Allgemein

Wo die Impfgegner schon früher falsch lagen

21.01.2022 • 19:54 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die Angst vor der Spritze ist nicht neu.     <span class="copyright">ÖNB/Wiener Bilder 1900</span>
Die Angst vor der Spritze ist nicht neu. ÖNB/Wiener Bilder 1900

Die aktuelle Debatte um Impfung und Impfpflicht erfolgt mit Argumenten, die es schon in der Vergangenheit gab.

Krankheitsausbrüche zwangen die Politik in den 1880ern zum Handeln. Der Druck auf die Bevölkerung, sich gegen die Pocken impfen zu lassen, wurde erhöht. 1885 wurde in der Armee eine verpflichtende Auffrischungs­impfung eingeführt. Selbst der Wiener Bürgermeister Karl Lue­ger, der ansonsten mit antisemitischen Parolen für Aufsehen sorgte, setzte sich öffentlich für die Immunisierung ein.

In den Jahren davor hatten die Pocken vor allem in Tirol und Vorarlberg gewütet, wo die katholische Landbevölkerung seit jeher der Schutzimpfung gegenüber kritisch eingestellt war. Das änderte sich auch nach etlichen Jahrzehnten der erfolgreichen Anwendung und vermeidbarer Todesfälle bei Un­geimpften nicht.

König, der Impfgegner

Der Arzt und Gastwirt Michael König aus Andelsbuch gehörte zu den Wortführern der Vorarlberger Impfgegner. Er schrieb regelmäßig Einsendungen an das katholische „Vorarlberger Volksblatt“, die dort auch veröffentlicht wurden. Seine Leserbriefe wiesen erstaunlich viele Ähnlichkeiten mit Zuschriften auf, wie sie auch heutzutage in den Redaktionen eintrudeln,

Er halte es für seine Pflicht, so König in einer seiner Eingaben aus dem Jahr 1885, gegen die Impfung, deren Schutzkraft „nicht existiert, nicht erwiesen ist, deren Schaden aber schon in tausend Fällen zu Tage gekommen, zu reden und zu schreiben.“ Man solle sich doch erst richtig informieren und die Zeitschrift „Der Impfgegner“ bestellen, in der alle guten Gründe gegen die Impfung zu finden wären.

König ging auch wortreich auf seine Kritiker los, „die mit Wissenschaft herumwerfen, eine wissenschaftliche Widerlegung der Impfung, die bekanntlich auf keinem wissenschaftlichen Grunde basiert, verlangen und die andere Leute zur christlichen Demuth aufzufordern pflegen.“

Angebliche Experten

Man solle auch nicht vergessen, dass „viele bedeutende Ärzte, Professoren und Männer der Wissenschaft Impf- und Impfzwanggegner waren und sind“. In Andelsbuch habe es Impfschäden gegeben, wie an vielen anderen Orten auch. Mit der Impfung werde unter anderem die Syphilis übertragen, hieß es in einer anderen Zusendung Königs, die eine 1865 gehaltene Rede des impfgegnerischen Arztes und Abgeordneten Franz Moritz Roser zum Inhalt hatte.
Die Kinderimpfung sei „ein Verbrechen am Volkskörper“, hieß es darin. In England wären seit der Einführung mehr Kinder gestorben als vorher. Der „Impfzwang“ für Kinder sei daher abzulehnen: „Er verletzt die persönliche Freiheit, er verletzt die Rechte der Eltern.“

Die Wiederveröffentlichung des damals schon zwanzig Jahre alten Vortrages rief wiederum die Impfbefürworter auf den Plan. Die Publikation durch den „übereifrigen Impfreformator in Andelsbuch“, so schrieb ein Kritiker Königs im „Volksblatt“ ebenfalls 1885, habe ihren Zweck verfehlt. Auch dass König jüngst auf einen anderen „obskuren Arzt“ und seine Pamphlete verwiesen habe werde nicht helfen.
„Was hat sich in allen Blatternepidemien in den letzten Jahren in unserem Lande erwiesen? Sind nicht immer 4/5 Ungeimpfte in den Todtenlisten gestanden!“

Das Besondere im Sonderbaren

Von 1882 an hatte in Vorarlberg die letzte Pockenepidemie gewütet. König und seine Mitstreiter machten für die nach einer Impfkampagne aufgetretenen Krankheiten und Beschwerden die Pockenimpfung verantwortlich. Wer sich impfen lässt und danach Beschwerden hat, sucht die Ursache mitunter auch heute noch in der Impfung.

Jede Entzündung, jeder Herzinfarkt und jeder Todesfall ist tragisch, kommt aber mit einer gewissen statistischen Wahrscheinlichkeit vor und muss nicht zwangsläufig mit anderen Behandlungen zusammenhängen. Das zu glauben fällt nicht nur heute noch vielen schwer, sondern bildete bereits im vorvorigen Jahrhundert die Basis für Angriffe gegen die Pockenimpfung.

Vorwurf der Fälschung

Mit statistischen Wahrscheinlichkeiten brauchte man auch dem Andelsbucher Impfverweigerer von 1885 jedoch nicht zu kommen:
„Es schreibt einer das auf, was in seinen Kram taugt, führt die Fälle an, die für seine Sache güns­tig sind und verschweigt das, was ihr ungünstig oder entgegen ist, so daß man eine solche Statistik mit Recht ein Lügen- und Vertuschungswerk heißen kann“, so König in einem seiner Leserbriefe.

Die bestechende Aktualität der damaligen Argumentation geht aber noch über den Vorwurf der vertuschten Impffolgen, der Berufung auf angebliche Experten und die Behauptung gefälschter Gesundheitsdaten hinaus: In jener Rede Rosers, die König dem „Volksblatt“ schickte, wurde die Wirksamkeit der Pockenimpfung ganz grundsätzlich bestritten. Diese erfolgte durch die Ansteckung mit Kuhpocken, die dann eine vergleichsweise milde Erkrankung hervorriefen, welche wiederum gegen die echten Pocken immunisierte.

„Kuhpocken und Menschenblattern sind etwas ganz Verschiedenes“, so der Impfskeptiker Roser. Außerdem sei zunächst behauptet worden, eine Impfung schütze für das ganze Leben, nun würden Auffrischungsimpfungen nach sieben oder zehn Jahren gefordert, brachte er weiters vor. Schließlich hielt er die Impfung auch noch für verfassungswidrig. Sie verstoße gegen die Staatsgrundgesetze, so der Abgeordnete.

Der Impfgegnerverein

Michael König rief seine Anhänger schließlich dazu auf, einen Impfgegnerverein zu gründen. Selbst wollte er sich die Arbeit aber kaum antun. Man möge sich bei ihm melden und gleichzeitig mitteilen, wo der Verein sich treffen könnte, so der Gastwirt.

Sollte der Verein je gegründet worden sein, dürfte er keine bleibende Wirkung entfaltet haben, auch wenn König durchaus unterstützende Rückmeldungen anderer Einsender in den Tageszeitungen erhielt.

Die Befürworter der Impfung wussten bereits im 19. Jahrhundert, dass manche Gegner mit rationalen Argumenten wie der deutlich niedrigeren Sterberate bei den Geimpften nicht mehr zu erreichen sind: „Wem diese nun einmal nicht wegzuleugnende Thatsache nicht genügt, den Werth der Schreibereien zur Impffrage aus Andelsbuch zu beurtheilen, für den ist jedes weitere Wort umsonst, und er mag getrost dem zu gründenden ‚Impfzwanggegnerverein‘ beitreten – solche Leute gehören in den Verein!“

Die Pocken traten in Vorarlberg und Tirol zuletzt gehäuft 1885 auf, seit 1979 gelten sie als ausgerottet – dank der Impfung.