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Die älteste Kanalisation hat ausgedient

05.12.2021 • 14:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Stadtbaumeister Gabor Mödlgal (l.) und Baustadtrat Daniel Allgäuer im Baubüro in der Neustadt. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Stadtbaumeister Gabor Mödlgal (l.) und Baustadtrat Daniel Allgäuer im Baubüro in der Neustadt. Stiplovsek

Herausforderndes Bauprojekt steht in der Feldkircher Innenstadt an.

Das, was wir gemeinhin als Stadt wahrnehmen, ist nur ihre Oberfläche: Häuser, Straßen, Parks. Doch zur Anatomie der Stadt gehört auch das, was unter dem Asphalt, dem Kopfsteinpflaster, den Gebäuden verborgen liegt: Keller, Bunker, Wasser-, Strom- und Gasleitungen, die Kanalisation. Um letztere soll es in dieser Geschichte gehen.

Das älteste städtische Kanalnetz in Vorarlberg befindet sich in Feldkirch. Wenn die Bewohner der Innenstadt ihre Wäsche waschen, duschen oder die Klospülung betätigen, fließt das dabei verbrauchte Wasser durch Rohre, die mehr als hundert Jahre alt sind. Gebaut wurde die Kanalisation damals quasi mit bloßen Händen, größtenteils von Wanderarbeitern aus der heutigen italienischen Provinz Trient, die seinerzeit noch zu Österreich gehörte. Den Arbeitern standen als Werkzeug lediglich Schaufeln und Pickel zur Verfügung, und manchmal ein Flaschenzug.

Kanalbauarbeiten in der Feldkircher Neustadt vor mehr als 100 Jahren.<br><span class="copyright">Stadtarchiv feldkirch</span><span class="copyright">(4)</span>
Kanalbauarbeiten in der Feldkircher Neustadt vor mehr als 100 Jahren.
Stadtarchiv feldkirch(4)

Welche Bedeutung die Errichtung der ersten modernen Schwemmkanalisation Vorarlbergs für die damalige Stadtverwaltung hatte, zeigt sich auch in dem Umstand, dass sie jeden Baufortschritt zwischen 1908 und 1913 von einem Berufsfotografen dokumentieren ließ (siehe Fotos in Schwarzweiß). Bis dahin wurde das Abwasser in Gräben, die primär Feuerlöschzwecken dienen sollten, aus der Stadt geleitet. Die hygienischen Bedingungen dürften katastrophal gewesen sein. Wie in Stadtarchiv-Dokumenten aus dem Jahr 1885 zu lesen ist, bezeichneten Anrainer eines dieser Gerinne als „Seuchenbach“. Üble Gerüche waren Ende des 19. Jahrhunderts übrigens auch der Grund dafür, dass die Volksschule außerhalb der Altstadt am Hirschgraben neu gebaut wurde.

An vielen Stellen beschädigt

Die innerstädtische Kanalisation hat mittlerweile mehr als ausgedient. Bereits im Jahr 2001 schickte man eine Videokamera durch das 27 Kilometer lange Rohrsystem, um dessen Zustand zu erkunden. Das Ergebnis war recht eindeutig. „Die Kanalisation ist an vielen Stellen beschädigt“, berichtet Bauamtsleiter Gabor Mödlagl. Gemäß den zugordneten Schadensklassen 3 und 4 war die Stand- bzw. Betriebssicherheit zum damaligen Zeitpunkt gegeben bzw. gerade noch gegeben. Hat eine Leitung beispielsweise einen Kleinriss, so wird dies bereits als Klasse 4 eingestuft, wodurch sich laut den gesetzlichen Bestimmungen ein kurzfristiger Handlungsbedarf ergibt. Denn: Ist die Kanalisation beschädigt, kann Abwasser austreten und den umgebenden Boden, allenfalls auch das Grundwasser verunreinigen. Warum wird jetzt saniert? „Aufgrund der Abhängigkeiten mit dem Leitungsnetz des Abwasserverbandes der Region Feldkirch mussten zuerst die Datenerhebungen und Befundungen dieser Sammelleitungen abgewartet werden, um die gesamthafte Sanierung des Kanalsystems in der Feldkircher Innenstadt planen zu können. Diese Daten liegen uns seit 2020 vor“, erklärt Mödlagl.

Pflastersteine aus Granit kommen zum Einsatz. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Pflastersteine aus Granit kommen zum Einsatz. Stiplovsek

Baustart

Ab 30. Jänner des kommenden Jahres soll die Kanalisation auf den neuesten Stand gebracht werden. Gleichzeitig werden unter anderem Wasser-, Strom- und Erdgasleitungen erneuert sowie Glasfaser- und Nahwärmeleitungen verlegt. Eigentlich hätten die Bauarbeiten schon im August beginnen sollen. Die Verzögerung begründet Mödlagl einerseits mit der Coronapandemie, andererseits mit der Komplexität des wasserrechtlichen Genehmigungsverfahrens. Letztlich habe man sich aber auch mit den Geschäftstreibenden auf eine Verlegung des Baustarts geeinigt. Ebenfalls mit den Geschäfts- und Lokalbetreibern abgestimmt sei der Bauablauf, sagt der Vizebürgermeister und zuständige Stadtrat Daniel Allgäuer. „In der Neustadt bauen wir in drei Etappen und machen eine Sommerpause, damit die Einschränkungen so gering wie möglich gehalten werden.“

Eine Vielzahl von Leitungen und Rohren kommt unter die Erde. <span class="copyright">stiplovsek</span>
Eine Vielzahl von Leitungen und Rohren kommt unter die Erde. stiplovsek

Begonnen wird am oberen Ende der Neustadt, am sogenannten Goaszipfel. Da in dem beschaulichen Gässchen besonders beengte Platzverhältnisse vorherrschen, müssen die Bauarbeiter wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts teilweise mit der Schaufel zu Werke gehen. Nichts geändert hat sich interessanterweise auch beim Material der Kanalrohre. Wie vor hundert Jahren werden diese auch heute noch aus glasiertem Steinzeug gefertigt, das chemischen und biologischen Belastungen besonders gut standhält.

Die Bauarbeiten in der Neustadt sollen im Sommer 2023 beendet sein. Allgäuer sieht den Bauabschnitt zwischen Goaszipfel und Rathuas als Pilotprojekt „Die dort gemachten Erfahrungen fließen dann in die Planung und Sanierung der weiteren Straßenzüge ein.“ Mödlagl rechnet damit, dass die Kanalsanierung in der Innenstadt bis 2030 fertiggestellt wird.

Die Bauetappen und Kosten

Bauzeitplan: Bauetappe 1 vom Goaszipfel bis zum Brunnen (Jänner bis Juni 2022), Etappe 2 (Rathaus bis James-Joyce-Passage (Sept. 22 bis Jänner 2023), Etappe 3 James-Joyce-Passage bis Marokkanergasse (Februar bis Juni 2023).

Projektkosten: Zwischen 3,5 und 4 Millionen Euro. Der Kostenanteil der Stadt liegt bei zwischen 30 und 40 Prozent, Stadtwerke ebenfalls zwischen 30 bis 40 Prozent. Der Rest wird von den weiteren Leitungsträgern getragen.

Aus für Gehsteige

Erneuert wird allerdings nicht nur die unterirdische Infrastruktur. Auch an der Oberfläche wird sich einiges tun. Die Neustadt, die seit Frühjahr 2019 Fußgängerzone ist, soll begradigt werden und mit mobilen Bäumen, Bänken und Pflanzentrögen bestückt werden.

Historisches Stadtbild

Anders als in der Landeshauptstadt Bregenz, wo der alte Pflasterbelag sukzessive durch beigen Asphalt ersetzt wird, will man in Feldkirch am historischen Stadtbild festhalten. „Es wird eine barrierefreie Bodenpflasterung aus sägerauen Granitwürfeln geben“, lässt Mödlagl wissen. Granit eigne sich bestens, da er zum Stadtbild passe, winterbeständig sei und sich im Sommer nicht so sehr aufheize. Das Gestein soll im Zuge der Neukanalisierung in allen Gassen zum Einsatz kommen. Gleichzeitig werden sämtliche Gehsteige in der Innenstadt entfernt. Laut Mödlagl wollte man das schon viel eher machen. „Das wäre allerdings verlorener Aufwand gewesen, da wir jetzt ohnehin noch die Kanalisation sanieren müssen.“

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Öffentliches Baubüro

Natürlich ist man sich im Rathaus bewusst, dass so eine Baustelle mitten in der Innenstadt mitunter zu Konflikten mit Anrainern und Geschäftsleuten führen kann. In einem öffentlichen Baubüro, das am 13. Dezember eröffnet wird, will man deshalb offensiv das Ziel der Baumaßnahme kommunizieren und Transparenz herstellen. Laut Stadt stehen dort auch die jeweiligen Bauleiter für Fragen zur Verfügung. Zudem werden alte Fotos, Baupläne und Baumaterialien ausgestellt.

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