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Wie sich Lockdown und Advent vertragen haben

25.12.2021 • 08:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Wie sich Lockdown und Advent vertragen haben
Ein Bild, wie jedes Jahr vor Weihnachten: Viele Menschen kauften ein. Sams

Psychotherapeutin Sigrid Hämmerle-Fehr erklärt, wie sich Lockdowns auf Weihnachtsstress auswirkten.

War der Stress zu Weihnachten heuer wegen des Lockdowns anders?
Sigrid Hämmerle-Fehr:
Nein. Letztes Jahr um diese Zeit waren wir auch im Lockdown. Ich habe niemanden erlebt, der jetzt sagte: „Mein Gott, die Vorweihnachtszeit ist ganz anders wegen des Lockdowns.“ Eher meinten die Menschen: „Oje, jetzt ist es wie im vergangenen Jahr.“ Viele haben sich relativ gut eingestellt auf das Lockdown-Thema. Es hat niemanden mehr wahnsinnig aus der Bahn geworfen. Allerdings ist mir auch aufgefallen, dass die Menschen durch diesen Lockdown nicht mehr so entschleunigt waren wie bei den ersten Lockdowns.

Verursachten die geschlossenen Geschäfte Stress, weil die Weihnachtseinkäufe nicht erledigt werden konnten?
Hämmerle-Fehr:
Ein Teil der Menschen konnte sich darauf einstellen, weil sie online – auch bei regionalen Händlern – einkauften. Bei manchen – vor allem älteren Menschen, die nicht online-affin sind – übte der Lockdown einen gewissen Druck aus. Als der Lockdown zu Ende war, gingen deshalb viele gleich einkaufen.

Sigrid Hämmerle-Fehr, Psychotherapeutin beim Ifs Vorarlberg. <span class="copyright">Hartinger</span>
Sigrid Hämmerle-Fehr, Psychotherapeutin beim Ifs Vorarlberg. Hartinger

War dieser Druck so stark, dass er zu einer Überforderung führte?
Hämmerle-Fehr:
Nein. Zu uns ist niemand gekommen, der sagte „Ich komme nicht klar, weil ich wegen Weihnachten so sehr unter Druck gerate und mir schwertue, Geschenke zu besorgen und das Fest vorzubereiten.“

Aus welchen Gründen sind die Menschen denn zum Ifs gekommen?
Hämmerle-Fehr:
Seit Beginn der Pandemie spielte das Thema Corona oft mit hinein, es war jedoch ein Nebenthema. Seit Herbst ist das anders, bei einigen Klienten ist die Pandemie nun das Hauptthema. Die Coronasituation und dass sie scheinbar kein Ende nimmt, belastet sie. Es gibt durch die Pandemie auch vermehrt Konflikte in der Familie, am Arbeitsplatz und in Freundes- sowie Bekanntenkreisen.

Kommen wir nochmal zum Lockdown. Viele Menschen arbeiten nun wieder vermehrt im Homeoffice. Wie wirkt sich das aus?
Hämmerle-Fehr:
Von Beginn der Pandemie an war zu beobachten, dass manchen Menschen das Homeoffice gut tut. Sei es, weil sie gerne in einer Umgebung arbeiten, wo sie für sich sind. Sei es, weil sie gesundheitliche Sorgen haben. Es gibt aber auch andere, die hinaus möchten, die die soziale Anbindung an das Team und den Arbeitsplatz brauchen oder die das Berufliche und Private besser trennen können, wenn sie vor Ort arbeiten. Eine Belastung kann dann entstehen, wenn die Menschen eine Variante bevorzugen und der Arbeitgeber die andere einfordert.

„Die Impfdebatte hat sehr viel Bedrückung ausgelöst und sie betrifft alle, egal ob geimpft oder ungeimpft.“

Sigrid Hämmerle-Fehr, Psychotherapeutin

Gab es auch Stress wegen der Impfdebatte?
Hämmerle-Fehr:
Auf jeden Fall. Der jüngste Lockdown war im Empfinden einiger Menschen anders, weil die Impfplicht und die Impfdebatte in großer Vehemenz auftraten. Das hat sie im weitesten Sinn als Belastung gestresst. Das ist eine Form der Belastung, bei der es darum geht: Gehöre ich dazu? In welchem Lager bin ich? Die Impfdebatte hat sehr viel Bedrückung ausgelöst und sie trifft alle, egal ob geimpft oder ungeimpft. Man redet von Spaltung, und da ist was dran. Wir haben viele Konflikte, Diskussionen und auch viel Abwertung mitbekommen. Die Zuordnung „Du gehörst zu denen“ verursacht zudem den Druck, sich zu rechtfertigen.

Was gibt es sonst noch etwas zum Thema Feiertage zu sagen?
Hämmerle-Fehr:
Das, was man oft auf die Weihnachtsfeiertage hin rät: Die Menschen sollen möglichst wenig Anspruch auf Perfektion haben. Es dürfen Dinge schiefgehen und man muss sich nicht nur gut verstehen. Unbewusst wollen viele Menschen es schön haben. Heuer ist aber sowieso schon eine Anspannung da. Deshalb rate ich: Man soll es auf sich zukommen lassen und schauen, was einander verbindet und was weggelassen werden kann. Die Menschen sollen einmal durchatmen und sich sagen „Wir machen es uns gut“.

Unterstützung

Das Institut für Sozialdienste (Ifs) bietet Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in psy­chi­schen und sozia­len Kri­sen – auch in der aktu­ell her­aus­for­dern­den Situa­tion – Hilfe und Unter­stüt­zung. Es gibt fünf Beratungsstellen im Land: in Bludenz, Feldkirch, Hohenems, Dornbirn, Bregenzerwald und Bregenz. Weitere Infos unter www.ifs.at