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„Corona stellt auch eine soziale Krise dar“

28.12.2021 • 20:46 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Seit 2015 Direktor der Caritas Vorarlberg: Walter Schmolly.                    <span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
Seit 2015 Direktor der Caritas Vorarlberg: Walter Schmolly. Klaus Hartinger

Walter Schmolly, Direktor der Caritas Vorarlberg, über die Herausforderungen im neuen Jahr.

Mit welchen Gedanken schauen Sie auf das neue Jahr?
Walter Schmolly: Unsere Gesellschaft wird durch Corona weiter ordentlich durcheinander gewirbelt werden. Aber diese Wirbel, die in den letzten Jahren immer mehr an Geschwindigkeit aufgenommen haben, gibt es unter der Oberfläche schon länger. Die Frage ist, wie wir da auf gutem Weg nach vorne kommen.

Haben Sie darauf eine Antwort?
Schmolly: Wir müssen die Fähigkeit und die Bereitschaft, Brücken zu bauen und das Verbindende zu suchen, stärken. Das fängt mit Grundhaltungen an: Mitfühlen, Respekt, Interesse aneinander. Wir brauchen eine starke Vision einer Welt, in der es jedem möglich ist, gut zu leben und dazuzugehören. Und wir brauchen Zuversicht. An und für sich haben wir ja viele Ressourcen, um das zu schaffen.

Welche?
Schmolly: Das, was uns auch jetzt hilft. Die Grundhaltungen, von denen ich gesprochen habe. Es ist viel Bereitschaft da, das Verbindende zu sehen und anderen beizustehen. Wenn es um Zuversicht und das Vertrauen in die Kraft des Guten geht, sind auch das Spirituelle und Religiöse eine wichtige Ressource.

Und wenn jemand nicht religiös ist?
Schmolly: Jeder Mensch hat innere Quellen, aus denen er schöpft. Ob man dazu religiös sagen will oder nicht, ist zweitrangig.

Zur Person

Walter Schmolly

Geboren 1964, aufgewachsen in Bizau, Studium der Mathematik und Theologie. 1994 bis 1998 Assistent an der Theologischen Fakultät Innsbruck. 1999 bis 2005 Leiter des Katholischen Bildungswerks Vorarlberg. 2005 bis 2015 Leiter des Pastoralamtes der Diözese Feldkirch. Seit 2015 Direktor der Caritas Vorarlberg. Verheiratet, drei Kinder, wohnhaft in Alberschwende.

Sie haben gesagt, dass Corona nicht die Ursache für die aktuelle Spaltung der Gesellschaft ist. Können Sie das näher erklären?
Schmolly: Ich rede da nicht so gern von Spaltung, weil das die Situation noch verfestigt. Es gibt in unserer Gesellschaft Spannungen, die an Intensität zunehmen. Manche sind produktiv, manche eher destruktiv. Das wurde durch Corona jetzt noch einmal zugespitzt. Aber diese Themen hat nicht Corona in die Welt gebracht.

Was sind das für Themen?
Schmolly: Die Spaltung in eine Gruppe von Menschen, die unter großem Druck leben und ihr Leben irgendwie auf die Reihe kriegen müssen einerseits und andererseits einer Anhäufung von Vermögen und Ressourcen in einer relativ kleinen Gruppe. Diese Schere tut sich immer weiter auf. Wir sind in unserer täglichen Arbeit mit einer zunehmenden Zahl von Menschen konfrontiert, die durch Corona unter einen Druck geraten sind, der sie richtiggehend erschöpft. Auf der anderen Seite hört man von den zusätzlichen Milliardengewinnen internationaler Konzerne. Aber das hat nicht mit Corona angefangen.

Wo machen Sie noch Spannungen aus?
Schmolly: Wir leben in einer Situation, in der viel Unsicherheit herrscht. In einer solchen Situation neigt man eher dazu, Grenzen hochzuziehen. Gleichzeitig ist offenkundig, dass die dadurch geschwächte globale Zusammenarbeit viele dieser Unsicherheiten mitverursacht. Eine Spannung, die wir jetzt in Österreich auch erleben, ist einerseits der Ruf nach Impfsolidarität und andererseits erklärt derselbe Staat mittels Verfassungsgerichtshof die Selbstbestimmung zum obersten Wert. Auch diese Spannung zwischen bürgerlichen Freiheitsrechten und der Verantwortung gegenüber dem Gemeinwohl hat eine lange Geschichte.

Die Caritas ist in vielen Bereichen tätig.     <span class="copyright"> Franz Gleiß</span>
Die Caritas ist in vielen Bereichen tätig. Franz Gleiß

Die Caritas ist in verschiedenen Bereichen tätig. Wo waren die Auswirkungen der Pandemie heuer am stärksten zu spüren?
Schmolly: Corona hat eine starke soziale Dimension und stellt auch eine soziale Krise dar. Der wirtschaftlich-materielle Druck bei Familien und Einzelpersonen wird durch die gegenläufige Entwicklung von Einkommen und Lebenskosten, durch Kurzarbeit oder den Wegfall von Zuverdienstmöglichkeiten verschärft. Das betrifft mittlerweile Menschen, die bisher nicht auf Unterstützung angewiesen waren.

Wo merken Sie das in Ihrer Arbeit?
Schmolly: Wir sehen das an der Entwicklung der anonymen Anfragen in unseren Beratungsstellen. Aber es gibt auch den psychischen Druck. Das merken wir in der Suchtberatung. Die dortigen Neuanfragen sind gegenüber dem Vorjahr um 60 Prozent gestiegen. Dazu kommt auch der soziale Druck. Einsamkeit und Isolation, eigentlich eher Themen bei älteren Menschen, aber bei Weitem nicht nur, haben zugenommen. Oder der Chancendruck. Da denke ich an die Kinder in unseren Lerncafés. Kinder aus Familien mit weniger Ressourcen sind in derartigen Situationen noch viel mehr gefährdet, den Anschluss zu verlieren. Aber es gibt auch eine zweite Seite: In diesem Coronajahr war die Hilfe nicht im Lockdown.

Die Anfragen in der Suchtberatung sind stark gestiegen.  <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Die Anfragen in der Suchtberatung sind stark gestiegen. Klaus Hartinger

Das heißt?
Schmolly: Ich bin beeindruckt davon, wie Menschen in diesem Jahr einander beigestanden sind. Wir sind derzeit eher daran gewöhnt, eine solidaritätskritische Brille aufzusetzen. Es gibt aber sehr viele Menschen, denen es nicht egal ist, wie es den anderen geht. Das ist nicht nur im Umfeld der Caritas so, sondern das geht weit darüber hinaus.

Gab und gibt es eigentlich auch innerhalb der Caritas Konflikte rund um das Thema Coronamaßnahmen und Impfpflicht?
Schmolly: Die Coronapandemie mutet uns einiges zu – auch Unternehmen. Natürlich entstehen da Situationen, in denen der eine für den anderen kein Verständnis mehr hat. Wenn etwa jemand ausfällt, weil er nicht geimpft ist und die anderen die Arbeiten übernehmen müssen.

Walter Schmolly.     <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Walter Schmolly. Klaus Hartinger

Wie gehen Sie damit um?
Schmolly: Mir ist wichtig, in der Situation reflektiert damit umzugehen und das auch gestalten. Zunächst heißt es „Runter vom Gas“, Emotionen und moralischen Druck rausnehmen, um einander wieder wahrnehmen zu können. Jeder Mensch ist ein Einzelfall und nicht nur ein Impfgegner oder Impfbefürworter. Wir dürfen nicht dem Zweifel verfallen, ob wir es noch gut miteinander meinen. Menschen, Gemeinschaften und Unternehmen sind angewiesen auf gegenseitiges Vertrauen. Das dürfen wir uns nicht zerstören lassen. Drittens braucht es eine Stärkung der Kultur des Dialogs und der Sachlichkeit. In der Caritas haben wir dafür einen Dialograum Impfen eingerichtet.

Funktioniert das?
Schmolly: Wir haben gerade damit angefangen. Aber es ist wichtig, im Gespräch mit den Einzelnen zu hören, wo sie stehen und warum sie denken, wie sie denken. Wir werden aber lernen müssen, in einer inklusiven Gesellschaft zu leben und Brücken zu bauen, in der die Verschiedenheit nicht nur schön und bunt ist, sondern auch eine Zumutung sein kann.

Corona wird die Gesellschaft und auch die Caritas auch im kommenden Jahr weiter begleiten?
Schmolly: Corona wird uns weiter begleiten und vor allem wird uns begleiten, dass wir einen wirklichen Veränderungsdruck haben – durch ökologische Themen, aber auch soziale und wirtschaftliche Aspekte. Veränderung wird uns begleiten. Corona bringt uns da noch mal auf den Weg, wenn wir es verstehen, uns in dieser Situation wirklich für eine Veränderung nach vorne zu öffnen und uns nicht in der Situation verbeißen.

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