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Der erste Blick in die Echokammer

29.11.2021 • 21:10 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
„Lenz“ war in der Streaming-Version zu erleben.<span class="copyright"> Anja Köhler</span>
„Lenz“ war in der Streaming-Version zu erleben. Anja Köhler

“Lenz”: Auf das Live-Erlebnis kann man gespannt sein.

Er steht mit zitternden Händen an der Wand, er sitzt in einer Ecke und wippt mit seinem Körper, mal spricht er rasend schnell und mechanisch, mal schweigt er einfach, mit leerem Blick: Mit einem beachtlichen Körpereinsatz und reich an Effekten brachte Solodarsteller Nico Raschner unter der Regie von Jürgen Sarkiss am Sonntagabend den „Lenz“ auf die kleine Bühne in der Box des Vorarlberger Landestheaters – vorerst, um das Stück im Livestream erlebbar zu machen. Wie diese Performance, die den Zuschauer bis zu den Extremen menschlicher Geisteszustände führt, live erfahrbar ist, kann nach diesem filmischen Einblick bereits vermutet werden. Am 15. Dezember wird, wenn möglich, das nächste Mal „Lenz“ in der Box gespielt.

Nico Raschner als Solodarsteller in der Box. <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Nico Raschner als Solodarsteller in der Box. Anja Köhler

Raschners Punk-Look verrät, dass es sich bei Jakob Lenz um einen jungen Menschen handelt, der irgendwie nicht in die bürgerliche Welt passt. Es ist eigentlich ein doppeltes Spiel: Der Darsteller erzählt meist – so wie auch Georg Büchner – in der dritten Person über den deutschen Autor des späten 18. Jahrhunderts, der zu Pfarrer Oberlin ins Elsass reist, um sich von seinem sich verschlimmernden psychischen Zustand zu erholen. Raschner berichtet, aber so als ob er mit das Erzählte erleben würde. Sein Körper wird zum direkten Ausdruck des Lenzschen Innenlebens, dabei hilft auch der von Tassilo Tesche gestaltete Bühnenraum. Die dünnen Metall-Bahnen an der hinteren Bühnenwand werden von Raschner in Schwingung versetzt, dabei ertönt zum Beispiel das Donnergrollen, welches das schwelende Unheil ankündigt.

Echokammer

In diesem Raum, der wie eine beengte Echokammer wirkt, kämpft Lenz gegen die „namenlose Angst“ und die unerträgliche Einsamkeit, die ihn besonders in der Nacht befallen. Selbst wenn es dem Schriftsteller an manchen Tagen besser geht, er vernünftige Gespräche mit Oberlin und den Menschen im Dorf führen kann, die Richtung, in die sein Leiden führt, scheint unverkehrbar. Lenz vermag zwischen Geschehenem und Gedanken nicht mehr zu unterscheiden, alles ist ihm traumartig („Er war sich selbst ein Traum“), manchmal sei es ihm, „als stieß ich mit den Händen an den Himmel“. Büchner findet in dieser Novelle wohl gerade durch seine klare und nüchterne Sprache wirkungsmächtige Worte, um diesen komplexen Zustand des Lenz zu erfassen. Raschner wechselt mehrfach die Tonart, die von wahnhafter Ekstase bis zur völligen Indifferenz reicht.

Im Dezember steht das Stück auf dem Spielplan. <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Im Dezember steht das Stück auf dem Spielplan. Anja Köhler

Dieser Lenz vermag es manches Mal Wege aus dieser einsamen Echokammer zu finden, er richtet sich über den direkten Blick in die Kamera an den Zuschauer. Im Gespräch mit seinem Freund Christof Kaufmann setzt sich Lenz leidenschaftlich für sein am Realismus orientierten Kunstverständnis ein – eine paradoxe Situation, die noch verschärft wird, indem sich Raschner als Dialogpartner ein Gesicht auf einen Fetzen zeichnet. Der Darsteller nutzt alle Mittel zum extremen Ausdruck, die ihm der Raum bietet, auch das Schlagzeug. Nach dramatischen Szenen – als etwa Lenz sich vornimmt ein totes Mädchen wiederzubeleben – setzt die Apathie ein. Die Streaming-Premiere verspricht also ein intensives Theatererlebnis.