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Hat Hollywood genug von den Globes?

10.01.2022 • 19:52 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Globes ohne Staraufgebot: nach Skandalen ist die Vereinigung der Hollywood-Auslandspresse in der krise
Globes ohne Staraufgebot: nach Skandalen ist die Vereinigung der Hollywood-Auslandspresse in der krise AFP

Die Golden Globes sind schwer angeschlagen.

Kein roter Teppich, keine TV-Gala, kein Starrummel. Stattdessen wurden die Gewinnerinnen und Gewinner bloß abgelesen. Die Verleihung der 79. Golden Globes in der Nacht auf Montag war ungefähr so glamourös wie eine Wettervorschau. Wie sollte es auch anders sein, wenn alle Stars absagen? Und besser hätte man die Krise von Hollywoods einst wildester Gala auch gar nicht illustrieren können. Aber immerhin, die Ergebnisse waren so erwart- wie nachvollziehbar: Jane Campions „The Power of the Dog“ ist das beste Filmdrama, Steven Spielbergs „West Side Story“ das beste Musical, „Succession“ die beste Dramaserie.

Schauspiel-Globes gab es unter anderem für Will Smith und Nicole Kidman (alle Preise siehe hier). Der Ausgang der Preisverleihung ändert aber nichts daran, dass nach etlichen Skandalen die Zukunft der Globes selbst in Frage steht. Ein Jahr vor dem 80-Jahr-Jubiläum der 1943 gegründeten Hollywood Foreign Press Association HFPA ist nicht ganz klar, wie sich die die Vereinigung bis dahin von den Anschuldigungen erholen soll, die jüngst gegen sie erhoben wurden.

Dank Medien wie der Los Angeles Times und der New York Times ist nun etwa publik, dass dem bis dahin knapp 90 Mitglieder zählenden Verein der Auslandspresse in Hollywood bis 2021 zwar etliche Gelegenheitsjournalisten, Societyfiguren und Kleindarsteller angehörten, ernsthafte Filmjournalisten hingegen routinemäßig abgeschmettert werden. Für die größte Entrüstung aber sorgte die Enthüllung, dass bis zum Vorjahr kein einziger schwarzer Journalist der Vereinigung angehörte – eine Unterlassung, die mit Reformankündigungen, großzügigen Charity-Aktionen und der hastigen Aufnahme von 21 neuen, auch schwarzen Mitgliedern nicht so einfach wiedergutzumachen war: Superstar Tom Cruise etwa hat mittlerweile seine drei Globes zurückgeschickt. Die Botschaft ist deutlich: Wer auf Hollywoods A-Liste steht, hat es nicht nötig, sich von einem Häuflein Nebenerwerbskritiker ehren zu lassen, die nebst korrupt auch diversitätsträg, wenn nicht überhaupt rassistisch sind.

Andererseits: Jahrzehntelang waren die Seriositätsdefizite der Globes in der Traumfabrik überhaupt kein Thema. Für Studios und Stars ist jede Preisverleihung, egal ob ernstzunehmen oder nicht, eine gute Gelegenheit zur Produktanpreisung: Die Publicity, die Filme und Serien durch TV-Übertragungen und mittlerweile natürlich Social Media erfahren, ist viel wert. Nicht nur im übertragenen Sinne: 2020 wurde bekannt, dass die Produktionsfirma des Netflix-Hits „Emily in Paris“ mehr als ein Drittel der HFPA-Mitglieder zur Setbesichtigung an die Seine geflogen hatte. Fünfstern-Hotel etc. inklusive. Kurz darauf wurde die künstlerisch belanglose Serie zweifach globe-nominiert.

Man darf bestechen, aber sich nicht erwischen lassen

Dass Studios zu bestechen versuchen, ist in Hollywood keine große Story. Dass sie damit erfolgreich sein könnten, war dann doch skandalträchtig. Und dass die HFPA 2020 drei Millionen an Aufwandsentschädigungen und 1,3 Millionen Dollar Reisekosten an ihre Mitglieder ausgeschüttet hat, veranlasste dann die New York Times auch zu dem Schluss, die Mehrheit der HFPA-Aktiven lebe wohl von den Globes, und nicht vom Journalismus.

Fest steht jedenfalls: Die Kassen des Vereins sind gut gefüllt. Dem Sender NBC waren die Übertragungsrechte der Globes 2018 satte 60 Millionen Dollar wert. Wohl auch, weil die Globes immer verlässlich geliefert haben: die, wie Präsentator Ricky Gervais einmal anmerkte, „ein bisschen aufdringlichere, billigere, besoffenere, käuflichere“ Show unter den Hollywood-Galas hat, während die etwa die Oscars seit Jahren mit Publikumseinbrüchen kämpfen, verlässlich bis zu 20 Millionen Zuschauer.

Vielleicht ist also genau das die Rettung der Globes: NBC hat zwar heuer die Übertragung abgesagt. Aber mindestens genauso überzeugend wie Reformversprechen und Diversitätsausweitung werden wohl ein Millionenpublikum und entsprechende Werbeeinnahmen zum TV-Comeback und damit zur Rehabilitation der Globes beitragen. Den letztendlich liebt Hollywood den Auftritt am roten Teppich. Egal, wer ihn auslegt.