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Als Bregenz es den Wienern gezeigt hat

22.01.2022 • 23:01 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
SW Bregenz im Jahr 1967: v.l.n.r.: hockend: Prantl, Koretic, Antrich, Szabo, Rafreider, stehend: Fleischhacker, Winsauer, Kulovic. Wirth, Metzler, Schrottenbaum. <span class="copyright">Stadtarchiv Bregenz/Oskar Spang</span>
SW Bregenz im Jahr 1967: v.l.n.r.: hockend: Prantl, Koretic, Antrich, Szabo, Rafreider, stehend: Fleischhacker, Winsauer, Kulovic. Wirth, Metzler, Schrottenbaum. Stadtarchiv Bregenz/Oskar Spang

Ein Spiel, das an einen Länderkampf Vorarlberg gegen Wien erinnerte – mit gutem Ende für den Westen.

Vor 19.859 Tagen wurde im Bregenzer Bodenseestadion Vorarlberger Fußballgeschichte geschrieben. SW Bregenz besiegte am 10. September 1967 den amtierenden Meister Rapid Wien vor 6000 Zuschauern mit 3:1 – ein Spiel, an das sich viele gerne zurückerinnen. Denn Sie, die Leser der NEUE am Sonntag, haben diese Begegnung auf Rang vier der Sternstunden des Vorarlberger Fußballs gewählt.
Und das vollig zu recht, hatte das Duell Bregenz gegen Rapid doch etliche Facetten, die es auch heute noch interessant machen – es gab eine große Rivaltiät West gegen Ost, es gab Wetterkapriolen, frühe Auswechslungen, Diskussionen um die Trikots und nicht zuletzt einen hochverdienten Sieger, mit dem niemand gerechnet hatte. Doch der Reihe nach.

Alge und die Pfiffe in Wien

Vier vor dem Duell im Bodenseestadion traf das österreichische Nationalteam in Wien in einem Freundschaftsspiel auf den Nachbarn Ungarn. Der Lustenauer Erwin Alge war neun Monate zuvor nach internen Querelen Bundeskapitän geworden und damit – in ehrenamtlicher Funktion – für die Aufstellung der ÖFB-Auswahl zuständig. Trainer Hans Pesser hatte auf diese Aufgabe verzichtet, weil er sich die ewigen Diskussionen um Auf- und Abstellungen mit den Klubs nicht antun wollte.
Der No-Name Alge wurde von Anfang an von der Wiener Presse kritisch betrachtet. Als er gegen Ungarn auf eine Startformation mit „nur“ fünf Rapidlern, vier Innsbruckern, dazu jeweils einen Spieler des GAK und des Wiener Sportklubs setzte, murrte die Fußballszene in der Bundeshauptstadt hörbar. Die „Vorarlberger Nachrichten“ titelten am Tag des Länderspiels – die Aufstellung wurde damals einen Tag vor dem Match bekanntgegeben – dagegen euphorisch: „Alge bewies Mut bei der Aufstellung“.
Nach einer wenig berauschenden 1:3-Niederlage wurden die Gräben zwischen West und Ost immer tiefer. „Die Ausgangsposition für diesen Länderkampf war für den Lustenauer (Alge; Anm.) nicht gerade günstig, da einige Wiener Publikationsorgane das Publikum aufgeheizt hatten, so dass es dann, als Alge 10 Minuten vor Schluss rasch zu dem kurz verletzten Torhüter Hodschar aufs Feld eilte, zu einem Sprechchor einiger Tausend kam. In dieser Situation darf man Alge bewundern, er wusste genau, was kommt, und begab sich trotzdem zu dem Verletzten“, verbaten sich die VN jede Kritik an Alge.

SW Bregenz im Jahr 1967 <span class="copyright">Oskar Spang, Stadtarchiv Bregenz</span>
SW Bregenz im Jahr 1967 Oskar Spang, Stadtarchiv Bregenz

Die Ausgangsposition

Das Aufeinandertreffen zwischen Rapid und Schwarz-Weiß Bregenz nur 86 Stunden später stand stellvertretend für die tiefe Abneigung zwischen Vorarlberg und Wien, die wenige Jahr zuvor im Rahmen der Fußachaffäre einen Höhepunkt erreicht hatte.
Rapid war im Jahr zuvor dank des besseren Torverhältnisses gegenüber Wacker Innsbruck Meister der Nationalliga geworden und extrem gut in die Saison gestartet. Die Hütteldorfer hatten Sturm Graz (5:2), Austria Salzburg (7:0) und Lokalrivale Austria Wien (3:0) regelrecht abgefertigt, als sie nach Bregenz fuhren.
Doch auch Bregenz hatte Selbstvertrauen getankt, die Saison 1966/67 wurde als Aufsteiger sensationell auf dem sechsten Rang beendet. Allerdings waren im zuvor einzige Heimspiel der Saison der Elf des damaligen Trainers Milan Antolkovic von Austria Wien deutlich die Grenzen aufgezeigt worden (0:5).
Jubel ohne Ende. Das Spiel wurde pünktlich um 16.30 Uhr angepfiffen, zuvor hatte es den gesamten Sonntag geregnet. Das Spielfeld präsentierte sich dementsprechend aufgeweicht. Aufgrund des schlechten Wetters hatten nur 6000 Fans und damit deutlich weniger als vermutet den Weg ins Bodenseestadion gefunden. Laut den VN habe SW Bregenz „durch diese Wetterunbill einen Einnahmenausfall von mindestens 100.000 Schilling“ erlitten.
Dafür lief sportlich von Beginn an alles nach Wunsch für die Hausherren, die in einem 4-3-3-System aufgelaufen waren. Rapid-Keeper Gerald Fuchsbichler – eines der Aufstellungsofper von Bundeskapitän Alge – konnte einen Abpraller nicht festhalten, und Gyula Szabo sorgte bereits nach acht Minuten für die Führung. Der Ungar war nach einigen Jahren in Spanien 1965 österreichischer Meister mit dem LASK geworden und anschließend nach Bregenz gewechselt. Rapid-Trainer Rudolf Vytlacil reagierte und wechselte bereits nach 15 Minuten seinen Torhüter, kurz darauf verletzte sich auch noch Günter Kaltenbrunner, und bevor der Linksaußen ersetzt werden konnte, hatte Fritz Rafreider in Überzahl nach einer Flanke das 2:0 erzielt (25.). „Jubel, Jubel ohne Ende“, beschrieben die VN diesen Treffer eines der größten Fußballers, die Vorarlberg je hervorgebracht hat. Bis zur Pause hatte Schwarz-Weiß nun alles unter Kontrolle.
In der Kabine mussten die Hausherren zunächst ihre Trikots wechseln, die dunklen Oberteile kombiniert mit weißen Hosen waren angesichts der zunehmenden Verschmutzung kaum mehr von den gestreiften Rapid-Trikots mit dunklen Hosen zu unterscheiden.

Rapid-Sektionsleiter Robert Dienst (l.) und Trainer Rudolf Vytlacil im Bregenzer Regen.<br><span class="copyright">Archiv Russmedia</span>
Rapid-Sektionsleiter Robert Dienst (l.) und Trainer Rudolf Vytlacil im Bregenzer Regen.
Archiv Russmedia

Das Unrecht der Wiener Medien

Bregenz kam ganz in Weiß zurück aufs Feld und stemmte sich gegen die anrollenden Angriffe des Meisters. Torhüter Adolf Antrich reagierte mehrfach glänzend gegen den herausragenden dänischen Angreifer „Johnny“ Bjerregaard. Als Helmut Metzler schließlich einen Halbvolley zum dritten Bregenzer Treffer „einkanonierte“, wie die VN schrieben, stand die Sensation bereits nach 69 Minuten fest. Rapid hatte gegen entfesselte Bregenzer nichts mehr entgegenzusetzen – das 1:3 in der Schlussminute war nur noch Ergebniskosmetik.
Für die Vorarlberger Öffentlichkeit war der Bregenzer Sieg die Bestätigung, dass Bundeskapitän Alge, der auf einige Rapidler verzichtet hatte und nicht das 3-2-5-System der Grün-Weißen spielen ließ, in Wien Unrecht getan wurde. „SW Bregenz siegte auch für Alge“, prangte in großen Lettern auf dem Sportteil der VN.
Am Ende der Saison war Alge dennoch längst entlassen und Rapid Wien erneut Meister – mit insgesamt nur drei Niederlagen. Für SW Bregenz reichte ein 11. Rang zum sicheren Klassenerhalt in der Nationalliga, der Abstieg folgte eine Saison später. Doch der Sieg gegen die „großen Wiener“ bleibt unvergessen.

Lesen Sie nächste Woche in der NEUE am Sonntag: „Eine Niederlage auf großer Bühne“