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Warum Youtube Beiträge eines Predigers aus Vorarlberg löschte

25.12.2021 • 19:51 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Warum Youtube Beiträge eines Predigers aus Vorarlberg löschte
Egal ob auf einer Demo, wie hier in Bregenz, oder bei den Versammlungen in seiner Gemeinde: Der rhetorisch begabte Prediger Jonathan Anselm (25) wettert im Namen Gottes gegen die Impfung und die Regierung. Screenshot Youtube

Jonathan Anselm von der bibeltreuen “Gemeinde Gottes”, verbreitet krude Theorien.


Das gesellschaftliche Spektrum auf Corona-Demon­strationen ist breit. Neben brüllenden Rechten, Rechtsextremen und linken Kapitalismuskritikern marschieren Esoteriker und impfkritische Familien aus der bürgerlichen Mitte. Sie kommen mit unterschiedlichen Motivationen und Zielen. Was sie eint, ist die Ablehnung der Coronamaßnahmen und der Impfung sowie der Hang zu Verschwörungstheorien. Die Redner haben leichtes Spiel, Sorgen und Ängste zu schüren.

Der Prediger vor dem Versammlungshaus in Wald am Arlberg. <br><span class="copyright">Hartinger</span>
Der Prediger vor dem Versammlungshaus in Wald am Arlberg.
Hartinger

Gott statt Medizin

Diese Bühne nutzt auch der Prediger Jonathan Anselm, Vertreter der strikt bibeltreuen, „Gemeinde Gottes“, die sich 2009 im Klostertal angesiedelt hat und dort eigentlich sehr zurückgezogen lebt. Der selbsternannte Pastor, der nie Theologie studiert hat und einen ganz und gar weltlichen Brotberuf hat, tritt seit Beginn der Pandemie auf so gut wie jeder Demo auf, nicht nur im Land. Im Namen Gottes geißelt er die Regierung und die „Gesundheitsdiktatur“. Corona sieht er als Vorboten der Apokalypse und gegen die Impfung ist er sowieso, denn seine Gemeinde setzt lieber auf Gott als auf die Medizin.
Seit Beginn der Krise kommt Anselm immer wieder mit den Behörden in Konflikt. Da er sich nicht ans Versammlungsverbot hielt, wurden mehrere Verfahren gegen ihn eröffnet. Gerne brüs­tet sich Anselm damit, dass ihn die Behörden im Visier hätten. Das FPÖ-nahe Krawallmedium „Wochenblick“ bezeichnete den rhetorisch begabten Mittzwanziger als „rebellisch wie einst Don Camillo“.

Warum Youtube Beiträge eines Predigers aus Vorarlberg löschte
Der Mediziner und prominente Corona-Leugner Bodo Schiffmann stellte Jonathan Anselm auf seinem Telegram-Kanal vor.
Screenshot Telegram

Youtube löschte Videos

Seine kruden Theorien verbreitet Anselm nicht nur auf Demos oder in den Gottesdiensten in seiner Gemeinde, sondern auch im Internet. In den Predigten und Vorträgen schlägt er zusehends schärfere Töne an, weswegen Youtube nun einige seiner Videos von der Plattform gelöscht hat. In einem dieser Beiträge, betitelt mit „Ziviler Ungehorsam“, zieht er einmal mehr Parallelen zum Dritten Reich. Auch spricht er von „einem korrupten System, das nicht die Gesundheit der Menschen im Sinn hat“, sondern, „Milliarden von Euro in eine Impfung investiert, die nachweislich nichts bringt“ und die Abtreibung unterstütze. Um Angst zu schüren, gab der Prediger auch ein Zitat von Arbeiterkammerpräsident Thomas Szekeres bewusst verkürzt und sinnentfremdet wieder. So behauptet er, Szekeres habe gesagt, dass man darüber nachdenken müsse, Menschen zu fesseln und gegen ihren Willen zu impfen.
Weil Youtube besagtes Video und andere Beiträge von der Plattform genommen hat, veröffentlicht die „Gemeinde Gottes“ ihre Botschaften jetzt unter anderem im Nachrichtendienst Telegram, wo sich Corona-Leugner genauso unbehelligt tummeln wie Rechtsextreme und Drogendealer.

Warum Youtube Beiträge eines Predigers aus Vorarlberg löschte
Die „Gemeinde Gottes“ hat sich im Jahr 2009 in Wald am Arlberg angesiedelt. Sie zählt etwa 100 Mitglieder. Screenshot Youtube

„Kein Fernseher, keine Krankheit“.

Auf Jonathan Anselm aufmerksam wurde jetzt auch Bodo Schiffmann, einer der führenden Köpfe der Querdenken-Bewegung in Deutschland. Der HNO-Arzt steht im Verdacht, unberechtigt Atteste ausgestellt zu haben, um Menschen vom Maskentragen zu befreien. Ebenso laufen Ermittlungen wegen Volksverhetzung. Mittlerweile lebt Schiffmann „aus Sicherheitsgründen“ in Afrika. Auf Schiffmanns Telegram-Kanal, dem mehr als 160.000 Menschen folgen, durfte der Prediger kürzlich ausführlich Stellung beziehen. So erzählte er etwa, dass in seiner – etwa 100 Mitglieder zählenden Gemeinde – noch niemand an Corona erkrankt sei und begründete dies damit, dass sie ihren Fernseher hinausgeschmissen hätten. Schiffmann wiederum rührte die Werbetrommel für die Fundi-Christen aus dem Klostertal. „Auf eurer Webseite kann man sehen, wie unglaublich schön es bei euch ist“, sagte Schiffmann. Zum ers­ten Mal getroffen haben sich die beiden nach eigenen Angaben auf einer Demo. „Wir tauschten unsere Nummern aus und ich hab dir Gottes Segen gewünscht“, erinnert sich Jonathan Anselm in dem Gespräch.

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