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„Wir sind müde und ­frustriert“

04.12.2021 • 20:15 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">Lisa Mathis/KHBG</span>
Lisa Mathis/KHBG

Fast zwei Jahre Pandemie. Mitarbeiter der Krankenhäuser erzählen, wie es ihnen geht.

Die Mitarbeitenden in den Spitälern sind müde, manche wütend. Dennoch lassen sie sich nicht unterkriegen, halten zusammen und machen jeden Tag weiter. Fünf Mitarbeitende erzählen, wie die Situation auf ihren Stationen zurzeit ist.

Rita Stangl, Klinische Psychologin in der Erwachsenenpsychiatrie, LKH Rankweil:

Rita Stangl.
Rita Stangl.

Mit Coronafällen habe ich nicht so viel zu tun, die Pandemie wirkt sich auf unsere Station trotzdem sehr aus. Unsere Patienten sind sowieso schon belastet und vulnerabel, und jede Welle und jeder Lockdown belasten sie zusätzlich sehr schwer. In unserer Station sind die Patienten oft über mehrere Wochen, und nun haben sie kaum Kontakt zur Außenwelt. Sie können nur einmal in der Woche Besuch empfangen, und sie dürfen nicht einkaufen gehen. Genau diese Sachen wären für die psychische Gesundheit aber sehr wichtig. Was wir in der Psychiatrie auch merken: Die externe Versorgung der Patienten nach dem Krankenhausaufenthalt ist sehr schwierig, weil man auf Facharzt- und Psychotherapietermine lange warten muss.

Zusätzlich erschwerend ist: In unserer Arbeit läuft viel über die Sprache und die Mimik, doch jetzt müssen wir die Gesichter durch die Maske verdecken. Das ist sehr kontraproduktiv. Es ist für mich belastend, dass die Arbeit so erschwert ist, dass die Patienten in einer so schwierigen Situation sind und dass ich das Gefühl habe, ich kann ihnen nicht so gut helfen, wie ich gerne würde. Mich macht es traurig und wütend, dass einige Menschen unsolidarisch sind: Impfen ist nicht nur für sich selbst gut, sondern auch für alle anderen und besonders für vulnerable Menschen.

Thomas Fetz, Pflegeleiter Neurologie mit sechs Stationen, LKH Rankweil:

Thomas Fetz.
Thomas Fetz.

Wir sind stark betroffen von der Coronasituation. Wir haben auf unseren Stationen auch Coronapatienten. Sie hatten einen Schlaganfall oder sonst ein neurologisches Problem, weswegen sie bei uns sind, und sind zusätzlich coronapositiv. Viele unserer Patienten brauchen grundsätzlich eine intensive Pflege, zum Beispiel wenn sie einen Schlaganfall hatten und in ihrer Aktivität stark beeinträchtigt sind. Kommt bei solch einem Patienten Corona hinzu, ist jede einzelne Pflegehandlung mit Mehraufwand verbunden. Wir müssen sie isolieren, müssen schleusen und Hygienekonzepte beachten.

Hinzu kommt der Personalmangel. Wir haben Ausfälle durch Corona oder weil jemand in Quarantäne ist. Das müssen die anderen kompensieren. Die Besuchsregelungen und das Besuchsverbot – so wichtig sie auch sind – erschweren unsere Arbeit zusätzlich. Unsere schwer erkrankten Patienten sind oft wochenlang bei uns. Nun werden sie vom sozialen Umfeld isoliert. Wer kompensiert das? Die Pflege. Einige Angehörige feinden uns wegen der Regelungen auch an, das belastet ebenfalls.

Dazu kommen Sorgen der Mitarbeiter: Alle haben Überstunden angesammelt, und jeder musste mehr Leistung bringen. Da fragt man sich: Wird das noch mehr, oder können wir es irgendwann ausgleichen? Wir wären auch sehr froh, wenn wir endlich wieder eine Dienstplansicherheit hätten. Jetzt, wo so viele ausfallen, weiß man nie: Muss ich an meinem freien Tag einspringen? Habe ich am Wochenende tatsächlich frei? Wir haben auch keine Perspektive und wissen nicht, was coronamäßig noch kommt. Man merkt, dass eine gewisse Ermüdung und teilweise auch eine Frustration da ist. Aber trotzdem: Die Mitarbeiter geben ihr Bestes, sie halten zusammen und möchten die Krise gemeinsam bewältigen. Wir müssen sehr großen Respekt davor haben, was sie tragen und was sie unter diesen Bedingungen leisten. Und das schon seit fast zwei Jahren.

Elke Kovatsch, Pflegedirektorin des LKH Rankweil:

Elke Kovatsch.
Elke Kovatsch.

In meinen 32 Berufsjahren habe ich noch nie so etwas erlebt wie in den letzten zwei Jahren. Es gibt hochemotionale Situationen, und wir wissen nicht, wann es endlich vorbei ist. Ich bin unglaublich stolz und gerührt, was die Mitarbeiter in den vergangenen zwei Jahren unter schwierigsten Bedingungen geleistet haben. Nach zwei Jahren Pandemie merkt man nun, dass sie müde sind. Sich Zeit zu nehmen, um einen Patienten im Genesungsprozess zu begleiten oder auch für einen Sterbenden da zu sein, ist in der Pflege Berufsethos.

Im Setting der Psychiatrie und der Neurologie mit teils schwer erkrankten Menschen haben wir diese Zeit wegen Corona nicht mehr wie vorher. Auf der Kinder- und der Erwachsenenpsychiatrie, aber auch bei dementen Patienten, erschwert die Maske die Arbeit sehr, da Mimik in diesen Bereichen sehr wichtig ist. Dasselbe trifft auf Schlaganfallpatienten zu, die nicht sprechen können und deren Gesicht nun nur mehr schwer gedeutet werden kann. Auch das Tragen der heißen Schutzanzüge ist sehr anstrengend.

Nun gäbe es durch die Impfung Licht am Ende des Tunnels. Es ist schwer, zu sehen, dass manche Menschen das, was der Gesellschaft und der Krankenversorgung hilft, nicht annehmen können. Darunter sind auch einzelne Mitarbeiter des Gesundheitswesens. Mit den ungeimpften Kollegen verbindet einen teilweise eine jahrelange gute Zusammenarbeit, und jetzt spaltet die Impfdebatte. Da müssen wir schauen, dass die Energie nicht in solche Diskussionen hinein fließt, denn wir brauchen die Energie für unsere Patienten und uns selbst.

Primar Dr. Michael Rohde, Leiter der Gynäkologie und Geburtshilfe, LKH Bregenz:

Michael Rohde.
Michael Rohde.

Die Geburtshilfe ist ein Fachbereich, der nicht verschiebbar ist. Gebärende Frauen kommen, wenn sie kommen müssen. Da läuft die Routine normal weiter. Ein Belastungsfaktor ist aber insofern immer wieder mal gegeben, weil Personal durch Corona oder Quarantäne fehlt. In der Gynäkologie mussten wir das OP-Programm reduzieren, da OP-Säle gesperrt sind. Die dringlichen Operationen können wir aber trotzdem durchführen. Wir haben immer wieder coronakranke Schwangere, aber Gott sei Dank sind wir von sehr schweren Fällen bisher verschont geblieben. Einmal hatten wir eine Schwangere, die kurz auf der Intensivstation lag. Die coronaerkrankten Gebärenden, die bei uns waren, konnten normal gebären. So eine Situation ist aber aufwendig und nicht schön. Niemand darf kommen, weil die Frau isoliert ist, und wir müssen durch eine Schleuse. Einmal mussten wir eine Mutter und das Kind wegen Covid trennen. Das war sehr unschön.

Beim Thema Besucher müssen wir immer wieder mal mit den Menschen diskutieren, wer rein darf und wer nicht. Aktuell ist es so: Eine Begleitperson darf zur Schwangerschaftsuntersuchung, zur Geburt und nach der Geburt kommen. Einige Frauen haben Ängste und Sorgen wegen Corona. Hier machen wir Mut, unterstützen und klären Fragen ab. Es ist empfehlenswert, dass schwangere Frauen sich durch die Impfung schützen. Das Schöne an unserem Fach ist: Wir haben trotz der schweren Zeit der Pandemie etwas, das uns positiv in die Zukunft blicken lässt. Neues Leben kommt, und wir sehen: Das Leben geht weiter.

Robert Weindl, Stellvertretende Stationsleitung Intensivpflege, LKH Bregenz:

Robert Weindl.
Robert Weindl.

Momentan ist die Intensivstation zu 85 Prozent mit Coronapatienten belegt. Diese Menschen haben Luftnot, sie sind meist unruhig, und sie haben Angst. Sie zu betreuen, ist extrem aufwendig. Da wir personell dünn aufgestellt sind, weil wir unter den Mitarbeitenden immer wieder Ausfälle haben, erhalten wir Unterstützung vom Pflegepersonal des Anästhesie- und OP-Departments. Alle sind sehr engagiert. Wir mussten zum Beispiel letzte Woche fünf Dienste wegen ausgefallener Mitarbeiter kompensieren, und das hatten wir in zehn Minuten geregelt. Das ist unglaublich. Ich bin auch immer wieder überrascht und sehr stolz darauf, dass trotz des maximalen Aufwandes, den wir zurzeit haben, jeder und jede ohne Murren und Widerstand immer wieder einspringt. Alle sind müde und sehr belastet, aber die Stimmung im Team ist trotzdem noch gut. Es macht mich sehr stolz, in so einem Team mitarbeiten zu dürfen.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen und auf etwas Wichtiges aufmerksam machen: In den sozialen Medien wird oft behauptet, dass ungeimpfte Menschen in den Krankenhäusern schlechter behandelt werden. Das stimmt nicht. Wir sind sehr professionell und behandeln alle gleich gut. Nichtsdestotrotz bin ich natürlich froh, wenn sich viele Menschen impfen lassen. Die Wirksamkeit der Impfung ist wissenschaftlich erwiesen. Das ist keine Glaubens-, sondern eine Wissenschaftsfrage. Glaube hat mit Religion zu tun, Wissenschaft mit Fakten. Ich kann nur sagen: Die Menschen sollen sich impfen lassen. Das würde allen auf lange Sicht helfen. Von unseren Coronapatienten ist der Großteil nicht geimpft. Aktuell haben wir einen 24-jährigen, nicht geimpften Coronapatienten bei uns in Behandlung.