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„Die Wirtschaft ist kein Lichtschalter“

27.12.2021 • 20:25 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
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Hartinger

Hans Peter Metzler, Präsident der ­Wirtschaftskammer, über das zu Ende gehende Jahr.

2021 war das zweite von der Coronapandemie geprägte Jahr. Was waren aus Sicht der Wirtschaft die Unterschiede zu 2020?
Hans Peter Metzler:
Die Erfahrung im Umgang mit der Situation. Die Unternehmen konnten ihre Präventionsmaßnahmen weiter verbessern und haben aus der Krise gelernt. Zudem blieb die produzierende Wirtschaft am Laufen. Aber es war alternativlos, den betroffenen Betrieben mit einer Verlängerung und situationsgerechten Anpassung der Wirtschaftshilfen rasch zu helfen. Die Unterschiede in den Auswirkungen auf verschiedene Branchen haben sich allerdings weiter vergrößert.

Zur Person

Hans Peter Metzler wurde 1965 in Hittisau geboren. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Gemeinsam mit seiner Familie betreibt er das Romantikhotel „Das Schiff“ in Hittisau. Seit November 2016 ist er Präsident der Wirt­schaftskammer Vorarl­berg. Er trat die Nachfolge des verstorbenen Manfred Rein an. Zuvor war der Unternehmer bereits seit 2010 Obmann der Sparte Tourismus in der Wirtschaftskammer.

Hat es geholfen, dass es bereits Erfahrungen aus dem Vorjahr gab und Unterstützungsmaßnahmen wie etwa die Kurzarbeit oder auch andere finanzielle Unterstützungsprogramme im Vorjahr etabliert wurden?
Metzler:
Ja, definitiv, dennoch schmerzt es, dass es solche Maßnahmen wieder gebraucht hat. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronapandemie sind nach wie vor eine massive Belastung. Gezielte Unterstützung ist daher notwendiger denn je. Deswegen kommt die ökosoziale Steuerreform, die einen breiten Entlastungsschwung bringen wird, keine Minute zu früh. Die staatlichen Hilfen sind ein wichtiger Beitrag, um die Zeit der behördlichen Schließungen mit all den damit verbundenen Schwierigkeiten zu überbrücken. Generell ist aber festzuhalten: Geöffnete Betriebe sind die beste Art der Wirtschaftshilfe.

Nach dem gebremsten Start ins neue Jahr gab es durch die Öffnungen im März Aufwind und positive Stimmung. Wie sehr schmerzt es da, dass im Herbst die Zahl der Coronafälle wieder stark angestiegen ist und es zu einem neuerlichen Lockdown gekommen ist?
Metzler:
Es ist bedauerlich, dass wir nach wie vor eine zu geringe Impfquote vorweisen können. Auch der neuerliche Lockdown wäre zu vermeiden gewesen, hätte man frühzeitig Maßnahmen vonseiten der Regierung gesetzt. Es ist grundsätzlich nicht nachvollziehbar, dass Betriebe schließen müssen, die nachweislich nicht zum Infektionsgeschehen beigetragen haben. Unsere Betriebe sind bei Corona nicht das Problem, sondern die Lösung: Sie bieten sichere Arbeits- und Geschäftsumgebungen zur Bewältigung der Covid-Krise und sichern gleichzeitig Wertschöpfung und Arbeitsplätze im Land. Wenn der Handel, unsere Dienstleister, der Tourismus oder die Gastronomie nicht aufsperren dürfen, ist das das beste Konjunkturprogramm für unsere Nachbarländer, weil damit Wertschöpfung und Arbeitsplätze nicht mehr im Land gesichert werden.

Die Lockdowns sind für die Wirtschaft eine Belastung. <span class="copyright">Hartinger</span>
Die Lockdowns sind für die Wirtschaft eine Belastung. Hartinger

Vor dem Herbst hat sich die Wirtschaft relativ rasch von den Herausforderungen der bisherigen Pandemie erholt. Gibt das Zuversicht, dass das nach möglichen weiteren Rückschlägen ebenso gelingen kann?
Metzler:
In gewisser Weise ja, die Frage bleibt aber, wie lange das wirtschaftlich, aber auch mental, damit meine ich auch gesellschaftlich, verkraftbar ist. Die Politik wird mit ihrer „Hü-Hott-Politik“ nicht mehr so weitermachen können. Die Wirtschaft ist kein Lichtschalter, den man ständig ein- und ausknipsen kann. Wir brauchen jetzt eine langfristige Strategie im Umgang mit dem Coronavirus, denn wir werden damit leben müssen.

Einige Branchen wie die Gastronomie, Hotellerie und vor allem die Nachtgastronomie sowie die Eventbranche sind von der Pandemie besonders betroffen. Reichen die Hilfsangebote für die Betroffenen aus, oder bräuchte es noch mehr Unterstützung?
Metzler:
Österreich ist das einzige Land Europas, welches die Hotels geschlossen hatte. Das war eine enorme Wettbewerbsverzerrung. Nach über sechs Monaten Lockdown, in denen die als Entlastung der Betriebe eingeführte Mehrwertsteuer-Senkung auf fünf Prozent kaum Wirkung in Gastronomie und Hotellerie entfalten konnte, wäre eine Verlängerung dieser Maßnahme über den 31. Dezember 2021 hinaus nicht nur sinnvoll, sondern vor allem auch fair gewesen. Preiserhöhungen werden wohl unausweichlich werden – auch aufgrund der gestiegenen Rohmaterial- und Energiekos­ten sowie der erhöhten Aufwände in Bezug auf Kontrollen und Sicherheitsmaßnahmen.

Es ist bedauerlich, dass wir nach wie vor eine zu geringe Impfquote vorweisen können.

Wirtschaftskammer-Präsident Hans Peter Metzler

Sie sind selbst Hotelier und damit auch direkt von der Krise betroffen. Hilft es in Ihrer Funktion als WKV-Präsident, dass sie aus erster Hand wissen, wo die größten Herausforderungen für die am härtesten getroffenen Branchen liegen?
Metzler:
Letztendlich sitzen wir alle in einem Boot. Es ist entscheidend, dass sich die Branche – Betriebe, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und auch Gäste – auf Aussagen, Ankündigungen und Zusagen der Regierung verlassen können. Es gilt, Vertrauen auf allen Ebenen zurückzugewinnen. Hier gibt es eindeutig noch Aufholbedarf. Die kurzfris­tig geänderte Einreiseverordnung und die vorverlegte Sperrstunde treffen unsere Branche hart. Manche Vorgehensweise ist für die betroffenen Betriebe schwer zumutbar und nicht nachvollziehbar: Ein Schritt vor, drei Schritte zurück – das ist zermürbend und beschädigt eine noch so flexible Branche und den Unternehmerwillen nachhaltig.

Wie sehr haben Dinge wie etwa die 3G-Regel am Arbeitsplatz die Situation für Unternehmer erschwert?
Metzler:
Die Wirtschaft ist ein verlässlicher Partner, wenn es darum geht, Covid-19 zu bekämpfen und die negativen Folgen der Krise für die Beschäftigten, die Betriebe und die Wirtschaft insgesamt einzudämmen. Die Betriebe haben sich gut darauf eingestellt, auch wenn für manche die Maßnahmen nicht einfach umzusetzen waren. Es braucht weiter praktikable Regeln und Lösungen, die einen möglichst reibungslosen Arbeitsalltag in den Unternehmen gewährleis­ten und die Aufrechterhaltung der Produktion sicherstellen. Zudem dürfen neue Regeln keinesfalls die ohnehin schon sehr begrenzte Verfügbarkeit von Fachkräften weiter einschränken. Wir halten Verschärfungen der derzeit geltenden 3G-Regel am Arbeitsplatz für den falschen Weg. Entscheidend bleibt zudem, dass einerseits die österreichweite und niederschwellige Testinfrastruktur weiter ausgebaut wird. Dass sich möglichst viele Menschen impfen lassen, ist unser aller Weg aus der Pandemie.

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Hartinger

Mit welchen Erwartungen gehen Sie in das kommende Jahr – sowohl als selbst betroffener Unternehmer als auch als WKV-Präsident?
Metzler:
Wir als Unternehmer­innen und Unternehmer brauchen jetzt vor allem Planbarkeit und wieder mehr Vertrauen in die Politik. Ich kann an dieser Stelle nur appellieren: Die Antworten auf die Anforderungen der Zukunft können nur im Miteinander gefunden werden, nicht im Gegeneinander. Wir müssen die Gräben, die sich in dieser Pandemie in der Gesellschaft immer stärker manifestieren, überwinden, sonst hat das für alle Bereiche fatale Folgen. Ich bin zuversichtlich, dass die Vernunft siegen wird und damit auch die Erkenntnis, dass das Virus unser Feind ist. Der Durchhaltewille und das gemeinsame Anpacken von Problemen innerhalb der Wirtschaft haben mich bisher schon zutiefst beeindruckt. Daher macht uns für das neue Jahr Hoffnung, sowohl zwischenmenschlich als auch wirtschaftlich aus der Krise herauszukommen.