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Schweden: Ein fast normales Leben

28.11.2021 • 13:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Schweden: Ein fast normales Leben
Am 29. September feierten die Schweden das Ende aller Corona-Einschränkungen. Pontus Lundahl/TT via AP

Auslandsvorarlberger Andreas Heim berichtet aus Stockholm.

Am vergangenen Sonntag feierte Andreas Heim in Stockholm in einem Restaurant den Geburtstag seiner Schwägerin.

Niemand in dem Restaurant trug eine Maske, die Besucheranzahl sowie die Sperrstunde waren nicht beschränkt. Ein 2-, 2,5- 2Plus- oder 3G-Nachweis war nicht nötig. So etwas gibt es in Schweden nicht, die Kategorien „Genesen“ und „Getestet“ existieren dort nicht. „In Schweden gelten zurzeit keine Maßnahmen mehr. Wir leben, als ob nichts ist“, sagt der gebürtige Lauteracher, der seit 21 Jahren in Stockholm lebt. Allerdings hätten die Menschen die letzten eineinhalb Jahre schon noch im Hinterkopf: „Sie waschen und desinfizieren die Hände und halten, wenn möglich, Abstand. Teilweise sieht man auch Menschen, die Maske tragen. Oft haben sie Vorerkrankungen.“

Schweden: Ein fast normales Leben
Andreas Heim an seinem Arbeitsplatz. Er lebt seit 21 Jahren in Schweden. privat


Andreas Heim bekommt mit, was in Österreich gerade los ist. Dass es in Schweden ganz anders ist, findet er sehr gut. Denn: „Wir haben wieder eine gewisse Normalität. Ich glaube, dass das Virus nicht verschwinden wird. Wenn das, was wir jetzt haben und tun – also Hände waschen und Abstand halten – die neue Normalität mit diesem Virus ist, dann ist es erträglich.“

Schweden beging seit Beginn der Pandemie einen Sonderweg. Es wurden kaum Ge- und Verbote ausgesprochen, sondern großteils Empfehlungen. Die Grundschulen und Kindergärten blieben geöffnet, es herrschte keine Maskenpflicht. Ein Lockdown wurde nie verhängt. Einschränkungen gab es im Laufe der Pandemie dennoch: Oberschulen waren geschlossen, Veranstaltungen mit mehr als 50 Personen verboten und der Alkoholausschank in Restaurants und in der Nachtgastronomie zeitlich begrenzt. Zur Zeit der strengsten Restriktionen mussten Lokale ab 20.30 Uhr zusperren und weniger Gäste als sonst waren zugelassen.

Für einen Lockdown

Trotz der vergleichsweisen geringen Einschränkungen wurde auch in Schweden dagegen protestiert. Es nahmen jedoch nie viele Personen daran teil. In die umgekehrte Richtung wurde ebenfalls geklagt: Einige wenige Menschen, denen die Maßnahmen zu lax waren, wollten eine Maskenpflicht und Lockdowns. Auch jetzt, so erzählt Andreas Heim, sagen manche: „Überall steigen die Zahlen und in anderen Ländern gibt es viele Einschränkungen. Schweden muss hier ebenfalls etwas tun.“

„Die Schweden vertrauen der Behörde, die die Maßnahmen vorgibt.“

Andreas Heim, Auslandsvorarlberger in Schweden

Seit dem 29. September sind alle Corona-Maßnahmen in dem skandinavischen Land aufgehoben. An dem Tag wurde der sogenannte Freedom Day gefeiert. Mittlerweile ist die Lage so: Die Infiziertenzahlen steigen. „In den Krankenhäusern sind die Zustände aber bei weitem nicht so extrem, wie sie früher wegen Corona waren“, berichtet Andreas Heim. Diejenigen, die wegen Covid auf der Intensivstation liegen, seien zu 99 Prozent nicht geimpft.

Nur mit Impfung

In der vergangenen Woche wurde auf die steigenden Zahlen reagiert und folgender Beschluss gefasst: Ab 1. Dezember müssen bei öffentlichen Veranstaltungen mit mehr als 100 Personen alle Teilnehmer geimpft sein. Eventuell werden weitere Maßnahmen eingeführt.
In Schweden liegt die Impfquote bei 68,7 Prozent. Damit zählt das Land nicht zu den Spitzenreitern in Europa. Allerdings sind von den vulnerablen Gruppen 90 Prozent geimpft. Die Drittimpfungen wurden bei den über 65-Jährigen und beim Gesundheitspersonal begonnen, der 48-jährige Andreas Heim ist noch nicht dran.

400 Menschen demonstrierten

Bei uns gibt es natürlich auch Impfskeptiker. Aber nicht so viele wie in Österreich“, sagt der Auslandsösterreicher. Proteste und Demonstrationen gegen die Impfung gab es in Schweden ebenfalls, jedoch in viel geringerem Maße: 300 bis 400 Menschen demonstrierten. „Die Demonstranten sind meist ein Sammelsurium von Verschwörungstheoretikern und Rechtsextremen.

Schweden: Ein fast normales Leben
Ein Bild aus der U-Bahn in Stockholm vom letzten Mittwoch: Niemand trägt hier Maske. privat


Auffallend sei: „In Bezirken, in denen viele Einwanderer wohnen, ist die Impfquote bedeutend geringer“, sagt Andreas Heim. In der Nähe, wo er arbeitet, ist ein Viertel mit einer hohen Einwandererquote. Im Einkaufszentrum dort verwenden viele Menschen einen Mundschutz. „Viele machen das, weil sie nicht geimpft sind und weil in ihren Herkunftsländern Maske getragen wird.“
Es sind verschiedene Maßnahmen getroffen worden, um die Impfquote bei Einwanderern zu erhöhen: Impfbusse fahren zu Einkaufszentren oder zu Moscheen. Menschen, die nicht so gut Schwedisch verstehen, erhalten Infos in ihrer Muttersprache. „Man holt die Menschen dort ab, wo sie sind“, erklärt Andreas Heim.

Behörde statt Regierung

Mit so viel Druck wie in Österreich wird in Schweden nicht vorgegangen. Dass eine Impfpflicht eingeführt wird, ist für Andreas Heim unvorstellbar. In Schweden ist auch das System ganz anders als hier: Viele Entscheidungen werden von der Volksgesundheitsbehörde getroffen und nicht von der Regierung. Letztere trägt die Entscheidungen mit. Die Behörde kann verpflichtende Maßnahmen im öffentlichen Bereich einführen, wie zum Beispiel die Reduzierung der Restaurantbesucher. Für den Privatbereich darf sie jedoch nur Empfehlungen aussprechen.

Vertrauen ist gegeben

„Die Schweden vertrauen der Behörde. Sie richtet sich nach Fakten und agiert nicht populistisch“, sagt Andreas Heim. Die Kommunikation liegt ebenfalls in den Händen der Behörde: Jeden Donnerstag hält sie eine Pressekonferenz, bei der erklärt wird, was gemacht wird. Auf der Homepage der Volksgesundheitsbehörde sind auch stets die aktuellen Corona-Zahlen veröffentlicht sowie Studien zu dem Thema. Von einem Kommunikationschaos, wie es in Österreich herrschte, ist das nordische Land weit entfernt.

Andreas Heim

Jahrgang 1973, gebürtig und aufgewachsen in Lauterach. Hat an der TU Wien studiert. War als Austauschstudent 1998 in Schweden und zog 2000 fix nach Stockholm. Andreas Heim ist mit einer Schwedin verheiratet. Er arbeitet als Disponent bei einer schwedischen Spedition. Zuvor hatte er einen Job bei der schwedischen Verkehrsbehörde.