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Mutationen, die kein Grund zur Panik sind

10.01.2022 • 14:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
"Keine Supervariante": Andreas Bergthaler über "Deltakron
“Keine Supervariante”: Andreas Bergthaler über “Deltakron (c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

Aktuell geben Fachleute bei zwei Corona-Varianten Entwarnung.

Dass Viren mutieren, hat uns die Pandemie gelehrt. Dass dies natürlich ist und niemanden überraschen sollte, ebenso. Doch aufgrund der aufgeheizten Stimmung im dritten Jahr dieser Pandemie wird jede neue Mutation unter dem medialen Brennglas beleuchtet. Bei zwei solchen “neuen” Mutationen von Sars-CoV-2 haben Fachleute nun Entwarnung gegeben.

Deltakron

Beginnen wir mit “Deltakron”. Dabei soll es sich um die Kombination von Delta- und Omikron-Variante handeln, wie ein Team rund um den Mikrobiologen und Virologen Leondios Kostrikis bekannt gab. Demnach wurden in Zypern 25 Proben detektiert, Sequenzen auch an die internationale Datenbank “Gisaid” weitergeleitet worden. Dass sich Variantenstränge vermischen, ist durchaus möglich. Möglich ist aber auch, dass diese “Variante” die Folge von Verunreinigungen im Labor ist. Kostrikis hat diesen Vorwurf mittlerweile von sich gewiesen. Molekularbiologe Andreas Bergthaler zeigte sich in der “Zeit im Bild 2” am Sonntagabend wenig beeindruckt von der vermeintlichen neuen Variante. “Ich gehe davon aus, dass es sich dabei um ein Artefakt handelt und nicht um eine neue Supervariante.” Ähnlich bewerte “Deltakron” auch Virologe Florian Krammer in einem Facebook-Post.

Die Omikron-Mutationen, die hier in einem Zusammenhang mit Delta-Genomsequenzen beobachtet würden, beträfen alle einen DNA-Abschnitt, der bei Delta-Nachweisen oft sehr schwach ausfalle und daher sehr anfällig für Kontamination sei, erläuterte Richard Neher von der Universität Basel (Schweiz), führender Experte für Virusvarianten, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Und auch ein Mitglied des griechischen Krisenstabes für die Corona-Pandemie, Gikas Magiorkinis, erklärte, dass Kostrikis’ Schlüsse falsch seien. “Erste Analysen zeigen, dass es sich um einen technischen Fehler des Labors handelt”, twitterte der Epidemiologe.

Wichtig zu wissen ist, dass internationale Organisationen wie die WHO, aber auch nationale Forschungseinrichtungen die Variantenbildung von Sars-CoV-2 genau überwachen. Erinnern wir uns zurück, als Omikron entdeckt wurde – anhand einer zweistelligen Anzahl von Fällen. Binnen Tagen hat die internationale Wissenschaftscommunity dann auf diese neue Variante reagiert.

B.1.640.2

Als “neue Variante” wurde in der vergangenen Woche auch über B.1.640.2 berichtet. In der Tat ist diese Variante aber schon einige Wochen bzw. Monate lang bekannt. Französische Forscher um Didier Raoult vom Institut IHU Méditerranée Infection hatten die neue Variante bei zwölf Patienten im Südosten Frankreichs nachgewiesen, wie das Team Ende Dezember in einem sogenannten Preprint-Paper schrieb. Der Patient, der in Frankreich wohl zuerst infiziert war, sei von einer Reise aus Kamerun zurückgekommen. Die Studie wurde bisher nicht von Fachleuten begutachtet und in einem Fachjournal veröffentlicht.

Doch durchgesetzt hat sich B.1.640.2 bislang nicht. Es bestehe auch kein Grund, wegen dieser Variante besorgt zu sein, ist auch Neher überzeugt. B.1.640.2 hat einige Mutationen im sogenannten Spike-Protein, die Experten bereits von der besonders ansteckenden Omikron-Variante kennen, wie Raoult und sein Team schreiben. Das Spike-Protein ist bei der Beurteilung von Varianten von besonderer Bedeutung, weil das Virus damit an menschliche Zellen bindet und auch, weil Impfstoffe auf dieses Protein ausgerichtet sind. Mutationen am Spike-Protein können zu einer schnelleren Ausbreitung des Virus führen. Zudem ist es möglich, dass Impfstoffe ihre Wirkung verlieren.

Varianten-Einstufung

Die WHO unterscheidet bei potenziell gefährlichen Corona-Varianten drei Kategorien:

  1. besorgniserregende Varianten
  2. Varianten von Interesse
  3. Varianten unter Beobachtung.

B.1.640 ist in Kategorie 3, ebenso wie zwei weitere Varianten, Omikron in Kategorie 1. Insgesamt 17 Varianten, die die WHO seit Beginn der Pandemie beobachtet hat, haben sich als kurzlebig oder wenig bedrohlich erwiesen und stehen nicht mehr unter besonderer Beobachtung.

Allerdings scheine sich B.1.640.2 bisher nicht stark auszubreiten, meint der Basler Experte Neher. Sie sei “damit “eine unter vielen”, die sich gegen Omikron und Delta zumindest bisher nicht durchsetzt”. B.1.640.2 gehört zu einer Art Varianten-Familie, die seit November auf dem Radar der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist. Darauf verwies WHO-Epidemiologe Abdi Mahamud in Genf.

B.1.640 wurde nach WHO-Angaben zuerst im September aus der Demokratischen Republik Kongo gemeldet und im November unter Beobachtung genommen, habe sich seitdem nach den vorliegenden Daten aber nicht erheblich ausgebreitet, sagte Mahamud. “Wir werden sie im Auge behalten.”