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Wie viele Intensivbetten gibt es wirklich?

27.11.2021 • 21:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Nicht jedes freie Intensivbett ist auch ein freies Bett. <span class="copyright">Mathis</span>
Nicht jedes freie Intensivbett ist auch ein freies Bett. Mathis

Während sich die Lage in den Spitälern zuspritzt, bleibt fraglich wie viele Intensivbetten wirklich zur Verfügung stehen.

In den Nachrichten und Postings, die Verschwörungsgläubige in diesen Tagen gerne teilen, wird immer wieder der Vorwurf erhoben, die Zahl der Intensivbetten werde manipuliert. In Wahrheit gebe es viel mehr Kapazität oder es stünden laut offizieller Zählung ohnehin noch genugt Betten frei, heißt es darin unter anderem.
In Vorarlberg gibt es regulär nur etwa 50 Intensivbetten, im Lagebereicht der Vorarlberger Krankenhäuser werden aber 68 Intensivbetten geführt. Wie kommt es zu dieser Divergenz? Zudem sind nie alle Intensivbetten in Gebrauch, wieso also die Aufregung?

Es gibt immer Intensvfälle

Zunächsteinmal gibt es auf Intensivstationen immer ein gewisses Grundrauschen: Menschen haben Herzinfarkte und Bludgerinsel im Gehirn, es kommt zu schweren Arbeits- und Freizeitunfällen. Diese Intensivfälle können nicht geplant oder verschoben werden, sie sind einfach da. Intensivpatienten kommen und gehen – daran ändert auch eine Pandemie nichts.

Wenn die grundsätzlich vorhandenen Intensivbetten voll sind, können notfalls zusätzliche Betreuungsplätze geschaffen werden. Dafür müssen aber Aufwachräume, OP-Säle und Räumlichkeiten herhalten, in denen ansonsten beispielsweise endoskopische Untersuchungen durchgeführt werden. Diese sind nicht einfach frei verfügbar, sondern müssen durch die Verschiebung planbarere Behandlungen frei gemacht werden.

Hypothetische Betten

Die Spitäler zählen solche potenziellen Betten als Intensivbetten mit. Sie gelten als frei, weil kein Intensivpatient darin liegt, in Wirklichkeit werden sie aber sehr wohl genutzt und stehen stehen anderen Patienten nicht mehr zur Verfügung, wenn in ihnen ein Covid-Fall liegt.
Ein Teil der von den Landeskränkenhäusern in ihren Aussendungen angeführten 68 Intensivbetten sind also vor allem hypothetisch vorhanden. Es stehen nirgends massenhaft freie Spitalsbetten herum.

Die Pandemie bedeutet für die Spitäler vor allem Kapazitäten zu schaffen, wo vorher noch keine waren, auf kosten anderer Kapazitäten. Notfalls, so heißt es von den Vorarlberger Spitälern, könnten auch 104 Patienten künstlich beatmet werden. Aber wie realistisch ist das? Ein ehemaliger Narkosepfleger an einem Vorarlberger Spital hält die Zahl „für absoluten Wahnsinn.“
Die Landeskrankenhäuser räumen auf Anfrage der NEUE am Sonntag selbst ein, dass dabei wohl Grenzen überschritten werden müssten. Eine Beatmung so vieler Menschen würde laut der Krankenhausgesellschaft (KHBG) „eine Katastrophensituation darstellen, in der die üblich geltenden medizinischen Maßstäbe nicht mehr angewandt werden könnten.“ Auch die 104 Beatmungsplätze sind also mit Vorsicht zu genießen und kein pandemisches Kopfpolster, auf dem man sich ohne Konsequenzen ausruhen könnte.

Als Ressource am schwersten zu handhaben sind die Mitarbeiter. Sie sind durch 20 Monate Pandemie ausgelaugt und können selsbt krank werden. Der Pfleger, der mittlerweile außerhalb Vorarlbergs arbeitet, frägt sich, wie die Lage bei einer weiteren Zuspitzung noch zu stemmen sein wird: „Woher will man das Personal nehmen? Das Personal von der Normalstation ist ja auch unter Druck. Ganze Stationen werden umgewidmet zu Covid-Stationen. Die Interne Ost in Dornbirn jetzt eine reine Covid-Station. Was macht man mit den normalen internistischen Patienten? Betten sind auch sonst knapp.“ Wenn man tatsächlich 104 Beatmungspatienten hätte, „dann würden die Krankenhäuser nichts anderes mehr machen als Covid-Patienten. Die Gesundheitsversorgung stünde komplett still.“

Eine Frage der Zählweise

Zu allem Überdruss gibt es auch noch Probleme mit der Statistik: Etliche der derzeit als Covid-Intensivbetten genutzten Pflegeplätze erfüllten im früheren Krankenhausalltag andere Funktionen als die vollwertiger Intensivbetten.
Auch deshalb ist die Zählung der Intensivbetten seit Beginn der Pandiemie mit einigen Problemen konfrontiert: Zunächst wusste niemand, wie viele Intensivbetten es in Österreich überhaupt gibt. Dann kam hinzu, dass mit verschiedenen Definitionen gearbeitet wrd: In der Statistik der Landeskrankenhäuser werden Überwachungsbetten, sogenannte Intermediate Care Units (IMCU, siehe Infobox), zu den Intensivbetten, auf Englisch Intensice Care Units (ICU), hinzugezählt, obwohl sie eigentlich die internationalen Standards hierfür nicht erfüllen.

Andere IMCU sind mittlerweile so ausgestattet, dass sie als ICU gelten könnten. Das trifft beispielsweise auf die Krankenhäuser in Hohenems und Bludenz zu, die bis zur Pandemie nur über IMCU verfügten, die man dann entsprechend materiell und personell aufrüstete.
Da in einigen Statistiken die IMCU zu den Intensivbetten gerechnet werden und in anderen nicht, kommt es zu Abweichungen hinter denen manche Coronaleugner eine Verschwörung wittern. In Wirklichkeit zeigt sich darin erneut die Unfähigkeit der Gesundheitsverwaltung, einheitliche Statistiken zu führen. Wissenschafter haben daher, und wegen des Missverständnisses um die angeblich freien Intensivbetten, gefordert, die Belagsstatistik zu ändern.

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