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„Zeit der Powerpoint-Blender ist vorbei“

08.01.2022 • 21:42 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

Hansjörg B. Gutensohn spricht über die Gewinner der Pandemie.

Die Pandemie habe den Digitalisierungsprozess der Unternehmen beschleunigt. Können Sie das bestätigen?
Hansjörg B. Gutensohn:
Es gab definitiv einen enormen Anschub. Allerdings umfasst das Wort Digitalisierung ein sehr breites Spektrum, das von Industrie 4.0 bis zur Produktkommunikation reicht. Im zweiten Jahr der Pandemie spüren wir diesen Anschub sogar noch deutlicher als 2020.

Warum ist dem so?
Gutensohn:
Viele Unternehmer haben 2020 die Feststellung gemacht, dass sie etwas im Bereich der Digitalisierung machen sollten, sind aber noch nicht in die Umsetzung gegangen und haben es mitunter auf die lange Bank geschoben. Im zweiten Jahr stellen wir nun fest, dass der Zug im letzten Jahr den Bahnhof verlassen, mittlerweile aber volle Fahrt erreicht hat. Die Pandemie war in diesem Punkt auch für viele Firmen ein Schock­erlebnis, welches gnadenlos den Stand der Digitalisierung im Unternehmen offengelegt und diesem Prozess eine hohe Priorität verliehen hat, die es zuvor eventuell noch nicht hatte.

Musste von Ihrer Seite viel Aufklärungsarbeit geleistet werden?
Gutensohn:
Nein, zum Glück nicht. Diese Zeit ist vorbei. Der potenzielle Kunde kommt gut vorbereitet und mit klaren Vorstellungen auf uns zu. Das ist ein großer Vorteil und hilft uns im Wettbewerb. Dadurch ist die Zeit der Powerpoint-Blender vorbei. Ein Learning aus der Pandemie ist, dass die Unternehmer erkannt haben, woran es mangelt, um in Zeiten der Pandemie wettbewerbsfähig zu sein und die Kunden mit den Produkten und Produktinformationen zu erreichen. Es gab aber sicherlich auch weniger durchdachte Schnellschüsse.

Hansjörg B. Gutensohn ist Inhaber und Geschäftsführer von Goodson. <span class="copyright">Hartinger</span>
Hansjörg B. Gutensohn ist Inhaber und Geschäftsführer von Goodson. Hartinger

Können Sie da Beispiele nennen?
Gutensohn:
Das Kaufhaus Österreich ist ein gutes Beispiel. Das hätte man viel besser aufgleisen können, wenn man sich mehr Zeit gelassen und es im Vorfeld besser durchdacht hätte. Es gibt viele Unternehmen, die aus Panik einen solchen Schnellschuss getätigt haben. Jene Firmen, die aber weniger aus Hektik, sondern strategisch aktiv wurden, haben eine ganz andere Herangehensweise und kennen daher ihre Bedürfnisse.

Der Rohrkrepierer Kaufhaus Österreich hat auch über die Grenzen hinaus Schlagzeilen gemacht. Wie ist der Ruf der österreichischen Digitalisierungsunternehmen im deutschsprachigen Raum?
Gutensohn:
Seit eineinhalb Jahren sehr gut. Österreich ist im D.A.CH.-Raum vorbildhaft. Die Initiativen, die von der Bundesregierung während der Pandemie lanciert wurden, haben einen enormen Anschub gebracht. Die Investitionsförderung hat die Unternehmen dazu motiviert, weiter noch vorne zu gehen. In Deutschland und der Schweiz werden wir um diese Fördertöpfe beneidet. Im zweiten Pandemiejahr haben diese Förderungen gegriffen, und die Unternehmen haben sie auch in Anspruch genommen. In Deutschland wird nun viel Hoffnung in die neue Regierung gesetzt, die hier Besserung versprach, und wir als Software-Hersteller und Implementierer hoffen ein wenig mit.

Inwiefern?
Gutensohn:
Durch unsere geografische Position haben wir viele Kunden aus Deutschland und der Schweiz. Jeweils ein Drittel unserer Kunden kommen aus Deutschland, Schweiz und Österreich.

Zum Unternehmen

Goodson Softwaresolutions mit Sitz in Bregenz gehört zu den führenden Implementierungspartnern für Product Information Management-Systeme (PIM), E-Business-Lösungen und Digital Publishing-Konzepte im D.A.CH.-Raum. Neben der eigenen PIM-Software mediaSolution3 hat sich Goodson als Implementierungspartner der Enterprise-Lösung von Contentserv einen Namen gemacht.

Das bedeutet auch, dass Goodson ein Gewinner dieser Krise ist?
Gutensohn:
Absolut. Wir hatten so gut wie keine Kurzarbeit und haben Personal eingestellt. Wir sind während der Pandemie gewachsen, und 2021 war umsatzseitig unser bestes Jahr seit der Gründung des Unternehmens 2003. Unser Problem ist im Moment vielmehr, dass wir schneller wachsen, als wir organisatorisch nachziehen können. Qualifiziertes Personal ist nur schwierig zu finden. Wären diese Fachkräfte verfügbar, könnten wir noch schneller wachsen.

Sie sprechen den Fachkräftemangel an. Wie schwierig ist es in der IT-Branche, qualifiziertes Personal zu finden, und ist dies in Vorarl­berg beziehnungsweise Österreich überhaupt vorhanden?
Gutensohn:
Fachpersonal zu finden, das unmittelbar verfügbar ist und mit der Arbeit beginnen kann, ist unmöglich. Das gilt für den heimischen Markt, aber auch für das angrenzende Ausland. Es gibt aber einen Pool an angehenden Fachkräften, die dann aber noch ausgebildet oder zum Teil auch umgeschult werden müssen. Für uns ist wichtig, dass die Mitarbeitenden Motivation und Engagement mitbringen, und daher beschreiten wir einen etwas anderen Weg. Wir geben jungen Talenten eine Chance und bilden sie weiter aus. Auch Quereinsteiger, die gewisse Soft­skills mitbringen, sind eine Option für uns.

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Hartinger

Was muss getan werden, um den Fachkräftemangel in der IT-Branche zu beheben?
Gutensohn:
Das müssen die Experten beantworten, die sich mit diesem Bereich auseinandersetzen. Wir für uns versuchen aber auch, mehr Frauen für einen Technikberuf zu begeistern. In naher Zukunft wollen wir Kampagnen starten, um dieses Vorhaben zu unterstützen. Da sehe ich großes Potenzial, und wir haben im Haus einige Beispiele, die das bestätigen. Das wollen wir aber noch verstärken.

In der Pandemie wurde das Homeoffice in vielen Firmen zum Alltag. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?
Gutensohn:
Beim ersten Lockdown gab es meinerseits die Befürchtung eines Leistungseinbruchs, und daher habe ich relativ lange gewartet, bis ich die Mitarbeitenden ins Homeoffice geschickt habe. Irgendwann ging es aber nicht mehr anders, und ich war positiv überrascht, denn sogar eine Leistungssteigerung war die Folge. Im zweiten und dritten Lockdown hatte der Schwung aber etwas nachgelassen, weshalb die Teamleiter mehr Coaching übernehmen mussten. Mittlerweile haben wir wieder viele Mitarbeiter, die ein Arbeiten im Büro vorziehen und punktuell einzelne Tage in der Woche aus dem Homeoffice arbeiten.

Softfacts Goodson

Name: Goodson Softwaresolutions

Gründung: 2003

Inhaber und Geschäftsführer: Hansjörg B. Gutensohn

Umsatz 2021: EUR 1,85 Mio.

Mitarbeiter: 21 Mitarbeiter

Kunden: 63 Kunden

Wie ist Ihre Prognose für den Digitalisierungsfortschritt im Jahr 2022?
Gutensohn:
Der Zug wird unaufhaltsam weiterfahren. Es ist noch lange kein Ende in Sicht, denn viele Unternehmen haben den Ernst ihrer Lage noch nicht erkannt. Es wird interessant sein, wie sich diese Unternehmen entwickeln. Die Pandemie wird uns noch eine Weile begleiten, und im Bereich der Prozessoptimierung sowie Digitalisierung werden viele noch Konzepte entwickeln müssen. Dafür braucht es aber auch die Einsicht, und es muss von ganz oben priorisiert werden.