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Lisa Gasser und die Kraft kalten Wassers

15.01.2022 • 18:19 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Gesundheitsmanagerin Lisa Gasser (36) stürzt sich regelmäßig in Gewässer um den Gefrierpunkt und weiß was dabei zu beachten ist. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Gesundheitsmanagerin Lisa Gasser (36) stürzt sich regelmäßig in Gewässer um den Gefrierpunkt und weiß was dabei zu beachten ist. Klaus Hartinger

Eisgekühltes Bad verspricht starkes Immunsystem und mentale Fitness.

Knapp unter null zeigt das grasgrüne Thermometer an. Lisa Gasser hält den Temperaturmesser in die Bregenzerach und checkt die Lage. Immerhin wärmer als draußen: Die Lufttemperatur beträgt minus vier Grad Celsius. „Optimale Bedingungen für ein Eisbad“, beurteilt die 36-Jährige fröhlich die Gegebenheiten an jenem Mittwochmittag im Bregenzerwald.

Sie hüpft von Stein zu Stein zurück ans Ufer, zieht Handtücher sowie eine Thermoskanne aus ihrem Rucksack und be­ginnt sich ihrer Winterklamotten zu entledigen. Optimale Bedingungen für ein Eisbad – wohl ein dehnbarer Begriff in dieser Situation. Für die meisten Menschen sind das eher optimale Bedingungen, um sämtliche Kleidung, die der Schrank hergibt, wie Zwiebelschalen übereinander an- und keinesfalls abzulegen. Vom Bad in einem Naturgewässer mal abgesehen.

Knapp unter Null Grad hat derzeit die Bregenzer Ach. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Knapp unter Null Grad hat derzeit die Bregenzer Ach. Klaus Hartinger

Bis zur auserkorenen Badebucht waren es circa 15 Minuten Fußmarsch durch den kniehohen Schnee. Die Bregenzerach macht an dieser Stelle eine Biegung und läuft zu einem Pool auf. „Ich möchte ja komplett hinein und nicht nur den Bauch nassmachen“, scherzt Gasser. Bauch nassmachen – das ist hier wohl den meisten schon im Sommer zu kalt.

Keine Hektik, kein Zittern

Gasser bindet ihre Haare zu einem Knoten am Oberkopf zusammen, zieht sich ein Stirnband über die Ohren und schlüpft in Neopren-Füßlinge. Gelassen tänzelt die junge Frau über die Steine gen Wasser. Keine Hektik, kein Zittern ist zu erkennen. Sie lächelt. Kiefer und Stirn sind entspannt. Die Füße bereits im Wasser, schreitet sie mit den Händen vor der Brust weiter voran. Das Wasser steigt bis zu den Knien, bis zur Hüfte, bis knapp unter die Schultern.
Eigentlich erinnert alles an einen heißen Sommertag. Doch die schneebedeckte Landschaft und die langen Schatten der haushohen Bäume schaffen eine skurrile Szenerie.

Abtrockne-Procedere und Anziehen muss schnell gehen, da wäre ein Badeanzug nur im Weg.<span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
Abtrockne-Procedere und Anziehen muss schnell gehen, da wäre ein Badeanzug nur im Weg. Klaus Hartinger

Und dann ergibt plötzlich alles ein harmonisches Bild. Die tiefstehende Wintersonne bahnt sich ihren Weg durchs verschneite Geäst und taucht den Flussabschnitt in wohliges Licht. Dampf steigt aus dem Wasser auf. Gassers Kopf ist Richtung Sonne gerichtet, die Augen geschlossen. In ihrem Gesicht spiegelt sich das Wasser. „In diesem Moment konzentriere ich mich nur auf das Atmen. Mein Kopf ist völlig leer“, sagt sie später. Ein Zustand, der im Alltag nur höchst selten vorkommt.

Wachsender Trend

In Skandinavien längst verbreitet, hat sich Eisbaden mittlerweile auch in hiesigen Gefilden zu einem regelrechten Trend entwickelt. Bei eisigen Temperaturen ins Wasser zu gehen, scheint gerade in Zeiten des Lockdowns eine Art Medizin geworden zu sein. Es ist allgemein bekannt, dass Eisbaden „gut fürs Immunsystem“ ist. Doch die Konfrontation von Körper und extrem niedrigen Temperaturen kann weit mehr. Endorphin- und Adrenalinausschüttung haben laut Studien auch einen positiven Effekt auf die Psyche und das Gemüt.

Lisa Gasser: „Der Körper regeneriert besser in der Kälte als in der Wärme. Einige Therapeuten arbeiten daher mit Kältekammern“. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Lisa Gasser: „Der Körper regeneriert besser in der Kälte als in der Wärme. Einige Therapeuten arbeiten daher mit Kältekammern“. Klaus Hartinger

Gasser ist selbstständige Gesundheitsmanagerin und war immer schon ein Wasser- und Kältekind, erzählt sie. Die Oma brachte ihr bei, dass es gesund ist, sich mit Schnee abzureiben. Das Eisbaden fing als Gaudi an und wurde zur Regelmäßigkeit, als sie vor gut zwei Jahren nach Lingenau zog.

Stoffwechsel plötzlich wieder normal

Durch die Pandemie war die Selbstständige mit Existenzängsten konfrontiert und stellte fest, dass sie das Eisbaden mental stärker machte. „Es fehlte mir, wenn ich nicht ging“, stellt sie fest. Die 36-Jährige hat eine Autoimmunerkrankung, ihr Körper produziert zu wenig Hormone. Durch das Bad in der Kälte funktioniert ihr Stoffwechsel plötzlich wieder normal, sagt sie. Entzündungs- und Blutwerte seien gravierend besser. Auch die Anfälligkeit für Blasenentzündungen sei verschwunden, Verkühlungen Fehlanzeige.

Stets gut vorbereitet. Immer dabei: 2 Handtücher, Neopren-Füßlinge, Wollsocken, heißes Wasser und ein Poncho. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Stets gut vorbereitet. Immer dabei: 2 Handtücher, Neopren-Füßlinge, Wollsocken, heißes Wasser und ein Poncho. Klaus Hartinger

Die Grundregeln

Generell setzt das Eisbaden Grundregeln voraus. Zum einen: Gehe nie alleine. Zum anderen: Bereite dich gründlich vor. Und: Sei vorher aufgewärmt. „Wer nicht so erfahren ist, könnte anfangs Kreislaufprobleme bekommen. Ohnmächtig in der Kälte liegen, ist schlecht“, gibt Gasser zu bedenken.

Beim Eintauchen ins Eiswasser versucht der Körper die Kerntemperatur im Rumpf aufrechtzuerhalten und schränkt dazu die Durchblutung in den Extremitäten ein. Hände und Kopf taucht Gasser daher nicht ins Wasser, denn die verlieren schnell an Wärme. Die Neopren-Füßlinge trägt sie, weil sie warmhalten und sicheren Halt geben. „Die Kälte verlangsamt jegliche Bewegung und Reaktion. Wer stolpert, kann sich verletzen oder mit dem Kopf unter Wasser kommen“, warnt Gasser. Die gefüllte Thermoskanne erfüllt den Zweck einer schnell verfügbaren Wärmequelle. Um warmes Wasser über Kopf, Hände oder Füße zu leeren.

Langsam anfangen ist ratsam. Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten das Vorhaben mit ihrem Arzt absprechen. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Langsam anfangen ist ratsam. Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten das Vorhaben mit ihrem Arzt absprechen. Klaus Hartinger

Kann das jeder?

„Menschen mit Herz-Kreislauferkrankungen sollten ein derartiges Vorhaben mit dem Arzt besprechen“, betont sie. Für jeden gilt: Hat man das Gefühl, dass der Kreislauf kippt oder das Herz stolpert, raus aus dem Wasser.


Gasser ist trainiert und inzwischen ein Eisbade-Profi. Sie bleibt zwischen fünf und sechs Minuten in den eisigen Fluten. „Irgendwann“, so sagt sie, „setzt ein Wärmegefühl ein, als würde man von einer warmen Quelle umströmt“. Anfangs war es auch bei ihr ein rein und wieder raus. Mittlerweile stürzt sich Gasser täglich in dieses eisige Mikro­abenteuer. Manchmal macht sie mehrere Durchgänge. Wenn es recht windig ist, setzt sie jedoch aus. „Wind verstärkt das Kälteempfinden extrem. Das merkt man selbst im Sommer schon.“ Eine Erkältung riskieren, das muss nicht sein.

<span class="copyright">Klaus Hartinger</span>Raus aus dem Wasser und schnellsmöglich abtrocken und anziehen.
Klaus HartingerRaus aus dem Wasser und schnellsmöglich abtrocken und anziehen.

Körpereigenes Kraftwerk

Als die Lingenauerin aus der Ach steigt, ist ihre Haut gerötet und dampft in der Sonne. Jetzt muss es schnell gehen, und die gründliche Vorbereitung kommt ihr zugute. Ein Handtuch zum Draufstehen, eines zum Abtrocknen. Wollsocken, warme Hosen und Pulli liegen parat. Darüber ein Poncho mit Kapuze, der ist praktisch, man ist schnell und warm angezogen. Gasser fühlt sich großartig, erholt, erfrischt, regeneriert. Sie packt zusammen. Das am Boden festgefrorene Handtuch ist einmal mehr bezeichnend für die vorherrschende Eiseskälte.

Klaus Hartinger
Klaus Hartinger


Auf dem Retour-Fußmarsch setzt sich dann ein Prozess im Organismus der 36-Jährigen in Gang. Das körpereigene Kraftwerk wird angeworfen und heizt Gasser richtig ein. Wer einmal barfuß durch den Schnee gelaufen ist, kennt das Gefühl. „Ja, es gibt Menschen, die kälteempfindlich sind. Oder Kälte schlicht nicht mögen. Aber es muss ja nicht gleich die null Grad kalte Ach sein. Einfach mal den Duschhahn für eine Minute auf kalt drehen“, lautet ihr Tipp. Klingt nach einem Plan. Und Atmen nicht vergessen!

Eisbaden: Was bewirkt es?

Eisbaden ist gesund und hat einen positiven Effekt auf das körperliche wie seelische Wohlbefinden. Der Körper reagiert auf extrem niedrige Temperaturen indem er Stoffe wie Adrenalin, Endorphine sowie entzündungshemmende Kortikoide ausschüttet. Auch die Bildung von braunen Fettzellen kann angeregt werden. Im Gegensatz zum unliebsamen weißen Fettgewebe, das Energie speichert, erhöht braunes Fettgewebe den Energieumsatz und ist an der Regulierung der Körpertemperatur beteiligt.

Quelle: Cold Water Swimming—Benefits and Risks: A Narrative Review, Universität Zürich, 2020.

Mehr Infos zum Eisbaden oder Kontakt unter www.kraftwerk-dornbirn.at

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