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“Wir sind die Abteilung für Hoffnung und Zuversicht”

23.12.2021 • 21:46 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
"Wir sind die Abteilung für Hoffnung und Zuversicht"
„Jedem mit Wertschätzung und Respekt begegnen“, sagt Benno Elbs. Hartinger

Bischof Benno Elbs über das zweite Corona-Weihnachten und die gesellschaftliche Spaltung.

Wie haben Sie die heurige Vorweihnachtszeit, die wieder unter einem Lockdown und der Pandemie stand, erlebt?
Benno Elbs:
Ich habe viele Menschen besucht, die sich in Extremsituationen befinden. Aber auch bei vielen anderen Menschen habe ich gespürt, dass sie müde und teilweise überfordert sind. Alle haben eine große Sehnsucht nach Zuversicht, Freude und nach einem positiven Leben. Diese Sehnsucht ist in einem tieferen Sinn die Bedeutung des Advents. Theologisch gesprochen ist es der Wunsch nach Befreiung und Erlösung. Für mich war dieser Advent einer der intensivsten bisher.

Können die Menschen diese Sehnsucht nach Zuversicht und Freude erfüllen?
Elbs:
Das ist die große Hoffnung. Mir fällt ein Zitat von Viktor Frankl, dem Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, ein: „Jeder hat sein eigenes Ausschwitz“ (Anmerkung: Frankl war selbst dort inhaftiert). Übertragen auf Weihnachten würde ich sagen: „Jeder hat sein eigenes Bethlehem.“ Im Bethlehem damals spielten sich Heimatlosigkeit, Armut (der einfache Stall) und Ausgrenzung ab. Auf die Menschen heute übertragen sind es die Scherben des Lebens und viele Dinge, die uns beschäftigen. Weihnachten heißt, beruhend auf dem Blick in die Krippe: Gott legt sich in mein persönliches Leben.

Benno Elbs erlebte heuer einen sehr intensiven Advent. <span class="copyright">Hartinger </span>
Benno Elbs erlebte heuer einen sehr intensiven Advent. Hartinger

Wenn jemand nicht an Gott glaubt: Kann er aus diesem Satz trotzdem etwas ziehen? Wie erklären Sie ihn?
Elbs: Zum ersten: Was sieht man generell, wenn man ein Neugeborenes, ein Kind ansieht? Wir sehen Vertrauen, Zärtlichkeit, Verständnis und Neugierde. Wir werden beim Blick auf ein Kind im Herzen berührt. All das sehen und erleben wir auch, wenn wir in die weihnachtliche Krippe blicken. Deshalb ist Gott auch in Form eines Kindes Mensch geworden. Zu Menschen, die nicht so gläubig sind, würde ich sagen: Schau ein Kind an und lass das, was es bei dir auslöst, auf dich wirken. Die Haltung eines Kindes kann die Welt verändern.

Und der zweite Aspekt?
Elbs:
Wir spüren Weihnachten auch durch die anderen. Selbst wenn jemand nicht an Gott glaubt, spürt er oder sie die weihnachtliche Atmosphäre. Ein Geschenk zu geben, ist zum Beispiel ein weihnachtliches Zeichen. Viele Menschen beschenken sich, auch wenn ihnen die Beziehung zu Gott nicht so geschenkt ist. Weihnachten entsteht durch viele weihnachtliche Menschen.

Weihnachten steht auch für das Thema Neugeburt. Was könnte heuer an Weihnachten neu auf die Welt kommen?
Elbs:
Hoffnung. Wenn ich daran denke, welchen Auftrag die Kirche jetzt in der Gesellschaft hat, dann sind wir sozusagen die Abteilung für Hoffnung, Zuversicht und Freude. Im Weihnachtsevangelium – bei der Stelle, als die Engel auf das Hirtenfeld kommen – steht dazu ein zentraler Satz: „Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude (….): Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren“. Darin enthalten sind drei Codeworte. „Fürchte dich nicht“ ist das erste. Es bedeutet Zuversicht für Menschen, die im christlichen Sinn leben und/oder sich mit Gott und anderen Menschen verbinden. Das nächste Codewort ist „Freude“. Vergiss die Freude nicht, sagt uns diese Textstelle – auch wenn vielen Menschen die Freude durch die Pandemie abhandengekommen ist. Das dritte Wort ist „Retter“ und meint das Vertrauen: Es gibt immer etwas Rettendes. Der Dichter Friedrich Hölderlin drückte es so aus: „Wo die Sorge groß ist, ist das Rettende auch da.“

„Wir leben zum Glück in einer pluralistischen Gesellschaft, und der Pluralismus gilt auch für die Kirche.“

Bischof Benno Elbs

Die momentane Spaltung der Gesellschaft umfasst alle Bereiche – auch die Kirche. Wie gehen Sie mit der kirchlichen Spaltung um? Und wie kann die Gesellschaft mit der Spaltung umgehen?
Elbs:
Das wichtigste ist immer die Entscheidung, sich auf das Gemeinsame zu konzentrieren. Zudem geht es um Respekt und Wertschätzung. Papst Franziskus hat einmal gesagt: „Wir müssen vor dem heiligen Boden des anderen die Schuhe ausziehen.“ Das heißt: nicht auf dem anderen herumtrampeln oder ihm mit Vorurteilen und Aggressionen begegnen, sondern mit Wertschätzung und Sensibilität. Ein weiterer Aspekt ist: Wir leben zum Glück in einer pluralistischen Gesellschaft und der Pluralismus betrifft auch die Kirche. Das Ziel ist, dass jeder gebraucht wird und jeder seinen Beitrag leistet. Wenn ich es mit einem Musikorchester vergleiche: Dessen Ziel ist nicht, dass ein einzelnes Instrument sich durchsetzt, sondern dass gemeinsam ein schöner Klang gebildet wird. Noch ein wichtiger Punkt: Spaltung heißt immer „Du gehörst nicht dazu“. Jesus aber sagte zu jedem Menschen, dass er dazugehört – auch derjenige, der am Rand gelebt hat und ausgegrenzt war. Diese Bewegung brauchen wir und die Kirche. Da muss, das kann man sagen, die Kirche bei sich selbst anfangen.

Bei den Weihnachtgottesdiensten gelten FFP2-Maskenpflicht und ein Meter Abstand. Was geben Sie Menschen mit, die unter diesen Bedingungen keinen Gottesdienst besuchen wollen oder können, weil sie gesundheitliche Sorgen haben?
Elbs:
Zum einen: Ich lade alle ein, zu kommen. Unsere Kirchen sind recht groß. Zum anderen: Glücklicherweise werden in vielen Medien – sei es Radio, Fernsehen oder Internet – Gottesdienste übertragen. Zum Beispiel die Christmette aus dem Dom. Man kann sich aus diesem Angebot etwas aussuchen, sich mit der Familie um die Krippe versammeln, eine Kerze anzünden und gemeinsam den Gottesdienst anschauen oder hören. Ich selbst freue mich sehr auf die Weihnachtsgottesdienste und hoffe, dass sie vielen Menschen etwas Gutes für die Seele tun.

Jährlich hält Elbs, der auch Psychotherapeut ist, einen Weihnachtsgottesdienst im Gefängnis. <span class="copyright">kkv</span>
Jährlich hält Elbs, der auch Psychotherapeut ist, einen Weihnachtsgottesdienst im Gefängnis. kkv

Was wünschen Sie sich für Weihnachten?
Elbs:
Ich wünsche mir, dass mir durch die Gottesdienste und durch den Blick in die Krippe Zuversicht geschenkt wird sowie das Vertrauen, dass Gott mit mir ist. Zuversicht und Vertrauen sind die Grundlage für ein glückliches, sinnvolles Leben. Ich erfahre sie auch immer wieder in Gottesdiensten und beim Blick in die Krippe. Ich sitze oft stundenlang vor der Krippe. Ich kann dabei auftanken und mich an dem Geheimnis nicht sattsehen.

Zur Person

Benno Elbs wurde am 16. Oktober in Bregenz geboren und wuchs in Langen bei Bregenz auf. Er maturierte am Bundesgymnasium Bregenz und studierte Theologie an der Universität Innsbruck. Zudem absolvierte er eine psychologische und psychotherapeutische Ausbildung. Nach Tätigkeiten als Religionslehrer, Pastoralamtsleiter und Generalvikar wurde er am 30. Juni 2013 zum Bischof geweiht.

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