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„Unheimliche Belastung für die Mitarbeiter“

08.01.2022 • 21:08 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
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Geschäftsleiterin des Roten Kreuz Vorarlberg spricht über Pandemie.

RKV-Präsident Ludwig Summer sprach bereits vor der vierten Welle von übermenschlichen Belastungen für Ihre Mitarbeiter. Wo liegen die Herausforderungen für das Rote Kreuz in dieser Pandemie?
Janine Gozzi
: Zum einen haben wir unabhängig von der Pandemie seit 2019 im Rettungsdienst und Krankentransport steigende Zahlen. Da sind die Hygiene- oder Covid-Transporte, wo wir coronapositive Menschen transportieren, noch gar nicht inkludiert. Trotz der Lockdowns hat das Fahrtenaufkommen kontinuierlich zugenommen.

Haben Sie diesbezüglich Zahlen, die das untermauern?
Gozzi:
Vor 2019 waren alle zehn Tage einmal 300 Krankentransporte bereits sehr viel, mittlerweile sind es mindestens an drei bis vier Tagen in der Woche über 300 Kranken­transporte. Wir hatten Spitzentage im Jahr 2021, wo wir 350 Krankentransporte abgewickelt haben. Nicht verändert haben sich aber die personellen und infrastrukturellen Ressourcen. Mit 32 Fahrzeugen halten wir diese Leistung aufrecht. Das ist eine unheimliche Belastung für die Mitarbeiter.

Zivildiener sind eine wichtige Säule beim Roten Kreuz.<span class="copyright">APA</span>
Zivildiener sind eine wichtige Säule beim Roten Kreuz.APA

Konnten die ehrenamtlichen Mitarbeiter etwas für Entlastung sorgen?
Gozzi:
Im Grunde sind wir ein Verein. Untertags haben wir berufliches Personal im Einsatz. In der Nacht und am Wochenende helfen ehrenamtliche Mitarbeiter, indem sie Dienste übernehmen. Da ging es uns aber ähnlich wie anderen Vereinen. Wenn das Vereinsleben stillsteht, hat dies massive Auswirkungen auf das Ehrenamt. Hinzu kamen auch bei den Ehrenamtlichen andere Herausforderungen der Pandemie. Viele unserer freiwilligen Helfer sind hauptberuflich in Gesundheitsberufen tätig und waren dort sehr gefordert, wodurch sie ihre Stundenanzahl bei ehrenamtlichen Diensten reduzieren mussten. Wenn ein Ehrenamtlicher im Monat statt vier Diensten nur noch zwei macht, dann ist das immer noch sehr wichtig für uns, weil die Stütze des Ehrenamtes auf keinen Fall wegbrechen darf. Auf der anderen Seite müssen wir dies dann aber natürlich mit beruflichem Personal kompensieren. Das belastet das gesamte System Rotes Kreuz. Daher ist es unser Ziel für 2022, das Ehrenamt zu stärken.

Das Problem, zu wenig freiwillige Helfer zu haben, haben viele Vereine. Wie wollen Sie das Ehrenamt stärken?
Gozzi:
Mit der Kampagne „Wir haben die passende Jacke für dich“ konnten wir bereits 2021 viele Interessierte für uns gewinnen. Nun setzen wir auf verschiedene Maßnahmen, um das Vereinsleben, so gut es eben in Zeiten einer Pandemie geht, aufrechtzuhalten. Schulungsabende mit Kleingruppen und Ausbildungen für die neuen Interessierten müssen angeboten werden. 2022 soll außerdem wieder eine Kampagne starten, um noch mehr Menschen für eine ehrenamtliche Tätigkeit zu begeistern.

Wie können Sie diese zusätzlichen Fahrten bewerkstelligen?
Gozzi:
Unsere Mitarbeiter haben ihre Urlaube extrem reduziert, und es gab auch Urlaubssperren in kritischen Zeiten. Wir sind eine Organisation, die immer zusammensteht. Unser Grundsatz „Aus Liebe zum Menschen“ wird gelebt, und wir sind für die Bevölkerung im Einsatz. Da sind viele Überstunden angefallen und viele Urlaube nicht konsumiert worden. Das ist jetzt eine große Herausforderung, weil die Mitarbeiter diese freien Tage, die ihnen zustehen, auch in Anspruch nehmen wollen.

Die Krankentransporte sind eine große Herausforderung für das Rote Kreuz. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Die Krankentransporte sind eine große Herausforderung für das Rote Kreuz. Klaus Hartinger

Gab es zuletzt eine Phase, in der die Kapazitätsgrenze erreicht war und das Rote Kreuz gewisse Diens­te nicht mehr anbieten konnte?
Gozzi:
Wir waren des Öfteren am Limit. Vor allem im Herbst, als die Inzidenzen so hoch waren. Bis dato konnten wir unsere Dienstleistungen aber immer aufrechterhalten. Bei vielen Transporten ist aber es wichtig, dass der Patient pünktlich zu einem Termin kommt, und da hatten wir das Problem, dass wir Patienten nach der Therapie nicht immer pünktlich abholen konnten und Wartezeiten entstanden sind. Da mussten wir nach Dringlichkeit priorisieren und hofften auf das Verständnis der Patienten. Wir waren völlig am Anschlag. Derzeit hat sich das relativiert, aber in einer fünften Welle könnte das durchaus wieder problematisch werden. Vor allem, wenn Omikron das bringt, was von den Experten vorausgesagt wird.

Inwiefern?
Gozzi:
Wenn bei uns Personal abgesondert wird, dann fehlt es einfach. Ich kann nicht einfach Taxifahrer hinter das Steuer eines Rettungsautos setzen und die Patienten transportieren lassen.

Janine Gozzi. <span class="copyright">RKV</span>
Janine Gozzi. RKV

Wie bereiten Sie sich auf ein solches Szenario vor? Gibt es einen Katastrophenplan im Falle einer extremen Omikron-Verbreitung?
Gozzi:
Es gibt einen Stufen- bzw. Eskalationsplan, der von null bis acht Schritten reicht. In der kritischen Infrastruktur, der Rettungs- und Feuerwehrleitstelle, sind Teambildungen vorgesehen. Das hat sich bei den vergangenen Wellen bewährt. Unsere Mitarbeiter tragen aber durchgehend FFP2-Masken und haben bis zu neun Meter Abstand zueinander. Damit können wir sicherstellen, dass wir in der kritischen Infrastruktur sicher sind. Im Rettungsdienst ist es nicht notwendig, weil die gesamten Mannschaften durchgehend Masken tragen. Im Stufenplan ist auch vorgesehen, dass in einem Worst-Case-Szenario Dienstleistungen zurückgeschraubt werden müssen.

Gibt es noch eine Personalbereitstellung durch das Rote Kreuz für Testzentren oder Impfstraßen?
Gozzi:
Nein, wir haben uns mit September des letzten Jahres komplett aus der Test- und Impfstraßen-Unterstützung beim Land Vorarlberg zurückgezogen. Das war notwendig, weil das Land Vorarlberg die Teststraßen neu ausgeschrieben hat, und die Impfstraßen werden vom Land selbst betrieben. Wir haben aber einen Aufruf an alle 2000 Mitarbeiter gemacht, dass sie freiwillig das Land in den Einrichtungen unterstützen können. Involviert als Rotes Kreuz sind wir aber nicht mehr.

Das Rote Kreuz hat sich aus den Teststraßen zurückgezogen.<span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
Das Rote Kreuz hat sich aus den Teststraßen zurückgezogen. Klaus Hartinger

Wie ist es um die Impfbereitschaft beim Roten Kreuz bestellt?
Gozzi:
Die Impfung erachten wir schon allein zum Schutz unserer Mitarbeiter und deren Angehörigen als wichtig. Wir hoffen sehr stark auf die Impfverordnung, denn wenn ein Gesetz da ist, dann wird es eine klare Vorgehensweise geben, wie im Falle von ungeimpften Mitarbeitern vorzugehen ist. Im beruflichen Bereich des Roten Kreuzes sind wir aber in der glücklichen Lage, dass 95 Prozent der Mitarbeiter geimpft sind. Bei den Zivildienern sind es zwischen 80 und 85 Prozent. Beim freiwilligen sozialen Jahr sind es fast 90 Prozent.

Haben Sie Verständnis für Menschen, die sich nicht impfen lassen und auf der Straße gegen eine Impfpflicht demonstrieren?
Gozzi:
Ich muss das trennen. Als Rotes Kreuz sind wir neutral und werden keine politischen Einstellungen vertreten. Daher möchte ich mich in meiner Funktion zu diesem Thema nicht äußern. Als Privatperson fehlt mir aber das Verständnis.

Zuletzt wurde vor den Krankenhäusern demonstriert und auch Mitarbeiter bedroht. Ihre Mitarbeitenden sind durch ihre Uniformierung klar als Gesundheitspersonal erkennbar. Gibt es Berichte über Anfeindungen?
Gozzi
: Nein, mir ist nicht bekannt, dass Mitarbeiter bedroht worden wären. Wir kommen aber auch nicht mit den Demonstranten vor den Krankenhäusern in Kontakt, weil wir eigene Einfahrten haben.