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Die Herrscherin von Lustenau

08.01.2022 • 21:56 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Gräfin Maria Walburga von Truchsess-Waldburg-Zeil.  <span class="copyright">Archiv/Palast Waldburg-Zeil</span>
Gräfin Maria Walburga von Truchsess-Waldburg-Zeil. Archiv/Palast Waldburg-Zeil

Mit 23 Jahren war Gräfin Maria Walburga von Truchsess-Waldburg-Zeil schon dreifach verwaiste Mutter.

Es herrschte Verwirrung und Empörung unter den Menschen auf dem Gebiet des heutigen Vorarlberg, als 1774 die allgemeine Schulpflicht von Maria Theresia eingeführt wurde. Diese war mit dem Leben der einfachen Menschen nicht vereinbar. Kinder wurden als Arbeitskräfte benötigt, Bildung war etwas für die Reichen. Der aufklärerische Gedanke der Wissensvermittlung war einer der damaligen Eliten und nicht leicht mit der Lebenswelt der Bevölkerung zu vereinen. In diese Zeit wurde Maria Walburga von Harrach-Hohenems hineingeboren.

Zugang zur Bildung

Am 22. Oktober 1762 erblickte Maria Walburga als einziges Kind der Gräfin Maria Rebecca von Hohenems und des österreichischen Feldmarschalls Franz Xaver von Harrach-Rohrau in Brünn das Licht der Welt. Ihre Kindheit verbrachte sie auf den väterlichen Schlössern Bistrau und Kunewald sowie in Brünn und Wien. Maria Walburga wuchs in einem Umfeld auf, in dem Bildung und Wissen ein hohes Gut war. Und auch eines, das man sich leisten konnte. „Sie war an Geist und Körper von der Natur reich ausgestattet und erhielt eine sorgfältige Erziehung“, ist in dem 1860 erschienenen Buch „Reichsgrafen von und zu Hohenems“ von Joseph Bergmann nachzulesen. Mit nicht einmal 17 Jahren heiratete sie Clemens Alois Graf von Truchsess-Waldburg-Zeil. Dieser diente zu jener Zeit in der kaiserlichen Armee. Als ihr Vater Franz Xaver im Jahr 1781 starb, wurde ihr Ehemann zu ihrem Vormund.

Schloss in Kunin. Sitz von Maria Walburga. <span class="copyright">Archiv/Palast Waldburg-Zeil</span>
Schloss in Kunin. Sitz von Maria Walburga. Archiv/Palast Waldburg-Zeil

Früher Tod der Kinder

Ihr erstes Kind, Franz Xaver Karl, welches im Jahr 1780 auf die Welt kam, starb im Alter von zwei Jahren. Am 3. März 1782 gebar Maria Walburga ihre erste Tochter, M. Charlotte Walburga Francisca. Auch dieses Kind verstarb, noch vor dem Erreichen des ersten Lebensjahres. Kurz darauf kam Tochter Amalia auf die Welt, und zwei Jahre später, am 19. September 1785, ihr Sohn Franz Karl Wunibald Ludwig. Vier Monate nach dessen Geburt starb Amalia zwei Monate vor ihrem dritten Lebensjahr. Ein schwerer Schlag für die junge Mutter. Walburga war 23 Jahre alt und hatte schon drei tote Kinder zu betrauern. Dieser Verlust stürzte sie in ein tiefes Loch. Sie verlor ihre Lebensfreude.

Maria Walburgas Sohn Franz Karl Wunibald. <span class="copyright">Archiv/Palast Waldburg-Zeil</span>
Maria Walburgas Sohn Franz Karl Wunibald. Archiv/Palast Waldburg-Zeil

Trennung und Umzug

1786 trennte sie sich von ihrem Gatten. Dieser begab sich mit dem dreijährigen Sohn Franz Karl Wunibald auf sein Schloss in Zeil. Die Gräfin verließ den Hof in Wien und überwand auf Schloss Kunewald (heutiges Kunín in Mähren) ihre Depressionen. Dort gründete sie im Alter von 30 Jahren eine Bildungsanstalt, das „Philanthropium“. Eine Einrichtung, die ihrer Zeit voraus war und Mädchen wie Burschen im Alter zwischen 5 und 15 Jahren aus jeder Bevölkerungsschicht – vom Leibeigenen bis zum Adeligen – unterrichtete.
Die Trennung von ihrem Sohn ließ ihr aber keine Ruhe. Sie plante, ihn zu entführen und zu sich nach Kunewald zu holen. Ein aufmerksamer Diener sowie der Verrat des Plans ließen dieses Vorhaben scheitern. Mit 18 Jahren verstarb Franz Karl Wunibald am 27. März 1803. Joseph Bergmann schreibt in seinem Buch, dass der junge Mann an den Folgen eines Lungengeschwürs starb, andere Quellen meinen, er sei bei einem Sturz vom Pferd tödlich verunglückt.

Maria Walburga Gräfin von Truchsess-Waldburg.<span class="copyright">Archiv/Palast</span>
Maria Walburga Gräfin von Truchsess-Waldburg.Archiv/Palast

Die Herrscherin von Lustenau

Die Herrscherin von Lustenau. Nach dem Tod ihrer Mutter erbte Maria Walburga 1806 die Besitztümer der Grafen von Hohenems, darunter befand sich auch der Reichshof Lustenau. Sie war nun Herrscherin Lustenaus, einzig dem König von Bayern untergeordnet. Am 13. Mai 1806 besuchte sie die Schule in Lustenau und vergab Prämien. „Acht Kleidungstücke sowohl für Knaben als auch Mädchen, 40 Stück schöner und nützlicher Bücher mit der Anzeige, dass denjenigen Eltern, welche ungeachtet ihrer Armut ihre Kinder dennoch sehr fleissig zur Schule geschickt hätten, noch überdies 25 Gulden an Geld ausgetheilt würden“ (in: Reichsgrafen von Hohenems, Joseph Bergmann). Maria Walburga verstand die Probleme der Bevölkerung und versuchte, ihnen die Bildung ihrer Kinder trotz Armut und widriger Umstände zu ermöglichen.

Die erste Schule in Lustenau, erbaut 1795.<span class="copyright">Gemeindearchiv</span>
Die erste Schule in Lustenau, erbaut 1795.Gemeindearchiv

Im darauf folgenden August wurde die Gräfin mit großem Jubel in Lustenau empfangen. Sie verteilte Preise für Schulprüfungen und gab im Anschluss ein Schulfest für 300 Kinder. Maria Walburga katapultierte das Schulwesen in Lustenau nach vorne. Sie stockte den Schulfonds auf, erhöhte Lehrergehälter und erneuerte die Lehrinhalte. Die Alpe „Schöner Mann“ wurde 1809 durch die Gräfin Walburga von Waldburg Zeil den Lustenauern geschenkt, die Alpe Briedler um damals 3500 Gulden verkauft. Die Erträge daraus wurden in den Bau eines Schulgebäudes gesteckt sowie in einen Armenfonds für die Lustenauer Bevölkerung. Den Hohenemsern stiftete sie eine Volks­bi­blio­thek. Ihr Lebensstil und ihre Freigiebigkeit für Bildung ließen ihr Vermögen jedoch drastisch schrumpfen. So musste sie schlussendlich 1813 ihrem Gatten sämtlicher Hohenemser Besitztümer, darunter auch das Patrimonialgericht in Lustenau, verkaufen.

Eine Frau der Aufklärung

Eine geistreiche und gelehrte Frau sei Maria Walburga gewesen, eine gute Rednerin – angeblich konnte sie stundenlag Vorträge halten – und dazu außergewöhnlich sprachbegabt. Sie konnte ein französisches Buch auf deutsch vorlesen, ohne dabei zu stottern, schenkt man der Beschreibung von Joseph Bergmann Glauben. Sie pflegte Briefwechsel mit Gelehrten und Dichtern und unternahm ebenso eine Reise nach Weimar. In ihren späteren Tagen sei sie lesend in einem runden geflochtenen Korb gesessen, in welchem sie sich – aufgrund einer Gehbehinderung im Alter – auch tragen ließ. Sie war „sehr abgehärtet“ und trug dünne, leichte Kleidung, war wohl eine große Freundin der Natur und fand zu jeder Jahreszeit das Schöne in ihr. „Gutes zu tun war das schöne Ziel ihres Lebens. Ihr rastloses Bestreben. Sie war Philanthropin im reinsten Sinne des Wortes“ (in: Reichsgrafen von Hohenems, Joseph Bergmann)
Interessant auch, Maria Walburga ging selbstbewusst mit den Neuerungen und Erfahrungen der Medizin und Wissenschaft mit und führte in den Jahren 1803 und 1804 die Kuhpockenimpfung ein. Am 25. Mai 1828 starb Maria Walburga Gräfin von Truchsess-Walsburg-Zeil durch „Tod am Schleimschlage“, was eine alte Bezeichnung einer Atemwegserkrankungen ist, mit 66 Jahren im Schloss Kunewald.