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Kinder an die Macht. Nicht.

16.01.2022 • 16:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Kopfkino von Heidi Salmhofer <span style="color: rgba(111, 111, 111, var(--text-opacity)); font-size: 0.75rem; text-transform: uppercase;"><span class="copyright">NEUE</span></span>
Kopfkino von Heidi Salmhofer NEUE

Heidi Salmhofer mit Ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE am Sonntag.

Grönemeyers Liedertext „Kinder an die Macht“ hat mich selbst als Kind zumindest eine Augenbraue skeptisch hochziehen lassen. Da wird etwa gesungen: „Gebt den Kindern das Kommando. Sie berechnen nicht, was sie tun“ – schon da frage ich mich, mit welchen Kids genau Herr Grönemeyer so seine Zeit verbracht hat, und spätes­tens seit „Herr der Fliegen“ sollten wir wissen, das verklärte Bild des unschuldigen Kindleins gehört ins Märchenbuch. Und so weit wie in diesem Roman müssen wir gar nicht gehen. Unsere Straßen wären voll von achtlos hingeworfen Schulranzen, der Klimawandel wäre aufgrund von permanent offenen Kühlschränken nicht mehr aufzuhalten, und im Straßenverkehr wäre das totale Chaos, weil jede und jeder schmollt, weil die Vorrangregeln toootaaaal unfair und gemein sind. Ich frage mich auch, welche Regierung hätten wir, gesetzt den Fall, dass nur Kinder wählen dürften. Wer würde gewinnen? Die Kids mit dem coolsten Move und Augenaufschlag. Seien wir mal ehrlich. Eine Klassensprecherwahl hat doch in den allerseltensten Fällen jemand gewonnen, der sich wirklich für die Interessen der Klassengemeinschaft eingesetzt hat, sondern der- oder diejenige, der am frechsten oder am witzigsten war oder zumindest die geilsten Sneakers angehabt hat. Noch dazu hätten wir zwei Zeitrechnungen. Jene der unter Zehnjährigen: Hier beginnt das Leben circa 5 Uhr morgens. Dann beherrschen die „Toddlers“ also die Welt. In der zweiten Tageshälfte (oder sagen wir ab 17 Uhr) übernehmen dann die Teens die Führung: vormittags verpflichtendes Schaukeln und Schokolade essen, täglich bis zum Übergeben. Nachmittags möglichst im Bett lümmeln und dann versuchen, die Welt in einem Haufen aus Kleidung, Chipstüten und Redbulldosen zu begraben. Regeln und Erfahrungen in und rund um eine Gesellschaft, das alles macht uns doch erst zu reflektierten und gemeinschaftstauglichen Wesen. Und schon wieder runzle ich die Stirn und ziehe eine Augenbraue hoch. Wie weit sind wir als Erwachsene davon entfernt, ganz ehrlich? Wir brauchen Regeln, damit wir verstehen, dass andere nicht mit Zigarettenqualm eingeraucht werden wollen, oder damit wir nicht gemeingefährlich mit 100 Sachen durch eine Wohnstraße fahren. Wir brauchen Schilder, die uns sagen, bitte verschont hier die Umwelt und werft keinen Müll weg, und wir neigen immer wieder dazu, einfach die geilste Type mit der fesches­ten Krawatte zu wählen. Wir können das Kind in uns nicht leugnen. Sollten wir auch nicht. Es wäre aber wirklich besser, wir würden es dann zum Vorschein kommen lassen, wenn wir vor einer Schaukel stehen, und nicht dann, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen, die etwas über unsern eigenen Egoismus hinausblicken sollten. Und jetzt bin ich kindisch, hol mir ein Dreh-und-trink und setz mich auf eine Rutsche.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in ­Hohenems.