem hatten wir stets Probleme mit Verletzungen. Vor dem Saisonstart lautete das Ziel in die Top drei vorzustoßen, das ist auch weiterhin die Vorgabe. Ich war über den Saisonstart überrascht, weil wir in der Vorbereitung in der Abwehr nicht so gestanden sind, wie ich es gerne gehabt hätte. Wir haben uns dann schnell ­gefunden. Kleine Probleme gibt es immer noch, aber das bügelt meist der Angriff aus.

Mit 357 erzielten Toren stellt Bregenz den besten Angriff der Liga. Hat sich die Stimmung in der Mannschaft verändert?
Häusle: Die Stimmung ist schon seit Markus (Trainer Burger; Anm.) hier ist auf einem super Niveau. Wir halten als Mannschaft zusammen, bleiben länger in der Kabine sitzen, tauschen uns aus und erzählen Geschichten von früher. Früher wollte jeder nach dem Training gleich nach Hause gehen.

Was zeichnet das aktuelle Team sportlich aus?
Häusle: Natürlich liegt der Höhenflug auch an den beiden Neuzugängen und an der Rückkehr von Ante Esegovic, weil er eine zusätzlich Option im rechten Rückraum ist. Vinogradov ist für mich der beste Spieler der Liga, vor allem offensiv. Er trifft aus dem Nichts, ist ein richtiger Shooter. Unsere beiden Mitte-Spieler Koti (Matic Kotar) und Frühke (Lukas Frühstück) sind zwei verschiedene Spielertypen, die sich perfekt ergänzen und sich viel austauschen.

Sie haben in dieser Saison bereits gegen jeden Gegner gespielt. Die üblichen Verdächtigen haben sich in der Tabelle abgesetzt. Gehen wir die Konkurrenten aus Sicht eines gegnerischen Torhüters durch. Was zeichnet den Lokalrivalen Hard aus?
Häusle: Hard ist jene Mannschaft, die am schwierigsten zu analysieren ist, weil sie im Rückraum auf jeder Position doppelt oder dreifach besetzt ist. Es beginnt mit Ivan Horvat, der an einem guten Tag zehn aus zehn treffen kann, das haben wir im Derby selbst schon erleben müssen. Für mich ist Hard der Topfavorit auf den Titel.

Ralf Patrick Häusle bildet mit Goran Aleksic das Bregenzer Torhüterduo. <span class="copyright">Gepa</span>
Ralf Patrick Häusle bildet mit Goran Aleksic das Bregenzer Torhüterduo. Gepa


Die Fivers haben einige überrascht, da sie ihre Abgänge sehr gut kompensieren konnten.
Häusle: Ich habe sie in der Tabelle schon vorne erwartet. Weil die Struktur im Verein perfekt funktioniert. Jeder Spieler aus der Jugend kennt das Spielkonzept. Sie gehen immer aufs Tempo, egal ob sie ein Tor bekommen haben oder nicht – sie laufen immer die erste oder zweite Welle oder die schnelle Mitte. Als Gegner muss man sie dazu zwingen, abzubremsen und das Spiel zu verlangsamen.

Auch der UHK Krems liegt in der Tabelle in Schlagdistanz.
Häusle: Die Kremser haben eine sehr routinierte Mannschaft, mit Jochmann und „Kiwi“ (Kirveliavicius) Spieler in ihren Reihen, die Meisterschaften gewonnen und im Nationalteam schon viele Spiele bestritten haben. Nach Hard sind sie für mich der zweite Favorit.

Noch ein Wort zu Handball Tirol. Gegen die Schwazer haben Sie vor einer Woche 29:29-Unentschieden gespielt. Außerdem schied Bregenz im Vorjahr in einer dramatischen Viertelfinalserie gegen die Tiroler aus.
Häusle: Sie sind vom Niveau her gleichstark wie in der Vorsaison. Sie profitieren extrem von Torhüter Kishou und Spielmacher Zeiner. Die beiden prägen das Spiel.
Kehren wir zurück zu Bregenz Handball und Ihrer Saison. Ein Blick auf die Statistik verrät, dass Sie immer besser geworden sind. Wie fällt Ihr persönliches Resümee aus?
Häusle: Im ersten Spiel gegen Westwien ist es überhaupt nicht gelaufen. Da war ich ziemlich unzufrieden mit meiner Leis­tung…

…3 gehaltene Bälle von 16 Würfen, sagt die Statistik…
Häusle: …okay (lacht). Aber zum Glück haben wir in Bregenz gute Torhüter mit Goran (Aleksic), der in diesem Spiel alles gerettet hat, und Jan (Kroiss). Danach wurde es immer besser, dann hat mich die Einberufung ins Nationalteam zusätzlich gepusht, das hat mich noch extra motiviert. Generell: Wenn ich mal ein schlechtes Spiel habe, bin ich im nächsten Match umso fokussierter. Mein Ziel ist es, immer 100 Prozent zu geben, eine bessere Quote als der gegnerische Torhüter zu haben und im Idealfall auch zu gewinnen.

Sind Sie jemand, der nach dem Spiel Statistiken wälzt?
Häusle:
Die Statistik weniger, aber ich schaue mir das Spiel nochmals genau an und analysiere die Gegentore. Vor allem, um die Kommunikation zwischen Torhüter und Abwehr zu verbessern – aber auch anzusprechen, was sehr gut gelaufen ist, also nicht nur zu kritisieren, sondern auch zu loben.

Sie haben bereits die Einberufung ins ÖHB-Team angesprochen. Bei Ihrem Debüt gegen Tschechien waren Sie entscheidend an der Aufholjagd und dem Sieg Österreichs beteiligt. Mit welchen Erinnerungen sind Sie zurückgekehrt?
Häusle:
Es war eine komplett neue Erfahrung. Als Pajo (Teamchef Ales Pajovic) in der Pause angekündigt hat, dass ich reinkomme, war ich nervös – vergleichbar mit dem ersten HLA-Spiel. Dass ich den ersten Wurf pariert habe, hat mir einen riesigen Push gegeben. Im Nationalteam zu spielen war immer ein Traum für mich.

Wie fiel das Feedback des Teamchefs nach den beiden Spielen gegen Tschechien aus?
Häusle:
Er hat gesagt, ich habe es gut gemacht – aber wir haben nicht allzu viel darüber gesprochen. Ich konzentriere mich nun auf die Leistung im Verein und dann schauen wir im Jänner, ob ich bei der EM dabei bin oder nicht.

Wie groß ist die Hoffnung auf die EM-Teilnahme?
Häusle:
Sie ist auf alle Fälle da. Ich mache mir aber keinen Druck, ich gebe zunächst alles für den Verein. Alles andere habe ich nicht selbst in der Hand. Wenn ich dabei bin, freue ich mich extrem, wenn nicht, bricht für mich keine Welt zusammen. In meiner Karriere werden noch viele Chancen kommen.

Auszeichnung für Häusle (r.) im Viertelfinale der Vorsaison gegen Handball Tirol. <span class="copyright">Gepa</span>
Auszeichnung für Häusle (r.) im Viertelfinale der Vorsaison gegen Handball Tirol. Gepa

Sie stehen seit 2012/13 im Kader von Bregenz Handball. Seit damals bilden Sie gemeinsam mit Goran Aleksic das Torhüterduo. Wie ist Ihr Verhältnis untereinander?
Häusle:
Super. Ich hatte noch nie einen anderen Torhüterpartner und kann es mir ohne ihn kaum vorstellen. Wir haben 2014/15 gemeinsam die Reha verbracht, als ich einen Bandscheibenvorfall und er sich das Kreuzband gerissen hatte. Da sind wir häufig gemeinsam nach Dornbirn ins Olympiazentrum gefahren, das hat uns eng zusammengeschweißt. Goran hat mir immer Tipps gegeben, hat mich mitgezogen und trotzdem seine Leistung gebracht. Das gibt es selten im Handballsport.

Gleichzeitig sind Sie Konkurrenten um den Platz im Tor. War das nie ein Problem?
Häusle:
Nein, nie. Zu Beginn war ich klar zweiter oder dritter Torhüter. Als ich mehr gespielt und meine Leistung gebracht habe, hat sich Goran mit mir gefreut, weil er gewusst hat, es ist auch ein Teil seiner Arbeit. Wir freuen uns füreinander, auch wenn wir beide als Sportler natürlich am liebsten 60 Minuten spielen würden. Es ist mehr Freundschaft als Konkurrenz.

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