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„Niemand weiß, was auf uns zukommt“

04.01.2022 • 20:38 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Gerald Fleischs Aufgabe ist: Ruhe bewahren, nicht dramatisieren und nicht bagatellisieren. <span class="copyright">Hartinger</span>
Gerald Fleischs Aufgabe ist: Ruhe bewahren, nicht dramatisieren und nicht bagatellisieren. Hartinger

Gerald Fleisch, der Direktor der Krankenhausbetriebsgesellschaft (KHBG) im Interview.

Wie geht es Ihnen als Direktor der KHBG nach dem zweiten Coronajahr?
Gerald Fleisch:
Seitens der Krankenhausbetriebsgesellschaft machen wir uns Sorgen, weil die Belastung für das Personal hoch ist. Es muss flexibel sein und viele Zusatzdienste machen, weil Mitarbeitende wegen einer Coronainfektion oder Quarantäne ausfallen. Über so einen langen Zeitraum wird man müde. Meine Aufgabe ist, Ruhe zu bewahren und weder zu dramatisieren noch zu bagatellisieren. Man sollte sich auch keine Vorschuss-Sorgen machen – also Sorgen für die Zukunft, von der man nicht weiß, was sie tatsächlich bringt.

In welchem Ausmaß war das Jahr 2021 von Corona geprägt?
Fleisch:
Sehr, sehr stark. Bis auf wenige Wochen war Corona Hauptthema. Dazu zählt auch, dass wir – wenn Corona gerade nicht so aktuell war – Operationen und Behandlungen nachgeholt haben. Es ist trotz Pandemie gelungen, einen hohen Anteil an Regelbetrieb durchzuführen.

Hätten Sie Anfang 2021 damit gerechnet, dass Corona das Jahr in diesem Ausmaß prägen wird?
Fleisch:
Nein. Schon im Coronajahr 2020 konnte nach der ers­ten Welle niemand wissen, wie es weitergeht. Dasselbe galt für 2021 und gilt auch für 2022. Das einzig Beständige der Pandemie ist: Wir wissen nicht, was auf uns zukommt. Ich bin kein Fan von Prognosen. Sie besagen, was sein könnte, aber nicht, was tatsächlich sein wird. Außerdem: Jeden Tag gibt es neue Erkenntnisse über Corona, das Bild scheint immer klarer zu werden, doch dann taucht eine neue Variante auf, und schon sieht es wieder anders aus. Im Gesundheitswesen müssen wir deshalb nüchtern bleiben und auf Unwägbarkeiten flexibel reagieren.

Gerald Fleisch, Direktor der KHBG.<span class="copyright"> Hartinger</span>
Gerald Fleisch, Direktor der KHBG. Hartinger

Was war im Hinblick auf Corona das Schwierigste im vergangenen Jahr?
Fleisch:
Die Kluft zwischen geimpften und ungeimpften Menschen zu überbrücken. Auch bei uns in den Krankenhäusern. Zu sagen „geimpft ist gut und ungeimpft ist nicht gut“ wäre zu einfach. So steigen das Unverständnis und die Aggression auf beiden Seiten. Meine Aufgabe ist es, Brücken zu bauen. Aus meiner Sicht ist es sinnvoll und evidenzbasiert, wenn man sich impfen lässt. Aber ich versuche auch Menschen zu verstehen, die diese Form für sich noch nicht gefunden haben. Es ist wichtig, aufeinander zuzugehen und einander zuzuhören.

Abseits von Corona: Was waren in der KHBG 2021 die größten Projekte?
Fleisch:
Wir haben in Feldkirch zwei chirurgische Roboter in Betrieb genommen für die Urologie, Chirurgie und Gynäkologie. Im LKH Feldkirch haben wir einen „Quick Check In“ installiert, bei dem man sich mit der E-Card anmelden kann. Weitere große Projekte waren der Start des Neubaus beim LKH Rankweil, in Bludenz haben wir einen wesentlichen Teil der Bauaktivitäten abgeschlossen und in Feldkirch wird groß gebaut und der Mitteltrakt aufgestockt. Ein besonderes Signal für die Zukunft ist: Wir haben ein Ausbildungszentrum gegründet, in Zusammenarbeit mit der Stadt Dornbirn. Drei Schulen werden zusammengeführt und bieten Vorteile, zum Beispiel in den Bereichen gemeinsame Bewerbungsverfahren, einheitliche Aufnahmeverfahren und einem pädagogisch-inhaltlich abgestimmten Konzept.

Dass das System zu Tode gespart worden ist, stimmt einfach nicht.

Gerald Fleisch, KHBG-Direktor

Bleiben wir beim Thema Personal. Die Pandemie hat den Personalmangel in der Pflege akut und sichtbar gemacht. Die Personaldecke war jedoch vorher schon dünn, es wurde gespart. Welche Maßnahmen werden künftig gesetzt, um mehr Mitarbeitende zu finden?
Fleisch:
Generell ist zu sagen, dass es immer wieder in einigen Bereichen Mangelsituationen gibt. Vor einigen Jahren zum Beispiel bei den Ärzten, doch da haben wir jetzt einen regen Zulauf. Nun haben wir den Mangel in der Pflege, und wir müssen etwas tun, damit wir auch in zehn, 15 Jahren noch genug Pflegepersonal haben. Nicht nur im Krankenhaus, auch in Pflegeheimen und in der häuslichen Krankenpflege. Vorweg möchte ich zur aktuellen Situation sagen: Dass das System zu Tode gespart wurde, stimmt einfach nicht. Und ja, es gibt bei den Pflegeberufen Dinge, die man verbessern kann. Aber ich möchte nicht, dass die Gewerkschaft den Beruf schlechtredet, indem zum Beispiel gesagt wird, die Hälfte der Pflegekräfte will aufhören. Das macht den Beruf kaputt. Der Pflegeberuf ist zwar anstrengend und nicht immer einfach, aber es ist ein schöner und sehr erfüllender Beruf. Das sagen uns Mitarbeitende der Pflege. Der Beruf hat auch viele Vorteile: Er ist sehr facettenreich, österreichweit liegt das Gehalt in Vorarlberg im obersten Drittel (Anmerkung: mehr Infos siehe Factbox unten), man bekommt viel Anerkennung von Patienten und Angehörigen und durch die Möglichkeit der Teilzeitarbeit ist der Beruf sehr familienkompatibel.

Was wird nun konkret gemacht?
Fleisch:
Bei der Pflege werden wir es konzentriert angehen müssen, um viele interessierte Menschen zu finden für die ganze Spanne an Pflegeberufen: angefangen von der Pflegeassistenz über die Pflegefachassistenten bis zum gehobenen Gesundheits- und Krankenpflegedienst. Wir arbeiten mit den Pflegedirektoren und den Vertretern der Krankenpflegeschulen daran, Konzepte zu entwickeln. Wir haben auch eine gute Kooperation mit der FH Dornbirn, die ausgebaut wird. Zudem arbeiten wir an einer Imagekampagne. Dafür werden, in enger Abstimmung mit den Verantwortlichen aus dem Bereich der Pflege, entsprechende Inhalte erstellt, um den Beruf in all seinen Facetten darzustellen und Interesse dafür zu wecken. Die Kampagne wird im Laufe des Jahres 2022 starten. Wichtig dabei: Wir wollen mit der Imagekampagne alle abholen. Sei es ein 14-Jähriger oder eine 45-Jährige.

Wegen der Pandemie trat Gerald Fleisch öfter als sonst bei Pressekonferenzen auf. <span class="copyright">Mathis</span>
Wegen der Pandemie trat Gerald Fleisch öfter als sonst bei Pressekonferenzen auf. Mathis

Immer wieder werden in der Pandemie Stimmen laut, die Intensivkapazitäten auszubauen. Was halten Sie von dieser Forderung?
Fleisch:
Diese Forderung ist für mich wie eine babylonische Sprachverwirrung. Denn wir haben die Intensivkapazitäten in den Jahren 2019 und 2020 ausgebaut. Sie sind für Extremsituationen gemacht. Der limitierende Faktor ist – europaweit – das Personal. Es ist eine sehr aufwendige, komplizierte Ausbildung und – speziell bei Covid – eine schwierige Tätigkeit. Es nützt nichts, wenn man zwar die Infrastruktur, aber nicht ausreichend Mitarbeitende hat. Ich sehe es so: Wir freuen uns, dass wir schon so ausgebaut haben und investieren in das Personal.

Welche weiteren großen Projekte der KHBG stehen im Jahr 2022 an?
Fleisch:
Sofern uns Covid Luft zum Atmen gibt, sind es viele Personal- und Infrastrukturprojekte. Die Bauprojekte in Rankweil, Bludenz und Feldkirch werden vorangetrieben. Für das LKH Bregenz wird zum Beispiel gemeinsam mit der Diözese Feldkirch ein Kindergarten im Marianum umgesetzt.

Gehälter Krankenpflege

und einem Sonn- und Feiertagsdienst):

– Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegefachkraft (DGKP) bei Berufseintritt (mit 19 Jahren): rund 3450 Euro.

– DGKP bei Berufseintritt (mit 30 Jahren): rund 4100 Euro.

– Intensivpfleger oder -pflegerin (mit 35 Jahren): rund 4650 Euro

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