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Ich bin meine eigene Herrin über mein Hamsterrad

28.11.2021 • 12:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Kopfkino Salmhofer Heidi Kolumne <span class="copyright">NEUE</span>
Kopfkino Salmhofer Heidi Kolumne NEUE

Heidi Salmhofer mit ihrer Sonntags-Kolumne in der Neue am Sonntag.

Das Ärgerliche an diesem Hamsterrad, in dem wir gerade alle miteinander strampeln, ist, dass es neben all den Stolperern, von denen man sich hochrappelt, nicht einmal den simplen Vorteil hat, dass man wenigstens körperlich zur fitten Leistungssportlerin wird – oder Sportler. Um diesen Gedankengang zu erklären, sei gesagt: Seit einer Woche versuche ich, Strategien für ein positives Denken zu entwickeln, aber es wird zunehmend schwerer.

Jedes Mal, wenn ich auf das große Ganze blicke, wird mir tatsächlich ein wenig bang. Denn selbst wenn man alles erdenklich Menschenmögliche tut, um mitzuhelfen, diesen ganzen Kas an Pandemie einzudämmen, sieht man sich doch auch immer wieder mit Einflüssen konfrontiert, gegen die man als Einzelperson Heidi machtlos ist. „Hüft nix!“, hätte Oma gesagt.

Das ist wie ein Staffellauf mit verschieden schnellen Mitwirkenden. Renne ich alleine mit Vollgas, werden wir nicht gewinnen, renn ich aber gar nicht, sind wir womöglich Letzter. Also besser laufen und dabei noch andere motivieren. Dabei ist ganz wichtig, darauf zu achten, dass einem nicht die Puste ausgeht. Deshalb habe ich mir jetzt vorgenommen, nicht mehr das Ziel in der Ferne zu fokussieren, sondern jeden nächsten Schritt. Übersetzt heißt das: Ich werde mich jetzt über jeden Tag und die Kleinigkeiten darin freuen.

Also zum Beispiel, dass ich durch den momentanen Online­unterricht meiner Tochter eine halbe Stunde länger im Bett bleiben kann. Oder, dass ich heute Vormittag meine Orchideen zurechtgestutzt habe und ich auf die nächs­ten Blüten gespannt bin. Und: Ich nehme mir vor, mich auch über Sachen zu freuen, die mich ab und an ärgern. Es wird zwar nicht überall funktionieren, denn wenn mein Hund mir – weil es draußen regnet – einfach auf den Badezimmerteppich pinkelt, kann ich nichts Positives hineininterpretieren. Aber zum Beispiel das 35. Mal Wecken meiner Mädels am Morgen mit kontinuierlicher Lautstärkensteigerung wird mich nicht mehr ärgern. Das geflissentliche Ignorieren von mir, das Umdrehen und die Decke über den Kopf ziehen sind Zeichen von absolut gesunden Teenagern. Was will man mehr?

Ich bleibe also die nächste Zeit beim schrittweisen Denken. Das hilft mir sehr, nicht völlig demotiviert in Winterstarre zu fallen. (Wobei, Winterschlaf wäre auch eine Strategie. Ginge aber nur auf, wenn alle mitmachen.) Next step: Adventkranz besorgen, Duftkerzen und Räucherstäbchen anzünden und einen Adventsonntagsspaziergang an der kalten Luft machen. Wäre doch gelacht, wenn ich nicht selbst entscheide, wie sich mein Hamsterrad dreht.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt mit ihren Töchtern in Hohenems.