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Wie das IfS mit Gewalttätern umgeht

15.01.2022 • 21:36 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Leitet seit drei Jahren die ifs-Gewaltberatung: Mario Enzinger.                                     <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Leitet seit drei Jahren die ifs-Gewaltberatung: Mario Enzinger. Klaus Hartinger

Mario Enzinger, Leiter der ifs-Beratungsstelle für Gewaltprävention, berät weggewiesene Gewalttäter.

Im Rahmen eines Gewaltschutzpakets wurde vom Bund auch eine Beratungspflicht für Gewalttäter eingeführt, die seit September gilt. In Vorarlberg ist die ifs-Beratungsstelle für Gewaltprävention, die Sie leiten, dafür zuständig. Wie viele Menschen sind seither gekommen?
Mario Enzinger: Seit 1. September gilt diese verpflichtende Täterberatung nach Betretungsverboten. Wir haben bis zum 31. Dezember die Daten von 137 Gefährdern und Gefährderinnen zugewiesen bekommen.

Das sind aber viel, oder?
Enzinger: Ja, es sind genügend. Das ist keine geringe Anzahl.

Wie viele davon waren Frauen?
Enzinger: Ungefähr 90 Prozent sind Männer und zehn Prozent sind Frauen. Altersmäßig dürfte das Gros der Klientel zwischen 30 und Mitte 40 sein.

Was tun Sie mit den Menschen?
Enzinger: Zunächst bespricht man mit ihnen den Rahmen. Was erwartet sie, was kommt auf sie zu. Man schaut auch, wie es den Menschen gerade geht: Ist eine Krisenberatung notwendig, eine psychische Stabilisierung? Was braucht es an sozialarbeiterischer Unterstützung? Dann geht es darum, wie sie in die Situation gekommen sind, welche Verantwortung sie haben.

Können Sie das genauer erklären?
Enzinger: Dabei geht es darum, dass sie die Verantwortung übernehmen. Es erfolgt eine Form von Tatrekonstruktion, was ist da geschehen? Der Fokus liegt dabei immer auch auf dem Gefährder, der Gefährderin. Was haben sie getan, was haben sie gedacht, wie haben sie gehandelt – mit dem Ziel, die Menschen in Verantwortung zu bringen. Dann werden Notfallpläne erstellt. Es geht aber auch um Opferempathie, Eskalations- und Deeskalationsstrategien.

Zur Person

Mario Enzinger

Geboren 1982 in Feldkirch.

Studium der Erziehungswissenschaften an der Universität Innsbruck. Vertiefende Ausbildungen im Bereich der Täterarbeit.

Eine Zeitlang in der Privatwirtschaft tätig.

Seit 2012 beim Institut für Sozialdienste (ifs) in der Gewaltberatung. Seit 2019 Leiter der ifs-Gewaltberatung und der Beratungsstelle für Gewaltprävention.

In welcher Verfassung sind die Menschen, wenn sie zu Ihnen kommen?
Enzinger: Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt Menschen, die kommen sehr krisenhaft. Dann gibt es solche, die mit sehr viel Widerstand kommen und sich als Opfer der Umstände sehen oder als unschuldig beschuldigt. Es gibt aber auch die, die schnell bereit sind, Verantwortung zu übernehmen für das, was sie getan haben.

Unter den Weggewiesenen gibt es auch Jugendliche. Ist da der Zugang anders als bei Erwachsenen?
Enzinger: Wir versuchen unser Angebot an die psychische Verfassung und den Entwicklungsstand unserer Klienten anzupassen. Das heißt, was bringt dieser Mensch mit und was müssen wir jetzt tun, damit wir ihn erreichen können? Bei Jugendlichen verwenden wir vielleicht mitunter eine andere Sprache. Wir versuchen, das Setting so zu gestalten, dass er bei uns ankommen kann. Die Inhalte sind aber in der Regel dieselben.

Wie einsichtig sind die Täter eigentlich?
Enzinger: Das ist schwierig pauschal zu beantworten. Was wir aber feststellen konnten, ist, dass das Angebot aus unserer Sicht sehr gut angenommen wird. Dass sich die Gefährder auf die Gespräche einlassen können und auch eine Bereitschaft zur Mitarbeit zeigen. Das merken wir auch an den Zahlen. Über 30 Prozent der Gefährder konnten nach den vorgeschriebenen sechs Stunden zu weiteren freiwilligen Beratungsstunden motiviert werden. Das ist eine sehr gute Zahl. Die Kernaufgabe der sechs Stunden ist das Gewinnen von Einsicht. Wichtig ist auch das Problematisieren des Ganzen.

Das heißt?
Enzinger: Dass sie verstehen, dass sie da etwas getan haben, das Schwierigkeiten und Leid verursacht – für ihr Umfeld und für sie selber. Damit eine innere Motivation zur Veränderung entstehen kann.

"Das Angebot wird sehr gut angenommen".         <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
"Das Angebot wird sehr gut angenommen". Klaus Hartinger

Was tun Sie mit denjenigen, bei denen Sie merken, dass sie nur kommen, um keine Strafe zu zahlen?
Enzinger: Da erfolgt eine Rückmeldung an die Polizeiabteilungen. Wir sind verpflichtet, aus drei Gründen eine Rückmeldung zu geben: Das eine wäre das Verpassen der Fünf-Tage-Frist, innerhalb der sich der Gefährder nach Aussprechen des Betretungsverbots selbstständig bei der Beratungsstelle melden muss. Das nächste wäre, wenn er die 14-Tage-Frist verpasst, innerhalb der er ein Erstgespräch wahrnehmen muss. Der dritte Meldegrund wäre keine aktive Teilnahme.

Was fällt da darunter?
Enzinger: Eben, wenn wir feststellen, da kommt jetzt jemand, der ist nicht bereit, mitzuarbeiten. Oder er kommt in einem Zustand, in dem das gar nicht möglich ist, sprich alkoholisiert oder anders beeinträchtigt. Dann wird das mit diesem Menschen besprochen. Wenn er sein Verhalten ändert, können wir weiterarbeiten, und sonst folgt die Rückmeldung „keine aktive Teilnahme“. Das hat wiederum eine Verwaltungsstrafe zur Folge. Der Strafrahmen beträgt dabei maximal 2500 Euro und im Wiederholungsfall bis zu 5000 Euro.

Mario Enzinger ist studierter Erziehungswissenschafter.                                        <span class="copyright">Klaus Hartinger </span>
Mario Enzinger ist studierter Erziehungswissenschafter. Klaus Hartinger

Was tun Sie, wenn Sie merken, dass das Gefährdungspotenzial nach wie vor groß ist?
Enzinger: Wir versuchen, uns in den sechs Stunden ein Bild von den Risikofaktoren zu machen. Wenn wir ein erhöhtes Risiko feststellen, kommen verschiedene Mechanismen in Gang: ein Vieraugen-Prinzip, ein Gespräch mit dem Gefährder, wo er sich unserer Einschätzung nach befindet, und wir arbeiten nach Opferschutz-orientierten Kriterien.

Das heißt?
Enzinger: Bekommen wir die Entbindung vom Gefährder und die Gewaltschutzstelle die Entbindung vom Opfer, dann können wir in einen Austausch treten. Der Datenschutz lässt es leider anders nicht zu. Das bedeutet, dass, wenn es möglich ist, wir uns mit der Gewaltschutzstelle über die Risikofaktoren austauschen und gemeinsam die Sicherheitspläne anpassen. Erstaunlicherweise lehnt kaum ein Klient die Entbindung ab. In der Regel haben sie ein Interesse daran, wieder in Kontakt zu treten, und möchten vielleicht auch das Bild, das sie da abgegeben haben, revidieren. Kommen wir aber in eine Gefahr-in-Verzug-Situation, dann ist natürlich auch die Schweigepflicht hinfällig. Ansonsten haben wir davor aber noch Möglichkeiten.

"Bei Gefahr in Verzug ist die Schweigepflicht hinfällig."     <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
"Bei Gefahr in Verzug ist die Schweigepflicht hinfällig." Klaus Hartinger

Was sind das für Situationen, in denen es zu Wegweisungen kommt? Gibt es da ein Muster?
Enzinger: In der Regel handelt es sich um Partnerschaftsgewalt, also Konflikte und Übergriffe auf Paarebene – vereinzelt auch zwischen Eltern und Kindern. Von den Menschen her ist es ein Querschnitt der gesamten Bevölkerung: Vom Arbeitslosen bis zum Unternehmer kommt alles. Auch vom Alter her, Jugendliche und manchmal auch sehr betagte Menschen sind von einer Wegweisung betroffen.

Vorgeschrieben sind ja sechs Beratungsstunden. Reichen die?
Enzinger: In sechs Stunden eine nachhaltige Verhaltensänderung zu erzielen, ist kaum möglich. Man kann unter anderem einen Notfallplan erstellen, für den Fall, dass der Gefährder wieder in eine ähnliche Situation kommen sollte. In der Regel geht es in den sechs Stunden aber darum, Impulse zu setzen und zu motivieren. Dem Menschen versuchen, klar darzulegen, wo er sich gerade befindet und was er da sich und anderen zumutet.

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