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200.000 Euro sind schon krass…

20.12.2021 • 19:45 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Der 23-jährige Felix Gurschler verlässt nach 18 Jahren die Rothosen.<span class="copyright">Stiplovsek</span>
Der 23-jährige Felix Gurschler verlässt nach 18 Jahren die Rothosen.Stiplovsek

Defensivspieler Felix Gurschler resümiert seine Zweitligakarriere.

Felix Gurschler sitzt in der Kabine des FC Dornbirn – „in meiner Kabine“, wie er immer noch sagt. Doch ab dem Frühjahr wird er für den FC Rotenberg auflaufen. Der heute 23-Jährige hat vor 18 Jahren in der damals neu gegründeten Ballschule des FC Dornbirn mit dem Fußballspielen begonnen. In der Jugend marschierte der 1998er-Jahrgang der Dornbirner von Erfolg zu Erfolg, neben Gurschler zählten auch seine späteren Teamkollegen Anes Omerovic und Florian Prirsch zu diesem Jahrgang.

2015 gelingt ihm der Sprung in die erste Mannschaft des FC Dornbirn, in der Regionalliga wird er bald zu einer wichtigen Säule der Rothosen. Nach dem Aufstieg in die 2. Liga 2019 muss sich der Defensivspieler zunächst mit Kurzeinsätzen begnügen, doch allmählich setzt er sich in der Startelf des Zweitligisten fest. Doch im Sommer 2021 erleidet er im Testspiel gegen den SCR Altach eine Verletzung im Sprunggelenk, die zunächst als nicht so schlimm abgetan wird. Gurschler bestreitet mit Schmerzmitteln noch fünf Spiele über die vollen 90 Minuten, dann sind die Schmerzen zu groß. Bei einer weiteren Untersuchung wird eine große Knochenabsplitterung festgestellt, die operativ entfernt werden muss. Zum Interview auf der Dornbirner Birkenwiese kommt er ohne Krücken.

Die wichtigste Frage zu Beginn. Wie geht es Ihnen gesundheitlich, wann darf man mit einer Rückkehr auf den Platz rechnen?
Felix Gurschler: Die Operation ist gut verlaufen, die Narbe und die Naht sind gut verheilt. Jetzt starten die Physiotherapie und die Rehamaßnahmen. In drei bis vier Wochen sollte ich mit ersten Belastungen wie Fahrradfahren beginnen können.

Zuletzt gab der Verein bekannt, dass Sie in der Winterpause Ihre Profikarriere beenden werden und in die Eliteliga zum FC Rotenberg wechseln. Sie sind 23 Jahre alt, waren Stammspieler in der 2. Liga – warum machen Sie diesen Schritt zurück?
Gurschler: Ich arbeite als Volksschullehrer, dort kann ich keinen Urlaub nehmen. Daneben mache ich aktuell meinen Master, die Lehrveranstaltungen finden vielfach am Wochenende und am Abend statt.

Es geht sich also zeitlich einfach nicht mehr aus?
Gurschler: Ja. Aber ich muss ehrlicherweise sagen, dass es beim FC für mich nicht immer einfach war. Es hat Rückschläge gegeben, gegen die mich gewehrt habe, einige Entscheidungen konnte ich nicht nachvollziehen. Hauptgrund war aber sicher die Unvereinbarkeit von Studium, Beruf und Profitum.

Lehrer könnten Sie in vier Jahren immer noch sein, auch ein Studium ginge sich dann noch aus. Fußballprofi zu sein ist dagegen für viele ein großer Kindheits­traum. Das war bei Ihnen sicher nicht anders.
Gurschler: Das war von unserer gesamten Jugendmannschaft mit Flo Prirsch, Anes Omerovic oder Jeremy Thurnher natürlich ein großer Traum. Man stellt es sich aber leichter vor, als es dann ist. Für mich war es schon ein toller Erfolg, in der Regionalliga-Mannschaft Stammspieler zu sein. Der Aufstieg und die Jahre in der 2. Liga sind natürlich etwas ganz Besonderes. Das geschafft zu haben, darauf bin ich stolz. Aber ich kann einschätzen, dass mein Potenzial begrenzt ist und ich mein Geld nicht mit Fußball verdienen werde, sondern mit einem anderen Job.

Als Fußball-Profi lebt man in einer anderen Welt als die Alterskollegen, das Spiel am Wochenende bestimmt sehr viel. Haben Sie das so wahrgenommen?
Gurschler:
Ja, wobei das gar nicht so sehr mit der eigenen Personen zu tun hat. Aber es ist klar, man ist jedes Wochenende verplant, muss deshalb häufig zurückstecken. Starallüren oder Ähnliches gibt es auf dem Niveau von Dornbirn aber keine, auch weil wir ein sehr bodenständiger Verein sind. Außerdem sind einige Spieler neben dem Fußball beruflich tätig. Dieser Realismus hat uns als Mannschaft gut getan, untereinander haben sich Freundschaften für das gesamte Leben entwickelt.

Auf dem bekannten Portal „Transfermarkt“ steht hinter dem Namen Felix Gurschler ein Marktwert von 150.000 Euro. Was macht diese Zahl mit Ihnen?
Gurschler: Auf dem Portal ist man schon immer wieder unterwegs, auch um sich die Gegner anzusehen – man kennt ja nicht alle. Zu Beginn war mein Marktwert 100.000 Euro, er ist dann auf 200.000 Euro gestiegen, jetzt ist er wieder ein bisschen eingebrochen (lacht). Eigentlich ist es nur eine Zahl – der Wert fußt ja auf einigen Kriterien – aber es ist schon eine große Summe. Dafür könnte man sich ein schönes Auto oder ein halbes Haus kaufen. Das ist schon krass.

Als Fußballer wird man ständig beurteilt, als Zweitligaspieler auch in der überregionalen Presse. Haben Sie diese Kritiken gelesen und sich damit beschäftigt?
Gurschler:
Ja. Ich habe es immer gelesen. Meinen Mannschaftskollegen wie Seiwald, Hirschbühl, Domig oder Kircher habe ich zu verdanken, dass ich mich auch in diesem Bereich sehr entwickelt habe. Ich bin eher ein sensibler Typ, Kritik hat mich früher sehr getroffen und beschäftigt. Mittlerweile weiß ich, was ich kann und was auf dem Platz passiert ist. Und bei schlechten Leistungen kann ich auch mit Kritik umgehen.

Sprechen wir über Ihre Zweitligakarriere, sie haben insgesamt 56 Spiele in der 2. Liga bestritten. Welches war Ihr bestes Spiel?
Gurschler:
Puh. (überlegt).

Oder an welches erinnern Sie sich gerne zurück?
Gurschler:
Da muss ich an meine erste Einwechselung denken, auf dem Innsbrucker Tivoli. Es war der zweite Spieltag 2019, ich bin für Aaron (Kircher, Anm.) gekommen; vor über 2000 Zuschauern in einem coolen Stadion – das war ein extrem schöner Moment. Und natürlich der 3:1-Sieg gegen Kapfenberg im Februar 2021, bei dem ich den Treffer zum 1:1 erzielen durfte und der Mannschaft damit geholfen habe. Das absolute Highlights bleibt jedoch der 2:0-Derbysieg zu Hause gegen Lustenau. Damals waren wir überragend, die Stimmung war super, gespielt haben wir unfassbar. Es war ein extrem verdienter Sieg, ein Derby ist einfach was ganz Besonderes.

Welches war Ihr schlechtestes Spiel?
Gurschler:
Jenes in Horn, das wir im August verloren haben. Damals waren wir bereits tief in der Krise, da ist mir ein schlimmer Fehler unterlaufen, der uns auf die Verliererstraße gebracht hat. Das müsste nicht sein, gehört aber doch auch dazu.

In der vergangenen Woche wurde mit Muhammet Akagündüz der neue FCD-Trainer vorgestellt. Hätte er Sie noch umstimmen können, wenn er früher gekommen wäre?
Gurschler:
Nein. Da hätte kommen können, wer will.

Pep Guardiola?
Gurschler:
Ja, okay. Da hätte ich es mir vielleicht nochmal überlegt, weil ich das gerne miterlebt hätte (lacht). Nein, meine Entscheidung ist festgestanden.

Was waren aus Ihrer Sicht die Gründe für die Krise im Herbst?
Gurschler:
Wir haben es nicht geschafft, die Stimmung aus dem Vorjahr mitzunehmen. Uns ist der Turnaround einfach nicht geglückt und wenn man jede Woche auf den Deckel bekommt, wird es immer schwieriger. Ich glaube aber, dass jeder immer alles für den Erfolg gegeben hat, wir waren selbst zeitweise ratlos. Mit dem Trainerwechsel gab es eine Veränderung, die einen Umschwung erzeugt hat. Der Trend war vor der Winterpause positiv.

Wie schwer fällt Ihnen, der seit 2003 beim FC Dornbirn spielt, der Abschied vom Verein?
Gurschler:
Es ist eine extrem schwierige Situation. Auf der Tribüne habe ich mir vorhin gedacht, wie viele Stunden ich unten auf dem Platz, in der Box, im Schnee gespielt habe. Es ist meine Heimat, ich bin hier aufgewachsen, kenne den Verein in- und auswendig und alle, die hier ihre ehrenamtliche Arbeit leisten. Deshalb war die Entscheidung zwar wohl überlegt, sie tut aber schon weh.

Jetzt geht es in der Eliteliga weiter mit dem FC Rotenberg. Was sind dort die sportlichen Ziele?
Gurschler:
Mit der Punkteteilung rutscht alles wieder enger zusammen. Unser Ziel ist, so viele Spiele wie möglich zu gewinnen und so schnell wie möglich nach hinten abgesichert zu sein.

Mit dem Ex-Altacher Martin Kobras wurde ein weiterer Spieler beim FC Rotenberg vorgestellt. Freuen Sie sich auf das Zusammenspiel?
Gurschler:
Ja. Seine Qualität ist unbestritten. Er wird uns sicher extrem weiterhelfen. Bei Rotenberg ist ja er der Rückkehrer, ich freue mich darauf.